Fachklinik: Scheidung macht immer häufiger krank

Die meisten Scheidungen werden nach 14 Ehejahren eingereicht – meist von der Frau. In Bochum trennen sich jährlich rund 900 Ehepaare.
Die meisten Scheidungen werden nach 14 Ehejahren eingereicht – meist von der Frau. In Bochum trennen sich jährlich rund 900 Ehepaare.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Nach Trennungen und Scheidungen müssen immer mehr Menschen psychiatrisch behandelt werden. Das beobachtet die LWL-Klinik in Bochum.

Bochum.. Immer mehr Ehen werden geschieden. 2013 verzeichnete das Amtsgericht in Bochum 915 Scheidungsanträge – bei 1387 Trauungen. Während das LWL-Universitätsklinikum eine steigende Zahl depressiver Ex-Partner behandelt, wird das „Auslaufmodell Ehe“ jetzt zum Geschäftsmodell: auf der bundesweit ersten Scheidungsmesse „Neustart“, die von einer Bochumer Agentur mitveranstaltet wird.

600 Patienten werden jährlich mit Depressionen in der LWL-Psychiatrie an der Alexandrinenstraße behandelt. Jeden Dritten, schätzt Direktor Prof. Dr. Georg Juckel, hat eine Trennung krank gemacht. Tendenz: steigend.

„Der Getrennte steht oft unter Schock. Das kann der Jugendliche mit Liebeskummer ebenso sein wie der 70-Jährige, der nach Jahrzehnten von seiner Frau verlassen wird“, beobachtet Juckel. Allen gemein sei die Sinnfrage. „Das ganze Leben wird infrage gestellt. Das geht mit Kränkungsgefühlen und Verlust- und Existenzängsten bis zu Selbstmordgedanken einher.“

Depressionen sollten so früh wie möglich diagnostiziert und behandelt werden, empfiehlt der Psychiater. Nach Jahren der Sprachlosigkeit zeige häufig auch eine Paartherapie Erfolg. Auf die müssen Eheleute aber lange warten. „Es gibt zu wenige Kolleginnen und Kollegen, die die Therapie anbieten. Das ist ein großes Problem“, erklärt Juckel. Kurzfristig könne das Evangelische Beratungszentrum am Westring Hilfe leisten. Auch die LWL-Klinik hält fachlichen Beistand vor: zwar nicht mit einer Therapie, aber mit einem „Paargespräch“.

Scheidungsmesse in Dortmund

Eheberater zählen auch zu den Ausstellern der Scheidungsmesse, die am Samstag, 18. April, in der Dortmunder Westfalenhalle stattfindet (die WAZ berichtete). Veranstalter sind die Düsseldorfer Agentur „Added Life Value“ und die „Eventmanufaktur“ von Caba Kroll und Ralf Schäfer an der Riemker Straße. Erstmals ziehen sie eine Info- und Kontaktbörse für Frauen und Männer auf, die an Scheidung denken, in Scheidung leben oder geschieden sind. Der Titel ist Programm: „Neustart“. Soll heißen: nach düsteren Zeiten wieder nach vorne zu schauen. Wieder leben. Wieder lachen. Wieder lieben.

„In Frankreich und Polen sind derartige Messen schon etabliert. Hierzulande wird Scheidung vielfach noch als Makel, als Scheitern angesehen und tabuisiert. Das wollen wir mit der Neustart-Messe ändern“, erklärt „Added Life“-Chef Dr. Christopher B. Prüfer.

Die Resonanz sei erfreulich. Über 30 Aussteller haben zugesagt: Scheidungsanwälte, Finanzdienstleister und Immobilienagenturen, aber u.a. auch ein Friseur, eine Tanzschule, eine Wellness-Oase, ein Zahnarzt und sogar ein Gesichtschirurg, die den Aufbruch in ein neues Leben begleiten wollen.

Neue Bekanntschaften können bei einem Speed-Dating in einer Stretch-Limousine oder abends ab 21 Uhr bei einer „Scheidungsparty“ geschlossen werden. Eine Tombola wartet mit einem besonderen Hauptgewinn auf: einer Online-Scheidung im Wert von 2500 Euro.

Eintritt zur Messe inklusive Party: 20 Euro. Infos: www.neustarten-event.de

Geschiedener Mann leidet noch noch Jahren unter Depression

Scheiden tut weh. Axel Hellmich (Name geändert) hat der Schmerz den Lebensmut genommen. Seit vier Jahren wird er im LWL-Klinikum behandelt. „Die Trennung von meiner Frau“, sagt der 57-Jährige im WAZ-Gespräch, „hat mich in eine schwere Depression gestürzt.“

Der Anfang ist Liebe. 1997 heiratet Axel Hellmich seine 17 Jahre jüngere Partnerin. Zwei Kinder (heute 6 und 8) machen das Familienglück perfekt. Das bekommt 2011 tiefe Risse. Hellmich wird von seinem Arbeitgeber nach Ostwestfalen versetzt. Anfangs pendelt er täglich. Bald mietet er ein Apartment an. Die Ehefrau fühlt sich mit den Söhnen allein gelassen, macht ihrem Mann Vorwürfe. „Sie hat mich gedemütigt, weggestoßen.“ Hellmich, seelisch jeher nicht der Stabilste, zerbricht an der – wie er es empfindet – fehlenden Wertschätzung daheim und im Job.

Die Ehe ist endgültig zerrüttet, als Hellmich aufgrund der psychischen Erkrankung 2011 frühpensioniert wird. „Jetzt hatte ich auch weniger Geld. Da war’s ganz aus.“ Die Scheidung ist schäbig. Streit um den Unterhalt. Kampf ums Sorgerecht. Rosenkrieg. Hellmich stürzt vollends ab, unternimmt drei Selbstmordversuche, legt sich auf die Bahngleise. „Aber es kam kein Zug. Manchmal bedauere ich das.“

Ein gebrochener Mann ist Axel Hellmich bis heute, trotz der mehrjährigen professionellen Hilfe in der LWL-Klinik. Immerhin hat er inzwischen wieder regelmäßig Kontakt zu seinen beiden Jungs.

Woran seine Ehe gescheitert ist? Hellmich überlegt lange. Bei seiner Antwort fällt ihm der Eheschwur ein. „,In guten wie in schlechten Zeiten’: Das war für meine Frau irgendwann nur noch eine hohle Formel.“ Eigene Fehler? „Ich wüsste nicht welche. Für meinen Jobverlust und meine Krankheit kann ich doch nichts.“

Perspektiven erkennt er nicht mehr. Er lebe nur für seine Kinder. Sein behandelnder Arzt Prof. Juckel sieht Fortschritte. Sein Patient habe es immerhin geschafft, die Trennung nicht bloß als Scheitern, sondern als ein Stück Normalität zu begreifen. „Das ist ganz wichtig, um die Zukunft zu meistern.“

Glück und Krise: Was der Experte rät

Was tun, um eine Ehe lebendig und glücklich zu halten? Klinikdirektor Prof. Georg Juckel gibt Hinweise:
– Gemeinsame „qualitative Zeit“ ist wichtig. Gestalten und reservieren Sie einen festen Abend in der Woche nur für sich, als Paarabend, mit Gesprächen und schönen Momenten.
– Kommunikation ist alles. Tauschen Sie sich regelmäßig aus, sprechen Sie Ihre Wünsche und Sorgen, auch Ihre Kritik offen an. Da haben gerade Männer Defizite.
– Streit darf und muss sein. Aber: Pflegen Sie eine Streitkultur, die den anderen nicht verletzt und zerstört. Am Ende sollte immer das Bemühen um Versöhnung stehen.
– Wenn eine Trennung droht: Suchen Sie rechtzeitig professionelle Hilfe, etwa mit einer Paartherapie.
– Dabei gilt letztlich aber auch: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.