Veröffentlicht inPanorama

Gedenkfeier erinnert an ICE-Unglück von Eschede vor 20 Jahren

Gedenkfeier erinnert an ICE-Unglück von Eschede vor 20 Jahren

5F998200D8F79349.jpg
ARCHIV - 03.06.1998, Niedersachsen, Eschede: Hunderte von Helfern versuchen im Wrack des verunglückten ICE 884 Opfer des Zugunglücks zu bergen. In Eschede war am 3. Juni 1998 der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" wegen eines gebrochenen Radreifens aus den Gleisen gesprungen und an einer Brücke zerschellt. 101 Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben. (dpa-Themenpaket zum 20. Jahrestag des Zugunglücks in Eschede vom 01.06.2018) Foto: Holger Hollemann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa
  • Am Sonntag jährt sich die ICE-Katastrophe von Eschede zum 20. Mal
  • Zur Gedenkfeier kamen der Bahnvorstand, Helfer von damals und Hinterbliebene
  • Die Angehörigen der Opfer fühlten sich lange Zeit von der Deutschen Bahn gedemütigt

Eschede. 

Überlebende, Angehörige von Opfern und Helfer haben am Sonntag im niedersächsischen Eschede der ICE-Katastrophe vor 20 Jahren gedacht. Bei dem bislang schwersten Bahnunglück in der bundesdeutschen Geschichte waren 101 Menschen ums Leben gekommen, 88 Reisende wurden schwer verletzt.

„Die Erinnerung daran ist ständige Mahnung, dass Sicherheit Vorrang vor allem Anderen haben muss“, sagte Bahn-Vorstand Richard Lutz. Er bekräftigte die Entschuldigung der Bahn für das entstandene menschliche Leid. Alle Menschen, die damals in dem Unglückszug saßen, hätten sich der Bahn anvertraut. „Und wir müssen dazu stehen, dass wir dieser Verantwortung an diesem Tag nicht gerecht geworden sind.“

ICE-Unglück von Eschede hat keine juristischen Folgen

Am 3. Juni 1998 kurz vor 11 Uhr entgleiste der Intercity-Express 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ in der kleinen niedersächsischen Gemeinde. Mit Tempo 200 prallte er gegen eine Betonbrücke. Der Zug war auf dem Weg von München nach Hamburg. Ursache des Unglücks war ein gebrochener Radreifen, der sich an einer Weiche vor der Brücke verhakt hatte.

„Das Zugunglück von Eschede, diese Katastrophe, ist unvergessen“, sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Ein Grund sei, dass das Unglück die Menschen in einem Moment getroffen habe, als sie sich vollkommen sicher fühlten.

„Technik bietet keine ständige Sicherheit“, mahnte Weil. Für das Bundesverkehrsministerium sagte Staatssekretär Ennak Ferlemann (CDU), die für Sicherheit Zuständigen müssten ständig an ihre Verantwortung erinnert werden. „Wir dürfen an dieser Stelle nicht sparen.“

Angehörige der Opfer warteten lange auf Entschuldigung

Der Sprecher der Selbsthilfe Eschede, in der sich Angehörige und Opfer zusammenschlossen haben, sprach von einer vermeidbaren Katastrophe und einer gescheiterten juristischen Aufarbeitung. „Es waren Fehleinschätzungen von Menschen, die zu diesem Unglück führten – Fehlleistungen.“

Die Bahn zahlte den Hinterbliebenen für jeden Toten 30.000 Mark Schmerzensgeld, umgerechnet etwa 15.000 Euro. Ein Strafverfahren gegen die Bahn und den Reifenhersteller wurde 2003 eingestellt. Hinterbliebene und Überlebende warfen der Bahn Fahrlässigkeit und Schlamperei vor.

Bei der Zulassung der Radreifen sei die Belastbarkeit der Technik nicht ausreichend geprüft worden, später habe es trotz festgestellter Probleme Nachlässigkeiten bei der Wartung gegeben. Erst am 15. Jahrestag 2013 entschuldigte sich der damalige Bahnchef Rüdiger Grube für das entstandene Leid. „Auch wenn wir dadurch nichts ungeschehen machen können, bitten wir Sie, unsere Entschuldigung anzunehmen, sie kommt wirklich von ganzem Herzen.“

Demütigung der Hinterbliebenen bei Trauerfeier

Die Opfer hatten bis dahin vergeblich auf eine solche Geste gewartet. Zwischen den Angehörigen der Toten, Opfern und den Verantwortlichen der Bahn gab es lange Zeit tiefe Gräben. So empörten sich die Angehörigen darüber, dass sie bei der offiziellen Trauerfeier vor 20 Jahren nur auf den hinteren Sitzreihen Platz nehmen durften, da die vorderen für Politiker wie den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl reserviert waren.

„Wir haben sicherlich auch Fehler gemacht. Wir bedauern die Geschehnisse in Eschede zutiefst“, sagte Grube vor fünf Jahren. (leve)