Eine ruhige Straße mit reichlich Geschichte(-n)

Sie leben gern in der Kanalstraße: Morad und Hayath Omeirate.
Sie leben gern in der Kanalstraße: Morad und Hayath Omeirate.
Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Serv
Was wir bereits wissen
Angrenzend an einen neuen Kiez steht die Kanalstraße für Beschaulichkeit und Bescheidenheit. Der zweite Blick offenbart allerdings weit mehr als das.

Bochum. Das Beste, so scheint es, kommt gleich am Anfang. Jedenfalls dann, wenn man die Kanalstraße von der Herner Straße aus betritt.

Links auf der Ecke steht „Lolas Papa“. In dem Friseurgeschäft mit schrägem Namen und buntem Interieur der 50er Jahre bietet Friseurmeister Heiko Grosse klassische Leistungen rund um den Kopf, die er auf einer vielsagenden Preisliste aufzählt. Beispiel gefällig: Beziehung beendet? Beratung, Schnitt, Farbe, Strähnen, Dauerwelle (alles, was wir für Dein neues „Ich“ brauchen) – ab 75 Euro inklusive Trösten. Rechts auf der Ecke, also genau gegenüber, hat vor kurzem die „Trinkhalle“ aufgemacht, eine Kneipe mit großer Fensterfront und Mobiliar im Europaletten-Design.

Dass beide Läden postalisch zur Herner Straße gehören und Teil des neuen Kiez’ sind, der sich hier zwischen Nordring und Dorstener Straße bildet, macht nichts. Als Tor zur Kanalstraße verheißen sie buntes Treiben und viel Trubel.

Anwohner sind sich einig

Welch ein Trugschluss. Du kannst fragen, wen du willst, wenn du hier entlang schlenderst: Ob Maler Uwe Siemens, der sein Atelier in Haus Nummer 23 hat, ob Markus Schlichterle, dessen Hinterhaus an der Kanalstraße liegt, ob Morad Omeirate, der hier seit elf Jahren mit seiner Familie lebt, oder ob die junge Frau, die auf dem Balkon im Hinterhaus Kräuter erntet; alle sagen: „Es ist ruhig hier.“ Und genau das ist es, was sie schätzen. Zumal die Lage zentral ist – Schule, Arzt, Geschäfte, alles ist in der Nähe. „Und hier ist die letzte Straße in der Innenstadt, in der man noch kostenlos parken kann“; sagt Morad Omeirate. Fragt sich allerdings nur, wie lange noch.

Graffitis und Nachtschwärmer

Mehr scheint es dann aber auch nicht zu geben auf den gerade einmal 200 Metern, auf denen sich schmucke Bürgerhäuser mit eher gesichtslosen Mietshäusern abwechseln und an deren Ende ein achtgeschossiges Gebäude signalisiert: Hier ist Schluss. Kein buntes Treiben, nur etliche bunte, wenig ansprechende Graffitis, deren „Autoren“ unbekannt sind. Vielleicht sind es Nachtschwärmer auf dem Heimweg von der unweit gelegenen Disco oder Fans des VfL, die nach Heimspielen hier gerne den Weg abkürzen. Mehr Pep scheint es nicht zu geben, abgesehen vom Wortwitz an der Tür von Künstler Uwe Siemens. „Ding Dong“ hat er über und unter die eigentlich unübersehbare Klingel geschrieben, nachdem der eine oder andere Besucher schon mal mit markerschütternden Schlägen gegen die Tür geklopft hat. Ansonsten ist der Blick die Straße herunter so spektakulär wie ein Besuch der gähnend leeren Parkplätze vor den Opel-Werken.

Aber wer eine Straße auf den ersten Blick beurteilt, der verpasst mitunter einiges. „Hier ist mal eine Straßenbahn entlang gefahren“, weiß Markus Schlichterle zu berichten. Und wer einen tieferen Blick in die Toreinfahrt neben Haus Nummer 18 riskiert, der sieht ein bekanntes Bild, den Förderturm am Bergbaumuseum, aus einer ganz neuen Perspektive.

Überhaupt bietet ein Blick in die Geschichte der Kanalstraße viel Spannendes. Fünf Wohnhäuser stehen unter Denkmalschutz; vornehmlich, weil sie wie die Hausnummer 18, „Auskunft über Wohnverhältnisse und Geschmacksvorstellungen des gehobenen Bürgertums an der Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts“ geben, wie es in der Denkmalliste der Stadt zu lesen ist.

Aber neben dem rühmlichen Teil ist die Kanalstraße auch mit den unrühmlichsten Teil der Stadtgeschichte verbunden. Drei von insgesamt 179 Stolpersteinen in der Stadt weisen darauf hin; der vor Nummer 16 erinnert an Cilly Benjamin, die vor Nummer 3 an Paul und Clothilde Schüler. Sie lebten in sogenannten „Judenhäusern“, in die Juden bis zu ihrer Deportation und Vernichtung zum Teil unter „katastrophalen Bedingungen“, so RUB-Historiker Dr. Hubert Schneider, untergebracht waren. Es ist die Zeit, in der die Kanalstraße vorübergehend auch einen anderen Namen trug. Auf Vorschlag der Stadtverwaltung wurde sie am 13. Mai 1933 in Horst-Wessel-Straße umbenannt. Zwölf Jahre später erhielt sie wieder ihren früheren Namen; als eine von insgesamt 55 Straßen in Bochum wurde sie nach dem Krieg umbenannt.

Altstadt-Entwässerung

Der Name der Kanalstraße erinnert an ein Bauprojekt der Stadtverwaltung Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts. Damals lag an der Stelle des heutigen Schwanenmarktes noch ein langgestreckter Teich, der zur Tränke des in der Vöde (heute Stadtpark) weidenden Viehs diente. Er wurde gespeist von den Bächen, die aus der Gegend der Rheinischen Bahn/Nordbahnhof zuliefen.

Das Wasser aus diesem Teich floß als Mühlbach nördlich der damals dort befindlichen Fachwerkhäuschen der Gerberstraße und weiter in Richtung der heutigen Kanalstraße nach Hofstede zu ab.

Von dem Teich vor dem Becktor an dem (späteren) Tauffenbach’schen Haus entlang bis zur Biegung der Gerberstraße und dort wieder nach Norden in den Bach zurück, entwässerte ein Abzweig des Baches diese Gegend an der Propstei und der Beckstraße.

Da das ganze Gelände um das Becktor neben dem heutigen Gerberviertel fast ein Meter unter der gegenwärtigen Straßenoberfläche lag, war es ständig der Gefahr von Überschwemmungen ausgesetzt. Sie waren ein Ärgernis für die Anwohner und brachten dazu außerdem noch eine Gesundheitsgefährdung mit sich.

Erst als 1866 in der Gerberstraße die Cholera gewütet und zahlreiche Todesopfer gefordert hatte, trat die Stadt dem Plan näher, den Mühlbach durch einen Kanal an der Bochumer Altstadt in Richtung der heutigen Kanalstraße vorbeizuleiten. Am 9. Juli 1875 wurde sie ins Straßenkataster aufgenommen.

Einblick in das Atelier eines Künstlers

So ein Atelier hat er gesucht: 120 Quadratmeter, ruhig gelegen, Nähe zur Innenstadt. Die Kanalstraße ist genau das Richtige für den Maler Uwe Siemens. „Es ist wunderbar hier“, sagt er über seine neue Arbeitsumgebung. Zumal: „Ich habe kein Auto und komme hier mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut hin.“ Von den Menschen in der Straße weiß der 42-Jährige noch nicht so viel. Aber das kann sich ändern: Am 13. Juni, wenn viele Kunstschaffende ihre Arbeitswelt zeigen, nimmt Siemens Teil am sogenannten Bochumer Rundlauf. Von 12 bis 14 Uhr ist sein Atelier geöffnet für alle, die wissen wollen, was ein Künstler so treibt und wie es in seinem Atelier aussieht. Zeit zum Kennenlernen. „Opel ist weg, Nokia ist weg, ich dachte ich zeige dann mal die Siemens-Werkstatt“, kalauert er. Der Mann ist im übrigen nicht „nur“ Maler, sondern gibt auch Mal-Kurse und ist Lehrbeauftragter an der Hochschule.