Entwickeln und prüfen ganz im Geheimen

Bis zu 100 Stunden steht ein Fahrzeug auf dem Vibrationsprüfstand. Dort werden unterschiedliche Belastungen und Straßenbeläge im Zeitraffer getestet. Brunel-Mitarbeiter Dominik Rüther wirft einen Blick auf die Anhängervorrichtung am Heck eines Fahrzeugs.
Bis zu 100 Stunden steht ein Fahrzeug auf dem Vibrationsprüfstand. Dort werden unterschiedliche Belastungen und Straßenbeläge im Zeitraffer getestet. Brunel-Mitarbeiter Dominik Rüther wirft einen Blick auf die Anhängervorrichtung am Heck eines Fahrzeugs.
Foto: Gero Helm / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Brunel testet im Auftrag von Herstellern und Zulieferern Autos und Autoteile. Geprüft werden sie bis zu 1000 Stunden am Stück.

Bochum.. Die Schranke auf der Grenze zum Betriebsgelände an der Dinnedahlstraße lässt keinen Zweifel zu. Wer die Brunel Car Synergies GmbH besuchen will, der braucht schon buchstäblich eine Extraeinladung. Drinnen folgt die schriftliche Vergewisserung, keine Bild- und Tonaufnahmen vorzunehmen.

Die Geheimniskrämerei hat einen guten Grund: Der Dienstleister entwickelt Verfahren, Prozesse und Produkte vornehmlich für die Automobilindustrie. Und das höchst exklusiv entweder für die Großen der Autobranche, wie zum Beispiel für BMW, oder für einen der zahlreichen Zulieferer, die es gerade in NRW gibt. Alles streng geheim. Schließlich geht es um Entwicklung und Tests von Produkten, sei es Schaltkreise, Scheinwerfer oder ganze Fahrzeuge von morgen.

Fertigungstiefe liegt nur noch bei rund 40 Prozent

Sogenannte Erlkönige, also noch nicht auf dem Markt präsentierte Neufahrzeuge, sind an diesem Tag auf dem Betriebsgelände zwar nicht zu sehen. Aber die mit einer Plane verdeckte, offenkundig schnittige Karosserie auf dem Weg zu einem der Prüflabore und der ebenfalls zum Teil verdeckte Kleinwagen, der gerade auf einer Vibrationsprüfanlage von drei Hydraulikzylinder mächtig durchgeschüttelt wird, sind auch nicht für Jedermanns Augen gedacht.

Unternehmen aus den Bereichen der Agrar- oder Bahntechnik und aus der Luft- und Raumfahrt gehören zwar auch zu den Kunden der Bochumer Tochter eines weltweit tätigen Industriedienstleisters mit Sitz in den Niederlanden. Seit kurzem aber konzentriert sich Brunel in Bochum, Hildesheim und München vor allem auf die Autoindustrie. Bis zu 70 Prozent des Umsatzes fallen auf diese Branche. „Wenn man schaut, wo die meisten Entwicklungsdienstleistungen nach außen hin vergeben werden, dann ist das mit Abstand der Automobilmarkt“, erklärt Brunel-Geschäftsführer Peter Bolz. „Die Hersteller geben von der Wertschöpfung immer mehr an Zulieferer oder Entwicklungsdienstleister ab, ihre eigene Fertigungstiefe liegt vielleicht noch bei 40 Prozent.“ Ein lukrativer Markt also.

Spezialisiert auf Fahrwerke

Brunel hat sich auf das Fahrwerk spezialisiert. In Hildesheim werden Hard- und Software-Produkte entwickelt, in Bochum sind Mechanik und Elektronik angesiedelt. „Hier werden sämtliche Tests durchgeführt. Außerdem bauen wir hier Prüfstände für Kunden“, so Bolz. Immer häufiger gehe es um die Untersuchung ganzer Fahrzeuge. 1999, als die Firma gegründet wurde, war das noch anders. „Wir haben mit Prüfungen an kleinen Komponenten begonnen“, erinnert sich der Geschäftsführer. Seitdem sind die Prüfteile immer größer, die Prüfungen komplexer und die Prüfgeräte größer geworden. Bis zu 1000 Stunden am Stück wird mitunter getestet. Die 40 Beschäftigten, vor allem Ingenieure und Techniker, arbeiten mit 90 Prüfanlagen. „Hier können wir realitätsnah Belastungen aller Art nachstellen wie Temperatur, Klima, Vibrationen oder Staub.“

Brunels Keimzelle ist der Bergbau

Ihre Wurzeln haben der Brunel-Geschäftsführer und das Unternehmen nicht in der Automotive-Branche. Keimzelle von Brunel ist der Bergbau. „Früher war das hier alles DMT“, sagt Peter Bolz. Das Tochterunternehmen der Ruhrkohle AG habe sich an der Dinnedahlstraße über Jahre mit Seilprüfungen beschäftigt, die im übrigen auch heute noch von den Resten der Firmen auf dem gleichen Geländen betrieben wird. 1999 habe es ein Teilausgliederung in Richtung Automobilbranche gegeben, 2004 folgte der Verkauf an Brunel. Fast zeitgleich wurde die DMT-Seiltechnik an den Tüv Nord verkauft, der heute in Besitz der gesamten Gewerbefläche ist.

„Ich habe den Weg vom Bergbau zur Automobilbranche mitgemacht“, sagt Peter Bolz. Nach dem Maschinenbau-Studium an der TFH Georg Agricola war der 57-jährige gebürtige Gladbecker unter anderem als Sachverständiger für Berg- und Tunnel­baufahrzeuge tätig und arbeitete zwischenzeitlich im russischen Kohlerevier Kusbass (Westsibirien) und im Platinbergbau nördlich von Johannesburg (Südafrika). Heute ist er ausgewiesener Testexperte auf dem Gebiet des Automobilbaus. Und der kenne momentan vor allem zwei Trends: die CO2-Reduzierung, etwa durch die Verwendung neuer Werkstoffe, die Entwicklung der E-Mobilität, und das autonome Fahren.

Wachstum sei angesichts dieser Herausforderungen unumgänglich: „Wir müssen da was machen.“ In Hildesheim sucht Brunel gerade ein gutes Dutzend IT-Spezialisten („Die sind schwer zu bekommen“). In Bochum droht der Standort aus den Nähten zu platzen, ganz abgesehen davon, dass die Versorgung mit Energie nicht mehr unbedingt den aktuellen Anforderungen entspricht. Und Energie benötigt Brunel reichlich. „Unsere monatliche Stromrechnung beläuft sich auf etwa 28.000 Euro.“