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Die spinnen, die Damen

18.06.2012 | 09:00 Uhr
Die spinnen, die Damen
Hier fliegen die Finger: Sabine Haarmann (vorn) im Milchhäuschen im Stadtpark mit Gleichgesinnten.

Bochum.   Mindestens ein Mal im Monat treffen sich Bochumer Frauen und stricken zusammen. Die WAZ hat sie besucht. Denn längst ist Stricken nicht mehr uncool, sondern eher etwas für kreative Köpfe.

Die spinnen die Damen – und das ist auf keinen Fall böse gemeint, denn sie tun es wirklich. „Hier bitte“, sagt Anna Wessel und legt ein grünes Knäul Wolle auf den Tisch. „Selbst gesponnen und gefärbt.“ Silvia Behrndt zieht direkt nach: „Mein Pullover ist ebenfalls aus handgefertigtem Material.“

Sie sitzen und stricken in lockerer Runde, mindestens ein Mal im Monat treffen sich die Ladies, diesmal im Milchhäuschen am Stadtpark. Weißhaarige Omis mit Dutt, die am Kamin die Nadeln klappern lassen? Fehlanzeige! Die meisten sind jung und jede einzelne von ihnen schwer mit dem Internet vernetzt. Ihre wichtigste Quelle heißt: www.ravelry.com – „die weltgrößte Strickcommunity im Internet, mit über zwei Millionen Mitgliedern“; sagt Angelika Zimmermann.

Die 60-Jährige arbeitet an einem knallgrünen Tuch, in Fachkreisen „Model Citron“ genannt. Das Muster dafür druckte sie aus dem Internet aus. Längst hatten sie alle genug, von den altbackenen Anleitungen aus den Fachzeitschriften, die es am Kiosk zu kaufen gibt. Im Netz finden sie Traummodelle, Entwürfe nebst passender Strickanleitung, von Designern gefertigt.

„Es ist wie eine Sucht“

Wenig bleibt heute übrig, vom alten Muff, vom angestaubten Ruf der Handarbeit. Längst ist Stricken nicht mehr uncool, sondern eher etwas für kreative Köpfe, die auch ihre Freunde mit handgefertigten Modellen versorgen. Früher habe sie Handarbeiten gehasst, sagt die 30 Jahre alte Anja Becker. „Das Stricken aber eröffnete mir eine komplett neue Welt.“ Im Internet las sie eine Anleitung und dachte: „Och, das kannst du ja mal versuchen.“ Seither ist sie vom „Strick-Virus“, wie ihn Cornelia Helwing-Belz nennt, infiziert. „Es ist wie eine Sucht, wer einmal anfängt, kann nicht mehr aufhören.“

Bis zu vier Stunden täglich verbringen die Frauen mit der Handarbeit, vorzugsweise abends, vor dem Fernsehen. „Es ist wie Yoga“, sagt Angelika Zimmermann. Gleichwohl gibt es auch Projekte, „die einen in den Wahnsinn treiben können“, so Anna Wessel. Wer die aufwendigen Kreationen begutachtet, mag daran kaum zweifeln: Handgestrickte Taschen in leuchtend bunten Farben, knallrote Lochmusterpullis oder moderne Halstücher liegen auf dem Tisch der Strickrunde. Masche um Masche, jedes Teil ein echtes Unikat. 26.000 Maschen hat allein ein paar „Stinos“, also sticknormale Socken, wie die Fußwärmer von den kreativen Damen genannt werden. Kaum auszurechnen, wie viele Handbewegungen für die filigran verarbeiteten Kühe notwendig sind, die sie gerade eigens für das „Milchhäuschen“ anfertigen.

Ein Knäul Wolle kann bis zu 35 Euro kosten

Ein teures Hobby? Darüber mögen die Frauen nicht sprechen. Nur so viel: Ein Knäul Wolle kann bis zu 35 Euro kosten. „Es gibt ihn aber schon für 1,50.“ Nein, ein Leben ohne das Stricken, das kann sich keine von ihnen mehr vorstellen. Auch böse Vorurteile schrecken sie da nicht ab. „Meine Eltern akzeptieren mein Hobby bis heute nicht“, sagt die 47-jährige Gislind Stein. Sie hätten lieber eine Tochter, die Bilder malt.

Jimena Salloch



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