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"Buch führen nach Art der Engel"

09.05.2008 | 22:00 Uhr

Der Bochumer Lyriker Michael Starcke setzt sein Leben auf der poetischen Parallelspur beharrlich fort.Auch Martin Rentzsch spürte kürzlich den Feinheiten dieser melancholischen Poesie nach

Jemand lebt für die Poesie: der Bochumer Lyriker Michael Starcke (mit dem neuen Buch in der Hand) vor einem Ort des Wortes, dem Schauspielhaus. Foto: WAZ, Horst Müller

Es gibt zwei Arten von Schriftstellern: Die einen wechseln die Genres, die Stile und die Themen; sie schreiben heute ein Sonett und morgen ein Drehbuch. Diese Autoren sind in unserer multimedialen Welt zu Hause, können recherchieren, auf Gags zuspitzen und erledigen jedes Auftragsstück im Handumdrehen. Andererseits gibt es Dichter, die schreiben eigentlich immer am gleichen Text weiter, brechen nicht aus in neue sprachliche Hemis-phären, bleiben sich und den einmal gefundenen Themen treu: Zu ihnen gehören Peter Handke oder Thomas Bernhard. Oder andererseits - und von ganz anderem Kaliber: Charles Bukowski.

Zu diesen ausdauernden Welt- und Icherkundern, die einen einmal für richtig empfundenen literarischen Weg unbeirrt weitergehen, gehört der Bochumer Lyriker Michael Starcke. Er hat nie Prosa geschrieben (jedenfalls ist davon öffentlich nichts bekannt geworden), er hat nie auf Endreim gesetzt, nie Dialoge geschmiedet. Seit vielen Jahren schon schreibt er an einem Sprachstrom, der in der immer gleichen Form zu Papier gebracht wird: und sich damit zu einer Art "Markenzeichen" entwickelt hat, soweit man bei Dichtung mit solchen PR-Begriffen hantieren darf.

Diese anscheinend nie enden wollende Sucht, Gedanken, Einfälle, Impressionen in eine locker gebundene Sprachform zu bringen, hat sich zu einer parallel zu seinem Leben verlaufende lyrische Wort- und Textspur entwickelt, vielfach reich an sprachlicher Originalität, von Verwandlungen verzaubert - und immer unüberhörbar Michael Starcke. Oder wie es der Autor selbst formuliert: "ein gewöhnliches Bedürfnis,/ buch zu führen nach art der engel". Das hat irgendwann begonnen - Ende offen. Regelmäßig - hier ebenso beharrlich wie in seiner lyrischen Form - hat Michael Starcke Bücher veröffentlicht, mal schmaler, mal voluminöser, die Zwischenbericht gaben, Notate, die festhielten, wo er gerade stand auf der lyrischen Reise.

Welche verbale Kraft diese gelegentlich so schmucklosen Verse entwickeln können, zeigte sich unlängst während einer Lesung in der Buchhandlung Napp, als Martin Rentzsch aus dem Bochumer Ensemble den Feinheiten dieses unnachgiebigen Sprachflusses nachspürte.

Die Auszüge stammten aus Starckes neuem Buch "Schöne Erinnerung", das im Wolfgang Hager Verlag erschienen ist und das wiederum (in konsequenter Kleinschreibung) das vertraute Spektrum an Themen und Stimmungen versammelt, dem sich der Dichter ebenso verhalten wie einfühlsam annähert. Was erzeugt Heimatgefühle? "die stimme eines freundes/ die, völlig ungeübt/ gedichte liest." Oder: "Es ist nicht leicht,/ ein fröhliches leben zu führen./ immer gibt/ es etwas, dem du nach-trauerst,/ ohne den grund benennen/ zu können." Ein weiteres Beispiel: "die sonne verhüllt sich/ in den herbstbäumen/ hängend,/ als fürchte sie/ zu viel licht zu bringen/ in prekäre angelegenheiten." Und schließlich doch ein Zeichen angenehmer Weltzugewandtheit: "wir lieben, langsamen/ schrittes zu schlurfen/ durch buntes laub,/ schöne erinnerung." Wer denkt dabei nicht an Rilkes bekannte Herbstzeilen, die indessen sehr viel verschattetener daher kommen?

Der Grundton der meisten Poeme von Starcke indessen ist melancholisch, nachdenklich gestimmt. Der Bochumer Poet gehört zu den grüblerischen Stimmen im Land, nicht zu den fröhlichen Mitmachern in der Spaßgesellschaft. Wie ein liebenswerter Fremdling, wie ein Unzeitgemäßer mag er erscheinen in einer auf Effektivität und Sachlichkeit bedachten Umgebung. Doch ihm sind leise Töne laut genug.

Wie schrieb der WAZ-Kritiker Hans Jansen: "Nicht zuletzt, scheint mir, bedeutet Schreiben für Michael Starcke Flucht ins Überleben." Ganz im Sinne Thomas Bernhards, der immer wieder bekannt habe: "Ich existiere nur, wenn ich schreibe."

Von Werner Streletz

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