Genossen sehen „ein Dilemma“

Life-Inhaber Gerd Lichtenberg wehrt sich gegen Vorwürfe, sein Unternehmen würde den elfjährigen Paul in Ungarn unzureichend betreuen.
Life-Inhaber Gerd Lichtenberg wehrt sich gegen Vorwürfe, sein Unternehmen würde den elfjährigen Paul in Ungarn unzureichend betreuen.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
SPD-Ratsherr und Jugendhilfe-Unternehmer Gerd Lichtenberger stellt sich SPD-Fraktion und dementiert Vorwürfe gegen seine Firma.

Bochum.. Gegenüber dem Fraktionsvorstand und der SPD-Fraktion hat sich der durch eine Monitor-Berichterstattung angegriffene Ratsherr Gerd Lichtenberger (63) am Montag zu Vorwürfen geäußert, seine Life Lebenshilfe GmbH würde einen elfjährigen Jungen unter unzureichenden Umständen in Ungarn unterbringen.

„Für mich und meine Kollegen waren die Erläuterungen nachvollziehbar“, sagt Fraktionsvorstandsmitglied Hermann Päuser. Gleichwohl räumte er ein, dass viele Genossen angesichts der Reputation von Monitor und der glaubwürdigen Äußerungen Lichtenbergers „vor einem Dilemma stehen. Einer kann nur Recht haben“. Lichtenberger habe kritische Fragen beantwortet, so zu der von ihm gegründeten und nun von seiner Tochter geleiteten Web-Schule, die im betreffenden Fall eine Rolle spielt.

Päuser hat als Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses eine Info-Veranstaltung für Rats- und Ausschussmitglieder mit Jugendamts-Chef Dolf Mehring initiiert (Dienstag, 11 Uhr). Dabei soll es um das Thema „Individualpädagogik in Bochum“, aber nicht ausschließlich um die Life Jugendhilfe gehen.

Streit um die richtige Betreuung

Paul ist elf, lebt seit dem 2. Oktober 2014 in einer ungarischen Kleinstadt und „ihm wurde einen Tag vor seinem Geburtstag die Einwilligung zur Reise nach Ungarn abgerungen“. Das behauptet Harald Hoppe aus dem niederrheinischen Schwalmtal. Er und seine Ehefrau, weit entfernte Verwandte des Jungen, ziehen in Zweifel, dass der von der Life Jugendhilfe GmbH betreute Junge in der richtigen Obhut ist. Nach einer Berichterstattung über den Fall im ARD-Magazin Monitor sieht sich das Bochumer Unternehmen von Gerd Lichtenberger (63) mit kritischen Fragen konfrontiert.

Wird Paul, wie der Junge in dem Filmbeitrag genannt wird, unzureichend betreut, muss er „in Isolation mit freiheitsentziehendem Charakter“ (Hoppe) leben, warum dürfen die Hoppes keinen Kontakt halten, obwohl ihnen das Jugendamt Viersen mittlerweile bescheinigt habe, als Pflegestelle in Frage zu kommen, und wurde die Verlagerung der Betreuung ins Ausland ausschließlich aus finanziellen Gründen so entschieden?

Während das zuständige Jugendamt Dorsten als Auftraggeber der Life Jugendhilfe keine Auskunft darüber gibt, warum Pauls Kontakt zu den Hoppes gekappt wurde, verwahrt sich Unternehmer und SPD-Ratsherr Lichtenberger gegen die Behauptungen. Die Bilder im Film zeigten nicht, dass Paul ein eigenes Zimmer mit Dusche habe, dass der als unqualifiziert bezeichnete Betreuer sehr wohl ausgebildet sei, „ausreichend deutsch spreche und schreibe, dass er seit 2004 bereits zwei „Jugendhilfefälle mit großem Erfolg abgeschlossen hat“ und dass das Jugendamt auch in diesem Fall, wie in allen Fällen üblich, alle sechs Monate die Lage vor Ort beurteile. „Von mangelnder Kontrolle kann überhaupt nicht die Rede sein.“

Zwei Besuche seit Oktober

Lichtenberger hat die Life Jugendhilfe vor 22 Jahren gegründet und sich, wie er sagt, mit seinem individual-therapeutischen Ansatz ebenso wie andere Mitglieder in der Bundesarbeitsgemeinschaft Individualpädagogik immer wieder Kritik und bisweilen Anfeindungen ausgesetzt gesehen („Ich weiß, dass wir uns in einem Grenzbereich bewegen“). Falsch sei der Eindruck, die Life Jugendhilfe würde einen Großteil der 7000 Euro einbehalten, die das Jugendamt Dorsten monatlich überweise. „Zwei Drittel bekommt der Betreuer“ – egal, ob er in Deutschland oder im Ausland arbeite. Finanziert würden von dem Geld außerdem Personalkosten in Bochum, Reisen zu den betreuten Kindern und die mit Tagessätzen in Rechnung gestellten Leistungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie Datteln.

Gegenüber der WAZ äußert sich Dr. Rainer Dieffenbach, Chefarzt der Dattelner Einrichtung, zu dem Fall: Während Pauls entfernter Verwandter Harald Hoppe sagt, von der Kinderklinik Datteln sei noch niemand in Ungarn gewesen, erklärt er: „Alle Kinder in Ungarn wurden seit Oktober zweimal von unseren Leuten besucht.“ Ein Arzt oder ein Psychologe begleite in diesem Fall die Life-Koordinatorin Jennifer Krautscheid.

„Auslandshilfe ist höchst effektiv“

Etwa 1,5 Prozent aller „von Amtswegen“ betreuten Kinder und Jugendlichen werden individual-therapeutisch behandelt – ein Drittel davon im Ausland, sagt Gerd Lichtenberger. Das Jugendamt Bochum lässt derzeit fünf Kinder, die juristisch in seiner Obhut sind, von Organisationen im Ausland betreuen; eines davon von Life. Insgesamt hat es 1063 Kinder und Jugendliche stationär untergebracht – in Heimen oder bei Pflegefamilien; 120 davon sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Der Aufenthalt von Kindern mit besonderem Betreuungsbedarf im Ausland kann der richtige Weg sein, so Life-Chef Lichtenberger; etwa um Abstand zu einer Szene, einem Milieu oder zu Zuhältern zu schaffen. Er verweist auf eine Studie Mainzer Wissenschaftler. Sie kommen zum Schluss, dass Auslandshilfen wegen ihrer hohen Effektivität „trotz der höheren Gesamtkosten“ im Vergleich am besten abschneiden. Auch aus medizinischer Sicht machen sie Sinn, so Psychologe Dieffenbach: „Ich fände es verwerflich, wenn Jugendämter wegen einer einseitigen Berichterstattung daraus ableiten würden, die Auslandsbetreuung nicht mehr in Erwägung zu ziehen.“

Ihre Preise legt die Life Jugendhilfe jedes Jahr nach Gesprächen mit dem Jugendamt Bochum in Entgeltvereinbarungen fest. Andere Jugendämter übernehmen sie. Für eine 1:1-Betreuung wie im Fall Paul, werden 229 Euro täglich berechnet. Zum Vergleich: Die geschlossene Unterbringung in Hamburg koste täglich 700 Euro, die Unterbringung in psychiatrischen Einrichtungen wie in Marsberg 400 Euro pro Person und Tag. Aus diesen und anderen Einrichtungen würden häufig Kinder übernommen. Life betreut derzeit 65 Fälle, ein Drittel davon im Ausland.