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Kunst

Der Rasenmäher-Mann

18.08.2009 | 13:46 Uhr
Künstler Ralf Witthaus schafft mit Rasenmäher und Rasentrimmer Bodendenkmale im Bochumer Wiesental. Foto: Horst Müller
Künstler Ralf Witthaus schafft mit Rasenmäher und Rasentrimmer Bodendenkmale im Bochumer Wiesental. Foto: Horst Müller

Bochum. Kunst im öffentlichen Raum bedeutet nicht nur die Platzierung von Monumenten aus soliden Werkstoffen. Das denkt sich auch Ralf Witthaus. Mit einem Rasenmäher hat er ein Kunstwerk ins Wiesental geschnitten, über das schon bald wieder Gras gewachsen ist.

Als wäre es vom Künstler so konzipiert: gestern, bei strahlendem Wetter, sonnten sich Erholungssuchende auf dem Grün des Wiesentales, manche im Bikini oder luftig-leicht bekleidet. Als wäre der Rasen des Tals die Liegewiese im Freibad Blau-Weiß. Und so floss alles ineinander. Wie das?

Im Rahmen einer Kunstaktion hatte sich in der vergangenen Woche der Künstler Ralf Witthaus, Jahrgang 1973, mit einer Rasenmähmaschine im Wiesental zu schaffen gemacht. Zwischen dem Freibad des Schwimmvereins Blau-Weiß und der Friederikastraße hat er mit der Mähmaschine ein Muster ins Grün geschnitten. Und jetzt kommt's: Diese zehn langen Streifen, die mikadoartig übereinander liegen, leiten sich formal von den dunklen Orientierungslinien am Boden von Schwimmbecken ab. Und wenn sich nun also die Menschen auf dem Gras zwischen den Markierungen ausstrecken, um der Muße zu frönen, liegen sie sozusagen symbolisch auf dem Boden eines Schwimmbeckens. Eine ebenso amüsante wie spannende Vorstellung. Ob sich die Sonnenanbeter gestern im Wiesental dieser ihrer besonderen Lage bewusst waren?

Der Läufer auf dem Kubus

Kunst im öffentlichen Raum bedeutet also nicht nur die Platzierung von Monumenten aus soliden Werkstoffen, sondern ebenso die Verwirklichung von Ideen, die schon bald wieder aus dem Stadtbild verschwunden sind. Zu erinnern ist an die Ausstellung „Und sie bewegt sich doch" vor einiger Zeit durch das Kunstmuseum. Damals ging es um mobile Kunst. Wer denkt da nicht an den eifrigen Läufer, der auf einem hohen Kubus auf einem unsichtbaren Laufband Schritt vor Schritt setzte - sehr zur Verwunderung der Passanten. Noch rätselhafter war jener Mann, der mit einem Blumenstrauß beharrlich auf der Wiese gegenüber vom Schauspielhaus stand. Was tat er dort? Eigentlich nichts, nur die Blumen in seiner Hand ließen mit der Zeit die Köpfe hängen.Die Bewegung der Blüten nach unten - das war der Beweis, dass auch diese Aktion zweifelsohne in eine Ausstellung über „Bewegung in der Kunst" gehörte.

Schon bald erobert die Natur sich die Wiese zurück

Man sieht, die Akteure, die sich draußen tummeln, besitzen Humor. Und so ist auch der Rasenmäher-Mann zwar ein Künstler, der seine Arbeit ernst nimmt, immerhin war er im Wiesental täglich acht Stunden tätig, doch etwas Sympathisch-Freundliches zeichnet seine Spuren im Gras ohne Zweifel aus. Die Besonderheit: Während andere Kunst unter freiem Himmel dem öffentlichen Raum meist etwas hinzufügt, nimmt Ralf Witthaus seinem Platz des künstlerischen Bemühens etwas weg: und wenn es denn nur einige Hügel des duftenden Grases sind. Und nach den Gesetzen der Natur wird sich das Kunstwerk, das Ralf Witthaus da in unermüdli-chem Streben geschaffen hat, von nicht langer Dauer sein. Schon bald wird sich der Rasen, der abgemäht worden ist, wieder regenerieren, es wird wieder Wiese, wo heute noch die Rasenmäher-Zeichnungen zu sehen sind.

Doch bis dahin sind die Spaziergänger dazu aufgefordert, die vertrauten Wege - im wörtlichen wie im übertragenen Sinne - kurzzeitig zu verlassen und die neu entstandenen Wege auszuprobieren. Sie können den Bahnen des Klaus Witthaus folgen oder sie ignorieren. Oder sie können sich dazwischen hinlagern, wie es die Sonnenanbeter gestern schon gemacht haben.

Werner Streletz

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