GM-Chefin verteidigt Opel-Werksschließung in Bochum

GM-Chefin Mary Barra beim Interview in Rüsselsheim.
GM-Chefin Mary Barra beim Interview in Rüsselsheim.
Foto: Kai Kitschenberg
Was wir bereits wissen
Interview mit GM-Chefin Mary Barra über das Ende der Autoproduktion in Bochum, die Diesel-Diskussion und ihre Pläne für die Marke Opel.

Rüsselsheim/Bochum.. Die Chefin des Opel-Mutterkonzerns General Motors (GM), Mary Barra, hat die Schließung des Bochumer Autowerks verteidigt. „Es war eine sehr schwierige Entscheidung. Aber wir mussten unsere Überkapazitäten in Europa und Deutschland abbauen. Daher war der Schritt notwendig“, sagte Barra im Interview mit Blick auf die Schließung vor etwas mehr als einem Jahr.

Das Bochumer Opel-Werk hatte zuletzt rund 3300 Menschen beschäftigt. Davon wechselte ein Teil an andere Opel-Standorte, in ein personell aufgestocktes Opel-Ersatzteillager in Bochum oder zu anderen Arbeitgebern. Für rund 2600 Beschäftigte wurde eine Transfergesellschaft zur Weiterqualifizierung gegründet. Doch bislang lief die Vermittlung in neue Stellen meist zäh.

„Wir wollen in diesem Jahr die Gewinnschwelle durchbrechen“

Während der Mutterkonzern GM im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn eingefahren hat, befand sich die deutsche Tochterfirma Opel weiterhin in der Verlustzone. Konzernchefin Barra sagte, Opel sei auf dem richtigen Weg. „Wir wollen in diesem Jahr mit Opel die Gewinnschwelle durchbrechen“, so Barra.

[kein Linktext vorhanden] Bei dem Bochumer Kongress „Car Symposium“ der Universität Duisburg-Essen stellte die GM-Chefin das neue Opel-Elektroauto „Ampera-e“ vor. Es soll im kommenden Jahr auf den deutschen Markt kommen. Der US-Autobauer will in Zukunft verstärkt auf Fahrzeuge mit Batterie-Technologie setzen.

Neben Barra war auch Daimler-Chef Dieter Zetsche nach Bochum gereist. Themenschwerpunkte des vom Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer organisierten Kongresses waren die Digitalisierung von Autos und Elektromobilität.

Unsere Fahrzeuge erfüllen die erforderlichen Abgasgrenzwerte“

GM-Chefin Barra machte deutlich, dass sie sich staatliche Unterstützung wünsche, um Elektroautos populärer zu machen. „Es gibt viele Wege, wie Regierungen dazu beitragen können, Elektromobilität attraktiver zu machen“, betonte sie. Zur Frage, ob sie den Kunden in Deutschland versprechen könne, dass bei den Diesel-Fahrzeugen von Opel alles korrekt und sauber ist, sagte Barra: „Unsere Fahrzeuge erfüllen die erforderlichen Abgasgrenzwerte. Sie haben alle erforderlichen abgasbezogenen Typzulassungstests erfolgreich durchlaufen.“

Welche Pläne GM-Chefin Barra für Opel in Deutschland hat

Es ist der erste Besuch der GM-Chefin in Bochum seit der Schließung der Autofabrik in der Stadt: Mary Barra, die erste Frau an der Spitze der Opel-Mutter General Motors, ist Rednerin beim Bochumer „Car Symposium“ der Uni Duisburg-Essen. Bevor Barra nach Bochum gereist ist, hat sie in der Opel-Zentrale in Rüsselsheim Fragen von Ulf Meinke beantwortet.

Vor etwas mehr als einem Jahr hat die GM-Tochter Opel die Autoproduktion in Bochum eingestellt. War die Schließung des Werks wirklich unvermeidlich?

Barra: Es war eine sehr schwierige Entscheidung. Aber wir mussten unsere Überkapazitäten in Europa und Deutschland abbauen. Daher war der Schritt notwendig.

Wie weh hat Ihnen der Einschnitt getan?

Logistker baut in Bochum Barra: Ein Werk zu schließen, ist sehr schmerzhaft. Es war uns aber wichtig, dass unser Handeln verantwortungs- und respektvoll gegenüber den Menschen ist.

Stehen weitere Werksschließungen in Europa an?

Barra: Nein. Wir wollen in diesem Jahr mit Opel die Gewinnschwelle durchbrechen. Das steht im Mittelpunkt. Und wir wollen mit den Werken, die wir haben, kontinuierlich wachsen.

General Motors hat im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn eingefahren, aber Opel blieb in der Verlustzone. Können Sie damit zufrieden sein?

Barra: Opel ist auf dem richtigen Weg. 2016 wird ein entscheidendes Jahr. Opel hat viel dafür getan, sich kontinuierlich zu verbessern. Wir arbeiten jetzt deutlich effizienter und haben die Marke gestärkt. Mit unseren Modellen Karl, dem neuen Corsa, dem Mokka und dem neuen Astra sind wir erheblich schlagkräftiger geworden.

Wie wichtig ist Opel für General Motors insgesamt?

Barra: Opel spielt eine immens wichtige Rolle für GM. In Rüsselsheim befindet sich unsere Europa-Zentrale. Der europäische Markt ist unglaublich wichtig. Und auch von der Kompetenz der mehr als 7000 Opel-Ingenieure profitiert GM weltweit.

Was können die Ingenieure in Rüsselsheim, was die GM-Kollegen in Detroit oder im Silicon Valley nicht können?

Barra: Wir haben ein sehr begabtes Team in Deutschland. Wir profitieren von der Vielfalt an unseren Standorten und setzen auf Zusammenarbeit. Unsere Ingenieure an unterschiedlichen Stellen auf der Welt helfen uns auch, die Kunden auf verschiedenen Märkten besser zu verstehen. Und schauen Sie sich nur den GT Concept an, der auf dem Genfer Automobilsalon seine Weltpremiere feiern wird: Dieser Sportwagen der Zukunft zeigt das neue Opel-Selbstbewusstsein.

Bekommen die Ingenieure aus Deutschland ein Image-Problem angesichts des Diesel-Skandals von Volkswagen?

Barra: Zur Situation von VW möchte ich mich nicht äußern. Das Opel-Team genießt jedenfalls ein hohes Ansehen - überall auf der Welt.

Hat der Diesel jetzt noch eine Chance auf dem US-Markt?

Arbeitsgericht Barra: Auf jeden Fall. Die Diesel-Technologie spielt auch für uns eine wichtige Rolle und wir haben inzwischen auch einige Chevrolet-Modelle mit Dieselmotor auf den Markt gebracht.

Können Sie den Kunden in Deutschland versprechen, dass bei den Diesel-Fahrzeugen von Opel alles korrekt und sauber ist?

Barra: Unsere Fahrzeuge erfüllen die erforderlichen Abgasgrenzwerte. Sie haben alle erforderlichen abgasbezogenen Typzulassungstests erfolgreich durchlaufen. Es gibt keine GM-Software, die erkennt, ob ein Auto auf einem Prüfstand betrieben wird. Doch die Diskussion geht mittlerweile weiter. Die Frage lautet: Wie können wir bei den Tests für die Zulassung der Fahrzeuge die realen Begebenheiten möglichst gut darstellen? Wir arbeiten daran, uns hier weiter zu verbessern.

Der Skandal um defekte Zündschlösser, die vor einigen Monaten in den USA zu zahlreichen Todesfällen geführt haben, hat GM in eine Krise gestürzt. Können Sie sicherstellen, dass sich so etwas nicht wiederholt?

Barra: Wir tun dafür alles, was in unserer Macht steht. Wir haben unsere Produktentwicklung grundlegend verändert und stellen die Sicherheit immer an die erste Stelle

Lassen Sie uns über die Zukunft von GM sprechen. Sie setzen sehr stark auf Elektromobilität, aber die Kunden in Deutschland sind noch zurückhaltend. Auf den Straßen hierzulande sind noch nicht viele Elektroautos zu sehen. Was macht Sie so sicher, dass die neue Technologie ein Erfolg wird?

Barra: Die Kunden verhalten sich sehr rational und intelligent. Aber wir können dazu beitragen, dass die Menschen einen neuen Blick auf die Elektromobilität bekommen. Zum Beispiel mit unserem neuen Modell Ampera-e, das wir im nächsten Jahr auf den Markt bringen.

Wünschen Sie sich staatliche Kaufanreize für Elektroautos in Deutschland?

Barra: Es gibt viele Wege, wie Regierungen dazu beitragen können, Elektromobilität attraktiver zu machen. Eine Infrastruktur mit einer ausreichenden Zahl von Ladesäulen ist wichtig. Ich freue mich, dass Kanzlerin Merkel erklärt hat, die Bundesregierung wolle an dieser Stelle intensiv mit der Industrie zusammenarbeiten. Auch Kaufanreize können helfen. Generell gilt in unserer Branche: Wenn die Stückzahlen steigen, verringern sich die Kosten. Wenn für eine bestimmte Zeit Vergünstigungen dazu beitragen, Elektroautos erschwinglicher zu machen, profitieren alle davon.

Man kann den Eindruck bekommen, sie möchten GM neu erfinden.

Barra: Mir geht es um stetige Verbesserungen, die wir möglichst schnell erreichen wollen. Wir wollen der werthaltigste Autokonzern der Welt sein. Daran arbeiten wir jeden Tag und wir wissen, dass noch einiges zu tun ist. Wir sind bescheiden, aber hungrig.

Wann wird das selbstfahrende Auto alltäglich sein?

Barra: Wann genau das sein wird, kann ich nicht sagen. Aber ich bin überzeugt davon, dass sich die Autoindustrie in den kommenden fünf oder zehn Jahren stärker verändern wird als in den vergangenen 50 Jahren. Schon jetzt sind so viele Systeme im Auto elektronisch gesteuert. Die Digitalisierung wird die Autobranche revolutionieren.

Sind Apple und Google die neuen Konkurrenten von GM?

Barra: Dass es nicht nur die klassischen Autokonzerne sind, die neue Mobilitätslösungen ausloten, zeigt, wie groß die Möglichkeiten sind. Für GM ist klar: Wir wollen führend sein.

Wollen die Menschen denn überhaupt selbstfahrende Autos? Möchten die Menschen nicht selbst die Kontrolle über ihr Fahrzeug haben?

Barra: Den Kunden werden zusätzliche Möglichkeiten eröffnet. Ich liebe das Autofahren, aber wenn ich im Stau stecke, ist es kein Spaß. Selbstfahrende Autos können dazu beitragen, dass es weniger Staus gibt. Ältere Menschen, die nicht mehr fahrtauglich sind, können ebenfalls von der neuen Technologie profitieren. Auch die Sicherheit im Straßenverkehr ließe sich verbessern.

Aber die computergesteuerten Autos könnten Ziel von Hackern werden.

Barra: Wir arbeiten sehr intensiv daran, dieses Gefahrenpotenzial zu minimieren. Aber klar ist: Wir müssen wachsam sein.

Übernehmen die USA bei der Entwicklung selbstfahrender Autos die Führung und Deutschland läuft hinterher?

Barra: Es passiert sehr viel in den USA, aber auch die deutschen Autobauer sind nicht untätig.

Welche Botschaft haben Sie für die Beschäftigten an den deutschen Opel-Standorten Rüsselsheim, Eisenach, Kaiserslautern und Bochum im Gepäck?

Barra: Ich bin sehr stolz auf die Fortschritte, die wir erreicht haben. Ohne Ehrgeiz gibt es keine Verbesserungen. Wir sind gut positioniert, um in diesem Jahr die Gewinnschwelle zu erreichen. Opel ist ein starkes Mitglied der GM-Familie. Wir werden Opel unterstützen, wo wir es können.

Sie sind die erste Frau an der Spitze eines großen Autokonzerns. Sie führen GM seit zwei Jahren. Wer hat sich in dieser Zeit mehr verändert – das Unternehmen oder Sie?

Barra (lacht): Gute Frage. Ich glaube, wir haben uns beide verändert. Im Unternehmen ist ein grundlegender Kulturwandel zu spüren. Und ich persönlich habe sehr viel gelernt.

Was denn?

Barra: Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, dass alle Stimmen in einem Konzern gehört werden, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ist es denkbar, dass in einigen Jahren eine Frau an der Spitze von Opel steht?

Barra: Ich sehe keinen Veränderungsbedarf. Wir haben doch Karl-Thomas Neumann, der einen großartigen Job macht!

Kennen Sie eigentlich Jürgen Klopp?

Barra: Jürgen Klopp? (Barra überlegt.) Ja, ja, den kenne ich. Ich habe ihn doch vorhin in einem neuen Werbespot von uns gesehen. Ich mag Fußball. Ich bin ein großer Soccer-Fan.