Die Wende in Bochums Partnerstadt Nordhausen

„Wir sind das Volk!“ Auf dem August-Bebel-Platz demonstrierten 1989 bis zu 30 000 Menschen für Reise-, Presse- und Wahlfreiheit.
„Wir sind das Volk!“ Auf dem August-Bebel-Platz demonstrierten 1989 bis zu 30 000 Menschen für Reise-, Presse- und Wahlfreiheit.
Was wir bereits wissen
Die Revolution nahm schon 1983 ihren Anfang. Bochum leistete der thüringischen 50 000-Einwohner-Stadt ab 1990 Aufbauhilfe mit Telefonen und Kehrmaschinen.

Bochum.. Wann begann die Revolution in Nordhausen? Im Frühjahr 1983, als eine junge Kämpfernatur namens Gisela Hartmann das kirchliche Umweltseminar und damit erstmals eine Opposition begründet und die Regierenden bereits eine Liste aufgesetzt haben, welche aufrührerischen Nordhäuser in Internierungslager gebracht werden sollen? Im Mai 1989, als auch in der thüringischen Kreisstadt ganz offensichtlich Kommunalwahlen gefälscht werden, weil die Ergebnisse für die SED und die Blockparteien, von CDU bis LDPD, nicht mehr stimmen? Am 20. September 1989 mit der ersten Fürbittandacht in einer kleinen Kirche im Altendorf? Oder am 24. Oktober? Erstmals trauen sich die Betenden an diesem Tag hinaus. Sie gehen schweigend, mit Kerzen in den Händen, die Altstadt hinauf. Bis zum Rathaus, von wo sie auf das 1909 von dem Bochumer Architekten Gustav Ricken erbaute Stadthaus blicken. Dieser Abend wird später als erste Demo in die Geschichte der Stadt eingehen.

Schon eine Woche später treffen sich die Demonstranten wieder. Schnell sind es über 10 000, über 20 000, über 30 000. Nur noch der größte Platz der Stadt, der August-Bebel-Platz, reicht, um diese Mengen aufzunehmen. Die Forderungen der Nordhäuser sind keine anderen als im Rest der Republik: Reisefreiheit, Pressefreiheit, Wahlfreiheit! Am 24. November gründet sich die SPD wieder, noch als SDP, schon am 22. Oktober war das Neue Forum in der 50 000-Einwohner-Stadt entstanden.

Ein rasanter Umbruch

Da ahnt noch niemand, dass nur wenige Stunden nach dem Fall der Mauer in Berlin, am Abend des 9. November, auch die Grenze ganz in der Nähe, in Teistungen, aufgehen würde. Und am 11. November strömen die Nordhäuser nach Ellrich, stürmen die kleinen Kurstädte, die bis dahin verschlafen im Zonengrenzgebiet gelegen haben. „Wir mussten das Geld für die Begrüßung in Plastiktüten vom Aldi holen“, erinnert sich der heutige Bürgermeister Bad Sachsas, Axel Hartmann, an die Tage von 1989.

Was folgt, ist ein rasanter Umbruch. Betriebe wie Schachtbau Nordhausen, der Baggerhersteller Nobas, die IFA-Motorenwerke brechen förmlich ein, weil der Absatzmarkt in Osteuropa die neue Mark nicht mehr zahlen konnte. Aus 4000, 5000 Mitarbeitern werden schnell 400, 500 und weniger. Arbeitsämter entstehen. Und vielen Nordhäusern wird plötzlich bewusst, wie verfallen ihre Altstadt ist, wie verpestet die Luft, wie marode viele Betriebe. Es ist, als lüftete sich ein Schleier über der Stadt.

Aufbauhilfe von der Partnerstadt Bochum

Die örtliche SED-Bezirkszeitung „Das Volk“ sagt sich am 15. Januar 1990 als erste Zeitung der DDR los von der Partei und wird die „Thüringer Allgemeine“, die schnell zur WAZ-Gruppe kommt. Plötzlich können ihre Journalisten die Machenschaften der Stasi, die unhaltbaren Zustände in Altenheimen veröffentlichen.

Aufbauhilfe kommt vor allem von der neuen Partnerstadt: Bochum. Die Westdeutschen sind spendabel. Sie überlassen den Stadtwerken eine Mercedes-Kehrmaschine mit 130 PS, eine bessere Telefonanlage für das Rathaus, einen Gasheizkessel für das Waisenhaus, einem Verwaltungsgebäude. Viele weitere Hilfen leisten sie in den Monaten darauf.

Eine Million Mark in die Rekonstruktion

Im Gedächtnis bleibt den Nordhäusern vor allem, dass Bochum eine Million Mark in die Rekonstruktion eines der ältesten Häuser der Stadt steckte – in jener Straße, durch die am 24. Oktober 1989 der erste Demonstrationszug führte.

Bochum-Haus heißt das Gebäude noch heute.

Das neue Leben begann in Notunterkünften

Die Feiern sind längst zu Ende. Am 9. November erinnerte sich Deutschland an die Öffnung der Mauer vor 25 Jahren; ein Ereignis, das auch das Leben in Bochum beinahe von einem Tag auf den anderen umkrempelte. Ein Rückblick.

Die ersten Übersiedler kamen vier Tage nach dem Mauerfall. 126 Erwachsene und 20 Kinder, geflüchtet über Ungarn oder die CSSR, reisten aus dem Aufnahmelager Unna-Massen an und bezogen am späten Freitagabend des 13. November 1989 die Schlafsäle in der THW-Leitstelle am Harpener Hellweg. Erst einen Tag zuvor hatte die Zentrale des Technischen Hilfswerks in Düsseldorf sie angekündigt. Bis in die tiefe Nacht hatten 39 Helfer die erste provisorische Unterkunft für DDR-Bürger in Bochum eingerichtet.

Vorsorglich plante die Stadt bereits weitere Unterkünfte. Im stillgelegten Stadtbad an der Massenbergstraße und im ebenfalls geschlossenen Nordbad wurden die Heizungen vorsichtshalber wieder angestellt. Das renovierte Amtshaus an der Brückstraße wurde ebenso vorbereitet wie Räume in der Polizeikaserne am Gersteinring. Zugleich wurden 50 Wohncontainer von diversen Baustellen abgezogen. Die Verwaltung verhandelte mit Unternehmen über die Bereitstellung leerer Verwaltungsgebäude. 400 bis 500 Menschen sollten in den beiden Gebäuden untergebracht werden.

Hilfe auch von privaten Initiativen

Nicht nur offiziellen Stellen kümmerten sich um sie. Auch private Initiativen nahmen Fahrt auf. Die Supermarkt-Kette Deschauer spendete Milchprodukte, die Bäckerei Forck lieferte Brot und Kuchen, Nokia Graetz stellte im THW-Heim zwei Farbfernseher auf. Und im Sozialamt ging am ersten Wochenende nach dem Mauerfall die D-Mark aus. 13 100 DM Begrüßungsgeld wurden ausgegeben, dann war die Kasse leer.

Auf dem Arbeitsmarkt hatten es die Neubürger offenbar nicht leicht. Das Arbeitsamt verzeichnete eine große Zahl arbeitsloser Übersiedler. 734 von ihnen wurden in der November-Statistik als arbeitssuchend geführt.

Täglich kamen Übersiedler in die Stadt

Immerhin gab es aber auch Erfolgsgeschichten wie die der vier Berufskraftfahrer, die wenige Tage nach ihrer Ankunft in Bochum schon bei einer Getränkefirma in Langendreer Arbeit fanden. Keiner von ihnen mochte damals zurück in das alte Leben: „Wir sind skeptisch. Bei den Reformen drüben fehlt uns die klare Linie. Da weiß doch kaum einer wo’s lang geht“, sagten sie.

Täglich kamen in diesen Tagen Übersiedler in die Stadt; die meisten über das Aufnahmelager Unna-Massen. Am 11. Dezember waren es 150, tags darauf 50 Personen. Und da zu Beginn der folgenden Woche noch einmal ein Schub von 200 erwartet wurde, suchte die Stadtverwaltung weiter nach einer geeigneten großen Unterkunft. Im Gespräch waren weiterhin das geschlossene Stadtbad oder das ehemalige Wedag-Gelände im Riemke. In städtische Übergangsheime zogen Ende des Jahres 130 Personen, die bis dahin beim THW am Harpener Hellweg untergebracht waren.

Nach zwei Monaten waren 4300 ehemalige DDR-Bürger in Bochum

Sie wie überhaupt viele Übersiedler hatten nach Einschätzung von Wilfried Rahner vom Deuschen Roten Kreuz noch Mühe, sich in der neuen Umgebung zurecht zu finden. „Viele kommen mit dem Leben hier nicht klar“, so seine Einschätzung.

Gut zwei Monate nach der Maueröffnung waren insgesamt 4300 ehemalige DDR-Bürger nach Bochum umgesiedelt. Im Januar 1990 mussten einige von ihnen in Turnhallen untergebracht werden, da sämtliche Kapazitäten erschöpft waren. Bochum, so heißt es in einem WAZ-Beitrag vom 17. Januar 1990, „ist an die absolute Grenze der Aufnahmefähigkeit gekommen.“

Partnerschaft aus Zufall

Zwar hat die Verbundenheit zwischen Bochum und Nordhausen eine über 100 Jahre alte Historie – mit Karl Hahn trat am 1892 ein Nordhausener als erster Bürgermeister in Bochum an –, aber die Entstehung der Städtepartnerschaft 1990 ist eher dem Zufall geschuldet.

Vor 25 Jahren hatte Bochum bereits eine Bande zur ehemaligen Sowjetunion: Durch die Partnerschaft mit dem ukrainischen Donezk gestaltete man auch von Bochum aus die neue Offenheitskultur zum Osten. Was fehlte: eine Partnerstadt innerhalb der vereinigten Bundesrepublik. Bochum war spät dran. Im Zuge der Mauerfall-Euphorie waren viele Städte im Osten bereits vergeben, besonders Großstädte mit struktureller Ähnlichkeit.

„Also sind Verwaltungsleute losgefahren, um zu gucken, wo eine Partnerschaft in Frage käme“, erinnert sich Paul Schrader, der die neue Ost-Freundschaft als Mitglied des Stadtrates und des Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Bochum-Nordhausen von Anfang an mitgestaltete. Nicht zu weit weg sollte die Partnerkommune sein, damit die Bürger besser Kontakt aufnehmen konnten. Ansonsten gab es wenig Auswahlkriterien. Bochum schrieb Bewerbungen an mehrere Kandidaten. Die Oststädte dagegen hatten die Qual der Wahl: Allein Nordhausen erreichten 30 Bewerbungen.

Gemeinsame Bergbau-Vergangenheit

Unter den vielen Interessenten wählten die Nordhausener Bochum aus. Die Parallelen zwischen den Städten – wie die gemeinsame Bergbau-Vergangenheit oder das Dasein als Standort einer Motorenfabrik – sollen dabei eine untergeordnete Rolle gespielt haben. In der Großstadt Bochum sah Nordhausen einen großzügigen Helfer für den Wiederaufbau der maroden Stadt.

Und diese Hilfe durfte nicht nur über den bürokratischen Weg zwischen den kommunalen Ämtern laufen. „Wir hatten das Gefühl, möglichst schnell Hilfe anleiern zu müssen“, sagt Paul Schrader. Deswegen gründete er den Förderverein. Das erste Ziel dabei: eine Verbindung zu den karitativen Verbänden herstellen. Über diese hat der Verein dann Sachspenden zur neuen Partnerstadt gebracht – von Badewannenliften für Bettlägerige bis zu Fahrrädern für Bewohner der äußeren Stadtgrenzen. Noch wichtiger als die materielle Unterstützung sei dem Förderverein gewesen, „durch Gespräche die Mauer in den Köpfen niederzuringen“, sagt Schrader. „Und da haben wir einiges erreicht“.

Bis heute hilft der Förderverein Nordhausener Brennpunkten mit Geldspenden von bis zu 2000 Euro im Jahr. Offizielle Förderprojekte der Stadt gibt es nicht mehr, Nordhausen ist nicht mehr die strukturschwache Stadt, die sie einst war. Deswegen geht es im Förderverein heute vor allem darum, Kontakte zu pflegen. Paul Schrader: „Über die Jahre haben sich richtige Freundschaften entwickelt.“

Bürgerrechtler wurde von der Stasi beschattet

Einer, der gerne in der DDR geblieben wäre, aber am 5. Februar 1988 ausgewiesen worden war, lebte zum Zeitpunkt der Maueröffnung in Bochum: Wolfgang Templin, Philosoph und Bürgerrechtler.

Er, der dem anderen deutschen Staat zu unbequem geworden war, hatte an der Ruhr-Uni ein zweites Studium begonnen. Selbst jenseits der Mauer waren er und seine Frau Regina offenbar nicht sicher vor der Stasi, wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ 1993 schrieb. Demnach wurde der damals 40-Jährige vor seiner Wohnung in der Höfestraße in Laer von der Stasi beschattet.

Protestpotenzial unterschätzt

Kaum war die Mauer gefallen, stattete der missliebige Kritiker trotz Einreiseverbots der DDR einen Besuch ab. Westliche Beobachter, so sagte er, hätten das schlummernde Protestpotenzial in der DDR jahrelang unterschätzt. Jahre später sollte er bei einer weiteren RUB-Veranstaltung zum Thema „Opfer der SED-Diktatur“ einen kleinen Einblick in sein Seelenleben geben: „Wer die Grenze überschritt, musste das normale DDR-Leben hinter sich lassen.“ Ende November kehrte er mit seiner Familie nach zweijähriger Abwesenheit zurück in die DDR.

Erste Einreise ohne Ausweis

Ein kleines Kapitel in der deutsch-deutschen Geschichte schrieb Ende November 1989 die Bochumerin Marion Möller. Die damals 25-Jährige stattete der DDR, ohne einen Ausweis vorzeigen zu müssen, einen Wochenend-Besuch ab. „Ich war wohl die erste, der das gelungen ist“, sagt sie nach ihrer Rückkehr. Die Grenzer hätten sie nach zähen Verhandlungen – beide Augen zudrückend – einreisen lassen.

In die Geschichtsbücher Bochums gingen Petra Parusel und Michael Hasert aus dem thüringischen Mühlhausen ein. Sie schlossen als erste Übersiedler in Bochum den Bund fürs Leben. Fünf Wochen nach in ihrer Ankunft ließen sie sich im Rathaus trauen – zwei Wochen nachdem sie das Aufgebot bestellt hatten. Kein Vergleich mit früheren Zeiten. „In der DDR dauerte das etwa ein Jahr“, ließ Petra Parusel den WAZ-Reporter vor 25 Jahren wissen.