Für mehr Bildungsfreiheit
16.11.2011 | 17:11 Uhr 2011-11-16T17:11:00+0100
Bochum. Erneut gehen jetzt viele Schüler, Studenten und Auszubildende auf die Straße, um für ein besseres Bildungssystem zu protestieren. Im Bündnis mit vertreten ist die Bezirksschülervertretung (BSV) Bochum. Sprecher Jonathan Röder (17) erklärt im Gespräch mit WAZ-Volontärin Katrin Bölstler, wogegen protestiert wird.
Erneut gehen jetzt viele Schüler, Studenten und Auszubildende auf die Straße, um für ein besseres Bildungssystem zu protestieren. Im Bündnis mit vertreten ist die Bezirksschülervertretung (BSV) Bochum. Sprecher Jonathan Röder (17) erklärt im Gespräch mit WAZ-Volontärin Katrin Bölstler, wogegen protestiert wird.
Herr Röder, was ist die BSV?
Röder: Die BSV vertritt alle Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen in Bochum. Sie wurde gegründet, da sich in der Schulpolitik so viel ändert, dass einige von uns es für nötigt halten, eine eigene Interessenvertretung zu haben.
Was treibt sie an, sich ein Jahr vor ihrem Schulabschluss noch so für Schulpolitik ins Zeug zu legen?
Ich glaube, dass es mir wie vielen jungen Leuten im Moment geht. Wir nehmen die Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft und in der Schule wahr und möchten nicht mehr länger passiv sein, unser Leben selbst in die Hand nehmen. Bei mir führte mich mein Weg zuerst in die BSV, dann für kurze Zeit in die SPD und jetzt engagiere ich mich vor allem in der Bildungsarbeit, gebe Seminare oder organisiere eben den Streik mit.
Für ein besseres Bildungssystem und damit gegen Turbo-Abi und Regelstudienzeit will das Bündnis „Bildungsstreik Bochum“ demonstrieren. Dazu wollen sich Schüler und Schülerinnen, aber auch Studierende am heutigen Donnerstag, 9.30 Uhr, vor dem Hauptbahnhof treffen. Diese Aktion verstehen sie als Teil von bundesweiten Demonstrationen in 40 Städten.
Bereits im Juli gab es einen Schulstreik mit 500 Beteiligten. Dabei hätten die Initiatoren mit Repressionen zu kämpfen gehabt. Diesmal, so das bewusst von Parteien und Organisationen unabhängige Bündnis, unterstütze sie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Auch nach der erfolgten Abschaffung von Kopfnoten und Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen gebe es genug Anlass, Kritik am Bildungssystem zu üben. Es fehlten Studien- und Ausbildungsplätze, Geld für Lernmaterialien. Außerdem werde durch das G-8-Turbo-Abitur, Zentralabitur und die Anwesenheitspflicht an den Universitäten Leistungsdruck erzeugt.
Obwohl das Bündnis seine Unabhängigkeit betont, wird es diesmal von der DGB-Jugend und dem DGB unterstützt. Jugendreferent Tim Ackermann: „Die DGB-Jugend fordert mehr Investitionen in das öffentliche Bildungssystem, mehr Zeit für Bildung und die Abschaffung aller Bildungsgebühren, vom Kindergarten bis zur Hochschule.“
Die Bundestagsabgeordnete der Linken, Sevim Dagdelen, stellt sich hinter die Forderungen des Bündnisses: „Die Jugendlichen wehren sich zu Recht gegen eine Politik, die ihnen ihre Zukunft systematisch verbaut.“ Es sei ein Skandal, dass der Geldbeutel der Eltern über den Zugang zu Bildung entscheidet. Das Recht auf Bildung muss endlich für alle durchgesetzt werden.
Solidarisch mit den jungen Leuten erklärt sich zudem die Soziale Liste Bochum. Schul- und Bildungspolitik dürfe nicht unter „kapitalistischen Verwertungsbedingungen stattfinden.
Was sind die konkreten Forderungen des Bündnisses?
Ich bin kein offizieller Sprecher des Bündnis Bildungsstreik Bochum, aber die Forderungen des Bündnis decken sich weitgehend mit denen des BSV. Wir alle wollen eine Schule für alle, also ein Schulmodell, das nicht selektiert und in dem nicht von vorneherein fest steht, wie man sich später entwickelt. Die BSV kritisiert zudem, dass die rot-grüne Regierung weiterhin an dem Kooperationsvertrag der Bundeswehr mit den Schulen festhält, obwohl sie vor den Wahlen das Gegenteil versprochen hat. Wir sehen es sehr kritisch, dass die Bundeswehr angebliche Informationsveranstaltungen in Schulen abhalten darf, bei denen meiner Meinung nach aber eher Schüler sehr einseitig beeinflusst werden.
Wer steht hinter dem Bündnis Bildungsstreik in Bochum?
Das Bündnis ist eine Interessenvertretung von Schülern und Studenten, aber auch von Auszubildenden. Wir haben in unseren Reihen einige IG-Metaller und Opelaner, die nicht weniger sauer sind über die aktuelle Bildungspolitik.
Was sind Ihre konkreten Forderungen?
Wir fordern die Abschaffung jeglicher Zulassungsbeschränkungen im Studium und die Abschaffung aller Bildungsgebühren. Zudem fordern wir die Abschaffung von G8 und der Regelstudienzeit.
Was spricht gegen G8?
Da der Lehrplan nicht gekürzt wurde, wir aber ein Jahr weniger Zeit haben, ist der Leistungsdruck auf uns Schüler enorm gewachsen. Nicht wenige Schüler haben Depressionen oder andere stressbedingte Krankheiten. Aufgrund des hohen Lernpensums und dem langen Nachmittagsunterricht bleibt kaum noch Zeit für Freizeit und Freunde. Gleichzeitig hat das Mobbing an den Schulen stark zugenommen, da besonders schwache Schüler nach einem Ventil suchen, um Druck abzulassen. Der Leistungsdruck spaltet uns, es gibt kein Miteinander mehr, sondern nur noch ein Gegeneinander.
Mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie dieses Mal?
Das ist schwer zu sagen. Beim letzten Mal haben viele Schulleitungen ihren Schülern die Teilnahme verboten. Dieses Jahr hat sich jedoch die Lehrergewerkschaft GEW mit uns solidarisiert und wir hoffen auf etwa 500 bis 1000 Teilnehmer aus dem gesamten Stadtgebiet. Die BSV hat für den 17. November um 9 Uhr morgens eine Schülervollversammlung am Hauptbahnhof einberufen. Alle Bochumer Schüler haben laut Schulgesetz das Recht, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Ob sie danach zum Streik bleiben, ist ihre Sache.

17:02
Jonathan schein im Widerspruch zu seiner eigenen Aussage zu stehen.
Scheinbar hat er viel freie Zeit neben der Schule!
15:53
"[...]ein Schulmodell, das nicht selektiert und in dem nicht von vorneherein fest steht, wie man sich später entwickelt[...]"
Klingt für mich nach dem Wunsch einer allgemeinen Waldorfschule. Kein Notendruck bis zum Abitur, kein Sitzenbleiben. Ein Jahrgang bleibt zusammen, durchgängig.
"[...]Wir sehen es sehr kritisch, dass die Bundeswehr angebliche Informationsveranstaltungen in Schulen abhalten darf, bei denen meiner Meinung nach aber eher Schüler sehr einseitig beeinflusst werden.[...]"
Hier kann ein politisches Zeichen gesetzt werden, wenn man diesen Veranstalltungen aus Gewissensgründen fern bleibt, ähnlich dem Widerspruch zum Dienst an der Waffe. Türkischstämmige Mädchen werden ab dem Kopftuchalter von ihren Eltern vom Sportunterricht befreit. Auch kann jeder Elternteil entscheiden, ob sein Kind am Religionsunterricht teilnehmen darf oder nicht. Demnach muss es auch möglich sein, dass Eltern ihren Kindern verbieten dürfen sich der Meinung der Jungoffiziere der Bundeswehr auszusetzen. Repressionen (z.B. Eintragung von Fehltagen, Schulverweise etc.) sind nach §2 Abs.1 Nr.7 Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) i.V.m. §1 AGG widerrechtens, da eine Ablehung von Krieg und Gewalt und des damit einhergehenden Militärapparates eine schützenswerte Weltanschauung darstellt.
"[...]Wir fordern die Abschaffung jeglicher Zulassungsbeschränkungen im Studium und die Abschaffung aller Bildungsgebühren.[...]"
Studiengebühren gibt es in NRW nicht mehr. Der Beitrag zum Studentenwerk ist keine Bildungsgebühr, sondern ermöglicht unter anderem das subventionierte Soilent Green in der Mensa. Zulassungsbeschränkungen zum Studium sind sinnvoll.
"[...]Der Leistungsdruck spaltet uns, es gibt kein Miteinander mehr, sondern nur noch ein Gegeneinander.[...]"
Dieses Verhalten wird Bachelor/Master Studiengang noch verstärkt. Nur die Härtesten, die Besten der Besten kommen durch. Eine versteckte Elitenförderung seitens der Politik?