Das neue Leben begann für viele DDR-Bürger in Notunterkünften

Die Feiern sind längst zu Ende. Am 9. November erinnerte sich Deutschland an die Öffnung der Mauer vor 25 Jahren; ein Ereignis, das auch das Leben in Bochum beinahe von einem Tag auf den anderen umkrempelte. Ein Rückblick.

Die ersten Übersiedler kamen vier Tage nach dem Mauerfall. 126 Erwachsene und 20 Kinder, geflüchtet über Ungarn oder die CSSR, reisten aus dem Aufnahmelager Unna-Massen an und bezogen am späten Freitagabend des 13. November 1989 die Schlafsäle in der THW-Leitstelle am Harpener Hellweg. Erst einen Tag zuvor hatte die Zentrale des Technischen Hilfswerks in Düsseldorf sie angekündigt. Bis in die tiefe Nacht hatten 39 Helfer die erste provisorische Unterkunft für DDR-Bürger in Bochum eingerichtet.

Vorsorglich plante die Stadt bereits weitere Unterkünfte. Im stillgelegten Stadtbad an der Massenbergstraße und im ebenfalls geschlossenen Nordbad wurden die Heizungen vorsichtshalber wieder angestellt. Das renovierte Amtshaus an der Brückstraße wurde ebenso vorbereitet wie Räume in der Polizeikaserne am Gersteinring. Zugleich wurden 50 Wohncontainer von diversen Baustellen abgezogen. Die Verwaltung verhandelte mit Unternehmen über die Bereitstellung leerer Verwaltungsgebäude. 400 bis 500 Menschen sollten in den beiden Gebäuden untergebracht werden.

Hilfe auch von privaten Initiativen

Nicht nur offiziellen Stellen kümmerten sich um sie. Auch private Initiativen nahmen Fahrt auf. Die Supermarkt-Kette Deschauer spendete Milchprodukte, die Bäckerei Forck lieferte Brot und Kuchen, Nokia Graetz stellte im THW-Heim zwei Farbfernseher auf. Und im Sozialamt ging am ersten Wochenende nach dem Mauerfall die D-Mark aus. 13 100 DM Begrüßungsgeld wurden ausgegeben, dann war die Kasse leer.

Auf dem Arbeitsmarkt hatten es die Neubürger offenbar nicht leicht. Das Arbeitsamt verzeichnete eine große Zahl arbeitsloser Übersiedler. 734 von ihnen wurden in der November-Statistik als arbeitssuchend geführt.

Immerhin gab es aber auch Erfolgsgeschichten wie die der vier Berufskraftfahrer, die wenige Tage nach ihrer Ankunft in Bochum schon bei einer Getränkefirma in Langendreer Arbeit fanden. Keiner von ihnen mochte damals zurück in das alte Leben: „Wir sind skeptisch. Bei den Reformen drüben fehlt uns die klare Linie. Da weiß doch kaum einer wo’s lang geht“, sagten sie.

Täglich kamen in diesen Tagen Übersiedler in die Stadt; die meisten über das Aufnahmelager Unna-Massen. Am 11. Dezember waren es 150, tags darauf 50 Personen. Und da zu Beginn der folgenden Woche noch einmal ein Schub von 200 erwartet wurde, suchte die Stadtverwaltung weiter nach einer geeigneten großen Unterkunft. Im Gespräch waren weiterhin das geschlossene Stadtbad oder das ehemalige Wedag-Gelände im Riemke. In städtische Übergangsheime zogen Ende des Jahres 130 Personen, die bis dahin beim THW am Harpener Hellweg untergebracht waren.

Sie wie überhaupt viele Übersiedler hatten nach Einschätzung von Wilfried Rahner vom Deuschen Roten Kreuz noch Mühe, sich in der neuen Umgebung zurecht zu finden. „Viele kommen mit dem Leben hier nicht klar“, so seine Einschätzung.

Gut zwei Monate nach der Maueröffnung waren insgesamt 4300 ehemalige DDR-Bürger nach Bochum umgesiedelt. Im Januar 1990 mussten einige von ihnen in Turnhallen untergebracht werden, da sämtliche Kapazitäten erschöpft waren. Bochum, so heißt es in einem WAZ-Beitrag vom 17. Januar 1990, „ist an die absolute Grenze der Aufnahmefähigkeit gekommen.“