"Das ist absolut blöde"
13.11.2007 | 16:23 Uhr 2007-11-13T16:23:00+0100Jürgen Flimm zeigt sich entsetzt über Steckel. Antkriegslesung blieb ohne den großen Eklat.Publikum rebelliert gegen die immer gleichen an Bundestagspräsident Norbert Lammert gerichteten Vorwürfe
Ein wenig ungemütlich war das Klima schon: Vorn auf der Bühne erklang das Kästner-Gedicht "Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?" und an den Ausgangstüren der Kammerspiele standen Sicherheitsleute mit eisernen Mienen. Wie kam es zu diesem Zusammentreffen zwischen bitterer Ironie Kästnerscher Art und finsterer Entschlossenheit neben den Zuschauerrängen? Dazu trug nicht unwesentlich bei, dass es sich bei einem der Rezitatoren nicht um den örtlichen Bundestagsabgeordneter handelte, sondern um den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, den zweithöchsten Repräsentant im Staate.
Und auch das hätte normalerweise nicht dazu gereicht, um Polizeiwagen in den Hof des Schauspielhauses zu platzieren - für alle Fälle. Lammert ist - ohne solch martialische Begleitumstände - schon einmal beim Boten-Abend im Schauspielhaus aufgetreten - mit einem launigen Beitrag und sehr zum Vergnügen des damaligen Publikums.
Warum diesmal die verschärften Vorsichtsmaßnahmen? Der Anlass: Eine Lesung, die in Duisburg mit Beifall und Anerkennung bedacht worden war, hatte sich in Bochum zum Politikum entwickelt: Bochums Ex-Intendanten Frank-Patrick Steckel hatte (verbal) zugeschlagen. Steckel hatte bekanntlich den heutigen Theaterchef Elmar Goerden gebeten, den Auftritt von Lammert und Jürgen Flimm auf der Bühne der Kammerspiele zu unterbinden. Der ehemalige Intendant und heutige freie Regisseur warf den beiden Rezitatoren vor, mit ihrem Programm und Antikriegstexten "Heuchelei" zu betreiben, weil sie sich "kriegstreibenden" Parteien zugehörig fühlen würden: Gemeint waren CDU (Lammert) und SPD (Flimm). Wobei Jürgen Flimm während der Lesung klar stellte, dass er "schon vor 20 Jahren" aus der SPD ausgetreten sei. Doch mit dem Differenzieren tat sich das Bochumer Friedensplenum ohnehin schwer, das sich die Argumentation Steckels zu eigen gemacht hatte und Lammert in einem eigens für die Lesung in der "Kammer" publizierten Programm konsequent als "Friedensheuchler" bezeichnete. Und Jürgen Flimm als "seinen Impresario". Als sei Agitprop noch die Losung des Tages und die Zeit seit 1968 stehen geblieben.
Trotz des Medienrummels, den Steckels grobschlächtige Attacke ausgelöst hatte, war das Publikum, das sich am Sonntagabend für die Lesung eingefunden hatte, durchaus überschaubar. Knapp halb gefüllt zeigte sich die Kammer. Vor Beginn der Lesung bauten sich Vertreter des Friedensplanums mit einem langen Transparent vor der Bühne auf, darauf Brecht zitierend: "Wenn die Oberen vom Frieden reden, weiß das gemeine Volk, dass es Krieg gibt."
Intendant Elmar Goerden bat um "respektvollen Umgang miteinander". Er wolle "ein guter Gastgeber" sein. Als dann allerdings aus dem Friedensplenum wieder nur die bekannten Vorwürfe gegen Lammert vorgelesen wurden, rebellierte das restliche Publikum: "Was soll der Quatsch! Wir sind für eine Lesung hier!"
Verabredet wurde, dass nach der Rezitation von Lammert und Flimm eine Diskussion entfacht werden solle. Jürgen Flimm erläuterte, dass die Texte eigentlich als Begleitprogramm für den Courage-Abend der Triennale herausgesucht worden seien und in Duisburg im entsprechende Bühnenbild zu hören gewesen wären. Es sei möglich, dass das Programm durch die Loslösung von der Courage (und der Folie des 30-jähriges Krieges) nunmehr "in einem falschen Licht erscheinen könnte".
Die Lesung selbst (die Auswahl reichte von Schiller über Grass und Matthias Claudius bis zu Brecht und Szcypiorsky) klang - für sich selbst genommen - eindringlich als Appell gegen jede Art von Kriegsgeschrei - engagiert und anschaulich rezitiert. Um eine Brücke zu bauen, lasen Lammert und Flimm einen Text von Erich Fried aus dem kurz zuvor vom Friedensplenum verteilten Programmbuch. Und seltsam: Auch der Vortrag auf der Bühne erinnerte zeitweise an Antikriegs-Lesungen früherer Jahre. Als würde gleich "Eve of Destruction" erklingen.
Die anschließende Diskussion wurde von nur wenigen Zuhörern (aus dem Friedensplenum?) bestimmt, die gebetsmühlenartig aus Lammert die Haltung zu Krieg und Militär herauskitzeln wollten. Lammert : "Eine antimilitaristische Friedenspolitik habe ich noch nie vertreten." Auch die Frage, ob Politiker überhaupt im Schauspielhaus auftreten dürfen, spielte eine Rolle. Wobei Lammert anmerkte, dass Frank-Patrick Steckel während seiner Intendanz auf der Bühne nachdrücklich seine politischen Ansichten deutlich gemacht habe.
Apropos Steckel (der Initiator des ganzen Trubels war nicht gekommen). Mit Entrüstung in der Stimme fragte Jürgen Flimm in die Runde, was Steckel dazu getrieben haben möge, ihn, Flimm, in einem Schreiben als "zweifelhafte Existenz" zu bezeichnen. Flimm: "Das ist reine Polemik, absolut blöde." und überhaupt: "Was ist das für eine Sprache?"
Siehe auch Bericht Kulturseite im Hauptteil

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