Entspanntes Leben am Freigrafendamm in Bochum

Anja Junker (44) von der Gärtnerei Hase/Stötzel nutzt gerne den Gehweg.
Anja Junker (44) von der Gärtnerei Hase/Stötzel nutzt gerne den Gehweg.
Foto: Ingo Otto / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Freigrafendamm ist eine Allee und wird in der Mitte durch einen Gehweg geteilt. Am Ende der kurzen Straße steht der Zentralfriedhof. Gaststätte Femlinde ist ein beliebter Treffpunkt.

Bochum.. Man muss sich nur entscheiden. Wer den Zentralfriedhof der Stadt am Freigrafendamm besucht und noch etwas für die Bepflanzung oder einen bunten Gruß benötigt, der hat die Wahl. Im Drei-Gärtner-Eck am Ende der Straße in Blickweite zum Friedhof, gibt es jede Menge Blumen und Pflanzen zu kaufen.

Immer eine gute Entscheidung bei drei guten Möglichkeiten ist der Besuch des Blumenhauses Hase/Stötzel und die Wahrscheinlichkeit beim Kauf von Grünzeug auf Anja Junker (44) zu treffen ist groß. In dritter Generation betreibt ihre Familie das Blumenhaus. Sie ist im Drei-Gärtner-Eck und entlang des Freigrafendamms groß geworden. Sie kennt die Geschichte und die Entwicklung der Straße, die aufgrund ihrer Struktur eine besonderen Platz unter den mehr als 1000 Straßen der Stadt einnimmt. Nicht nur, weil sie eine Allee ist.

Früher gab es eine Straßenbahn

In der Mitte gibt es einen asphaltierten Weg für Fußgänger – oder wahlweise auch Radfahrer und Skater. Links und rechts des Weges dürfen die Autos fahren. Jeweils nur in eine Richtung. Links die Straße runter, rechts die Straße rauf. Zwischendurch aber gibt es ausreichend Möglichkeiten, auf die andere Seite zu kommen.

Vieles des Freigrafendamms kennt Junker aus eigener Erfahrung. Noch mehr kennt sie aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, zu deren Zeiten noch eine Straßenbahn den Freigrafendamm befuhr und die vor ihr den Betrieb ebenso erfolgreich geführt haben.

„Angefangen hat das mit meinem Opa, Hermann Hase. Dann folgte meine Mutter Bärbel, eine geborene Hase, die seit ihrer Hochzeit Stötzel heißt.“

Jahreszeitenwechsel

Immer schon habe es auch diese besondere Dreier-Konstellation gegeben. „Das ist hier so seit 60 Jahren“, sagt Junker. „Konkurrenz-Denken gibt es aber zwischen uns nicht. Wir ergänzen uns und dadurch dass wir zu dritt sind, ist es möglich, dass man auch mal einen Sonntag dann nicht arbeiten muss. Einer hat dann aber auf und die Kunden bekommen ihre Blumen und Gestecke.“

So sicher wie die Nah-Versorgung mit Blumen ist auch der stete Wechsel an den zahlreichen Platanen, die diese besondere Straße säumen. Bis in den April hinein strecken die Platanen ihre Äste nackt in den Himmel. Dann sprießen die Blätter mit Macht, lassen die Straße im stattlichen Grün erstrahlen. „Im Herbst ist es dann wieder eine ganz andere Straße“, sagt Junker. „Dann liegt das ganze Laub auf der Straße. Das ist schon eine Menge.“ Oft hat sie diesen Wechsel an den Bäumen bereits erlebt. Er gefällt ihr, wie sie ohnehin „gerne an der frischen Luft arbeitet“. Um das endgültig zu wissen, benötigte sie einige Jahreszeitenwechsel. „Anfangs wollte ich den Betrieb nicht übernehmen. Ich habe ganz normal mein Abi gemacht und dann Bürojobs ausprobiert. Da habe ich gemerkt: das ist nichts für mich.“

Femlinde als Treffpunkt

Dann lieber frische Luft am Freigrafendamm. Dort, wo sie als Kind schon spielte, zur Bude vom alten Kortmann ging, Klümpkes kaufte. Oder wie sie später mitbekam, wie die Pizzeria Vesuvio (3) eine der ersten war, die einen Lieferservice anbot. Als auch die Platanen noch kleiner waren, gab es zwei Gaststätten in der Straße. Aus der einen ist eine Beatmungs-WG geworden. Sie ist für Menschen, die zum Atmen ein Apparat benötigen. Drei Menschen wohnen dort aktuell.

Dreimal so viele sind es auch an normalen Wochentagen gegen Mittag in der Femlinde. Der Baum, der der Gaststätte den Namen gab, steht lange nicht mehr und auch nicht alle Besucher der Femlinde wissen, woher ihr Treffpunkt seinen Namen hat. Doris Kleinbölting, Beisitzerin bei der SPD Altenbochum, kann helfen. „Das ist ein Begriff aus dem Mittelalter und bedeutet Gericht. An der besagten Linde wurde wohl zu Gericht gesessen. Dass an dem Baum auch Straftäter aufgehängt wurden, ist, glaube ich, aber nicht die Wahrheit.“

Alter Gerichtsort

In den 1920er Jahren wurde der Freigrafendamm als Allee zwischen der Wittener Straße und dem Hauptfriedhof an der Immanuel-Kant-Straße angelegt. Am 28. Dezember 1926 taucht der Name erstmals im Bochumer Straßenregister auf.

Bis 1931 entstanden dort eine moderne Wohnsiedlung und auch ein Kriegerdenkmal, das direkt an der Einmündung zu Wittener Straße stand, und heute vergessen ist.

Name erinnert an mittelalterliche Gerichte

Das Bronzedenkmal, das einen knieenden Krieger zeigte, wurde im Zweiten Weltkrieg abgebaut und für die Rüstung eingeschmolzen. Nach dem Krieg wurde es nicht wieder errichtet, auch wurde der Sandsteinsockel 1947 geschleift. Unmittelbar am alten Standort des Denkmals entstand ein Kiosk, der, direkt an der Straßenbahnhaltestelle der 302/310 gelegen, bis in die 1980er Jahre geöffnet hatte. Seit wohl 20 Jahren schon ist der Kiosk allerdings „dicht“.

Der Name Freigrafendamm ebenso wie die dort gelegenen Gaststätten „Femlinde“ und „Freigrafenhof“ (inzwischen geschlossen) erinnern – wie im Bericht oben erwähnt – an die mittelalterlichen königlichen Gerichte in Westfalen, die in öffentlichen und geheimen Sitzungen Recht sprachen, und die man Freigerichte oder Feme nannte. Die Freischöffen und die Urteilsvollstrecker wurden aus den Mitgliedern (den sog. „Wissenden“) gewählt; der Vorsitzende im Gericht (Freiding) hieß „Freigraf“, der Sitzungsort „Freistuhl“.