Eine Lesung wider das Vergessen

„Ich war Hitlerjunge Salomon“: Sally Perel ist ein herausragender Erzähler mit einer Lebensgeschichte, die unter die Haut geht. Das durften auch die Besucher in der Rudolf-Steiner-Schule erfahren.
„Ich war Hitlerjunge Salomon“: Sally Perel ist ein herausragender Erzähler mit einer Lebensgeschichte, die unter die Haut geht. Das durften auch die Besucher in der Rudolf-Steiner-Schule erfahren.
Foto: Haenisch / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Sally Perel überlebte als Jude in der Hitlerjugend den Holocaust. In der Rudolf-Steiner-Schule erzählt er seine bewegende Geschichte.

Bochum.. Obwohl 300 Besucher im Festsaal der Rudolf-Steiner-Schule sitzen, wäre auch eine fallende Stecknadel zu hören. Gespannt blicken die Gesichter der Gäste zur Bühne, wo Sally Perel Platz genommen hat. Der Autor, der jüdischen Glaubens als „Hitlerjunge Salomon“ den Holocaust überleben konnte, erzählt seine Geschichte, liest aus seiner Autobiografie, die spannender, bedrückender und mitreißender kaum sein könnte. Der 90-Jährige schildert das Leben eines Kindes in Deutschland, das sich ein Jugendlicher heute kaum mehr vorstellen kann. Umso wichtiger, dass Perel mit seinen Lesungen die Erinnerung aufrecht hält.

So berichtet er, wie er seine eigene Identität verleugnen musste, um sein Leben zu retten. Perel erklärt, wie er seinen Glauben verbergen musste, um nicht getötet zu werden. Ein Mann erinnert sich an seine Jugend, in der er gezwungen war, seine „Seele zu spalten“.

"Ich war Hitlerjunge Salomon"

Sally Perel wurde 1925 in Peine geboren. „Vier Jahre können eine Ewigkeit sein“, sagt er heute, denn genau für diese Zeit musste Perel als Jude in der Hitlerjugend untertauchen. Während des Zweiten Weltkriegs, dem unausweichlichen Rassenwahn der Nationalsozialisten ausgesetzt. In jedem noch so kleinen Augenblick musste der Jugendliche damals befürchten, entdeckt und getötet zu werden. Ein Alptraum, der ihm schlussendlich das Leben rettete.

Denn als er nach der Flucht aus Deutschland an der Ostfront von der Wehrmacht aufgegriffen wird, behauptet er, Volksdeutscher zu sein. Aus Salomon Perel wird „Jupp“, die Verschleierung seiner wahren Existenz geht auf. Bis zum Ende des Krieges nimmt die Geschichte dieses Lebens ihren Lauf, die er später in dem Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“ veröffentlicht hat. Der Film zur Autobiografie erhielt eine Oscar-Nominierung und wurde mit dem Golden Globe ausgezeichnet.

An diesem Abend ist er auf Initiative von Schüler Jonas Schwabedissen zu Gast in Langendreer – als Botschafter gegen Rassismus, gegen Fremdenhass, 70 Jahre nach Kriegsende. Der Jugendliche und die Rudolf-Steiner-Schule engagieren sich innerhalb des Projekts „Schule ohne Rassismus“ (SOR): Die Idee dazu stammt von Schülern und Jugendarbeitern aus Belgien, sie wollten praktisch etwas tun für eine offene Auseinandersetzung mit Diskriminierung aller Art. Nachhaltige und langfristige Projekte, Aktivitäten und Initiativen werden dabei entwickelt, um Gewalt und Rassismus – nicht nur auf dem Schulhof und in der näheren Umgebung – zu überwinden.

Die Lesung von Sally Perel passt in dieses Konzept. Sein Tenor: „Wir dürfen niemals vergessen, was nicht vergessen werden darf.“