Die Kemnastraße - Leben zwischen Sachsen und Franken

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Was wir bereits wissen
Wer an der Kemnastraße wohnt, lebt zwischen Leither Ortskern und Autobahn. „Trotzdem hört man Kinder spielen und Vögel zwitschern. So viel Ruhe in zentraler Lage muss man erst einmal finden“, schildert Anwohnerin Birgit Gußen.

Bochum.. Wer an der Kemnastraße wohnt, lebt zwischen Leither Ortskern und Autobahn. „Trotzdem hört man Kinder spielen und Vögel zwitschern. So viel Ruhe in zentraler Lage muss man erst einmal finden“, schildert Anwohnerin Birgit Gußen.

Sie sollte es wissen. Gußen ist 52 Jahre alt, wohnt seit 52 Jahren an der Kemnastraße. Bis zu ihrem 11. Lebensjahr im Elternhaus, wo sich damals noch eine Arztpraxis im Erdgeschoss befand, dann eine Zeit lang direkt gegenüber und nun wieder, seit ihrem 29. Lebensjahr, in ihrem ursprünglichen „Zuhause“.

Die Kemnastraße ist ein Treffpunkt

Bis dahin sind es nur ein paar Schritte zu gehen, von der Kreuzung Weststraße aus kommend. Dort liegt zunächst linker Hand die Sparkasse, auf der rechten Seite mit der katholischen Kirche St. Johannes die erste große Landmarke. „Das Gemeindeleben ist wichtig für den Zusammenhalt“, betont Gußen. So findet dort am kommenden Wochenende auch ein Gemeindefest der besonderen Art statt. Immer mehr Flüchtlinge werden im Ortsteil untergebracht, ursprünglich hatte das „CentrumCultur“ der Awo ein Flüchtlingsfest an der Ex-Hollandschule geplant. Nun findet eine gemeinsame Feier rund ums Pfarrheim an der Kemnastraße statt, am Samstag ab 14 und Sonntag ab 12 Uhr. Motto: „Gemeinde begegnet Flüchtlingen, Flüchtlinge begegnen der Gemeinde.“

Doch auch abseits der organisierten Feier stellt die Kemnastraße ein Treffpunkt dar. Spaziergänger säumen vor allem am Wochenende die Straße, führt sie doch direkt ins „Grüne“. Gußen: „Zum Teil kommen auch Reiter mit ihren Pferden vorbei. Das hat schon dörflichen Charakter.“

Keine Nachwuchssorgen in der Kleingartenanlage

Wobei der dörfliche Schein mehr und mehr verblasst. Neben der Kirche sorgte vor allem die Grundschule für das entsprechende Bild, doch ist sie vor gut zwei Jahren am Standort Schulstraße aufgegangen, trotz teils wütender Proteste der Elternschaft an der Bertramstraße. Immerhin: Der Kindergarten von St. Johannes besteht weiter vor Ort, auch der kleine Spielplatz in der parkähnlichen Anlage macht einen idyllischen Eindruck, sorgt für die von Birgit Gußen angesprochene, typische Geräuschkulisse.

Wer an ihrem Haus vorbeizieht, muss noch ein Stück weit der alleegleichen Straße folgen, bevor mit der Kleingartenanlage Sonneneck ein weiterer Punkt von Bedeutung an der Kemnastraße ins Blickfeld rückt. Vor über 40 Jahren gegründet, sieht sich auch der Kleingärtnerverein als fester Bestandteil im Ort. 63 Parzellen liegen parat, wird ein Kleingarten frei, so findet sich schnell ein Nachfolger. Schon vor einiger Zeit hat ein Generationenwechsel eingesetzt, immer mehr junge Familien mit Kindern zieht es in die Kleingartenanlage – Nachwuchssorgen kennt der Verein in dieser Hinsicht nicht. Stand früher aber der Nutzgarten mit Obst- und Gemüseanbau im Vordergrund, gewinnt nun der Freizeitwert zunehmend an Stellenwert.

Auf der Grenze zwischen Sachsen und Franken

Direkt gegenüber befindet sich dann die Einfahrt hinauf der Hof von Schulte Kemna, vor allem immer noch bekannt durch die ehemalige Kornbrennerei und den „Weizenjungen“, der mittlerweile aus dem Hause Both stammt. An ein Unglück zum Ende des Zweiten Weltkrieges können sich die Älteren aus Leithe noch gut erinnern: Einen Tag nach dem Einzug amerikanischer Truppen kam es zu einer gewaltigen Explosion in der Brennerei, als Plünderer an die Alkoholvorräte wollten. Dabei starben geschätzt 60 Menschen.

Kurz dahinter endet nicht nur die Kemnastraße, sondern liegt auch die Stadtgrenze. „Unser Vater ist oft mit uns spazieren gegangen, hat dann gesagt, wir machen jetzt eine große Runde durch zwei Länder und drei Städte. Aber nach einer Stunde waren wir schon wieder zurück“, erinnert sich Gußen an Kindheitstage. Was ihr Vater damit meinte? Leithe liegt auf der alten Grenze zwischen Sachsen und Franken, der heutigen Grenze zwischen dem Rheinland (Essen-Kray-Leithe) und Westfalen (Wattenscheid-Leithe). Die Städte Wattenscheid, Essen und Gelsenkirchen gehörten zudem drei unterschiedlichen Regierungsbezirken an. Multikulti, mal anders.

Schulte Kemna steht nicht nur für Schnaps

Der Name der Straße geht auf den Hof Schulte Kemna zurück, dessen Geschichte eng mit Leithe verbunden ist. Der einstige Besitzer, Laurenz Schulte Kemna (1863-1932), war lange Zeit Gemeindevorsteher.

Die „Kemnade in der Leithe“ gilt als Ausgangspunkt des Rittergeschlechts von der Leithe, das später die Wasserburg Leithe erbaute. Der Name Schulte Kemna wird erstmals 1379 urkundlich erwähnt, als Vorläufer der Wasserburg ist er jedoch deutlich älter.

Schulte Kemna war ein Unterhof des Oberhofes Eickenscheidt, dessen Schulte die Abgaben der Bauern für den adeligen Grundherren, in diesem Fall die Äbtissin in Essen, eintreiben musste. 1754 ging der Hof in Familienbesitz über.

Ein Jahr später gründete Johann Schulte, verheiratet mit Ottilie Eickenscheidt, eine „Dampfkornbrennerei zum Bereiten von Branntwein“. Sein Sohn Laurenz baute den Betrieb zu einer der größten Kornbrennereien („Weizenjunge“) Deutschlands aus.