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Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden

11.04.2013 | 06:03 Uhr
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden
An der Ruhr Universität in Bochum verlangen offenbar zwei Fakultäten Atteste mit genauer Diagnose. Das ist aus Datenschutzgründen nicht zulässig.Foto: Ingo Otto

Bochum.  Laut Studentenvertretung ASTA verlangen zwei Fakultäten der Ruhr Uni im Krankheitsfall Atteste mit Diagnose. Die Studierenden sollen den Arzt von der Schweigepflicht entbinden. Die Beschreibung der Krankheit gilt laut Landesdatenschutz als Teil der Intimsphäre. ASTA geht nun gegen Prüfungsämter vor.

Kurz nach zahlreichen Klausuren und Hausarbeiten gibt es an der Ruhr Universität in Bochum Streit zwischen Studenten und Prüfungsämtern. Der Grund: An zwei Fakultäten verlangen die Ämter offenbar im Krankheitsfall ein ärztliches Attest mit genauer Angabe der Krankheit oder Symptomen. Das stößt der Studentenvertretung ASTA bitter auf. Denn es ist aus Datenschutzgründen nicht erlaubt.

"Die Ruhr Uni nimmt es mit dem Datenschutz anscheinend nicht so genau", beschwert sich ein Student der Fakultät Maschinenbau. Er sollte dem Prüfungsamt ein Attest seines Arztes vorlegen, auf dem Details zu seiner Krankheit stehen. Ansonsten würde die Klausur als "nicht bestanden" gewertet. Der junge Mann hat seinen Hausarzt deshalb von der Schweigepflicht entbunden. "Ich möchte natürlich keine mangelhafte Prüfung im Zeugnis stehen haben. Aber es ist eine absolute Unverschämtheit", sagt der angehende Maschinenbauer. Er möchte nicht genannt werden. Zu groß ist die Sorge vor den Konsequenzen von Seiten der Uni.

"Absoluter Vertrauensbruch" gegenüber den Studenten

Die Studentenvertretung zeigt sich entsetzt. Christian Volmering vom ASTA empfindet die Atteste mit Diagnose oder Symptomen als "absoluten Vertrauensbruch" den Studenten gegenüber. "Wenn ein Studierender sagt, dass er sich für prüfungsunfähig hält und ein Arzt dies bescheinigt, muss das doch ausreichen."

Reicht es nicht. Zumindest nicht ganz. Denn in den Prüfungsordnungen der Fakultäten ist geregelt, dass sie ein sogenanntes "substantiiertes Attest" verlangen dürfen. Das bestätigt Brigit Weck-Boeckh, Datenschutzbeauftragte des Landes NRW . Sie betont, dass die Behörde durchaus ein detailliertes Attest verlangen darf.

"Aber es muss unter keinen Umständen die genaue Krankheit, das heißt die Diagnose, aufgezeigt werden. Wenn der Arzt auf das Attest schreibt, dass der Student eine verminderte Konzentrationsfähigkeit hat und deshalb nicht teilnehmen kann, muss das ausreichen." Der Prüfer müsse nur erkennen, ob der Student wirklich gesundheitlich nicht in der Lage ist, die Prüfung abzulegen.

ASTA bespricht das Problem nun mit dem Rektorat

Zu den Beschwerden von Studenten der Fakultät Maschinenbau sind nun auch Vorfälle aus der Fakultät Chemie und Biochemie bekannt geworden. Auch hier sollen die Mitarbeiter der Prüfungsämter Atteste mit Diagnose verlangt haben. Der ASTA möchte gegen diese Prozedur vorgehen. Deshalb treffen sich die Vertreter der Studenten nächste Woche mit dem Rektorat der Ruhr Uni. "Wir möchten natürlich zunächst die andere Seite reagieren lassen. Aber wir wollen uns definitiv für eine möglichst schnelle Abschaffung des rechtswidrigen Verfahrens einsetzen", sagt Christian Volmering.

Uni streitet den Vorwurf ab

Die Uni selbst streitet ab, dass es solche Machenschaften in den Prüfungsämtern der beiden Fakultäten gibt. "Wir halten uns an die Gesetze und deshalb gibt es diese detaillierten Atteste grundsätzlich nicht", sagt Jens Wilkop, Sprecher der Hochschule.

Ein klarer Fall von nicht funktionierender Kommunikation, meint Christian Volmering. Der ASTA geht nun gegen das Verhalten der Prüfungsämter vor. Damit der Streit bald ein positives Ende hat.

Franziska Bombach



Kommentare
12.04.2013
00:24
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden
von student001 | #11

Man könnte ja auch mal in der Hochschule Bochum nachfragen. Im Fachbereich Wirtschaft wird nachweislich ein so substantiiertes Attest verlangt, dass nach entsprechender Entbindung des Arztes von seiner Schweigepflicht nicht nur die Diagnose aufgeführt werden muss, sondern diese darf dazu noch weder als Kürzel noch mit Ihrem lateinischen Namen dargelegt werden, damit auch jeder direkt versteht, um was für eine Krankheit es sich handelt. Ansonsten heisst es: Nicht bestanden. Und wenn das ganze nicht nach 5 Werktagen geschehen ist, heisst es ebenfalls: Nicht bestanden.

11.04.2013
14:37
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden
von donfernando | #10

Es häuft sich der Verdacht auf vorgeschobene Krankheiten, und das kann nur bedeuten, dass das gute alte Berufsbild des Krankenkontrolleurs wiederbelebt werden soll, der vor rund 50 Jahren im Treppenhaus lauerte, um den Kranken dabei zu erwischen, wie er sich Kohlen aus dem Keller holte, weil er nicht frieren wollte.
Volldampf zurück also. Noch zwanzig Jahre mehr davon, und wir stellen die Ordnung von 1943 wieder her. Und wenn wir das überleben schaffen wir es auch noch bis zum Mittelalter.
Studenten sind da übrigens eine gute Wahl, um das Misstrauen in Krank-Schreibungen zu vervielfältigen. Denn wer heute studiert hat vielleicht schon morgen selbst Personal, oder sogar einen eigenen Betrieb. Und da kann man dann prima anwenden, was man selbst erlebt hat.




11.04.2013
13:50
Der Arzt als "medizinischer Sachverständiger":
von fab2 | #9

Hierzu ein Zitat aus einem "Formulierungsvorschlag" zum notwendigen Inhalt der Atteste zu krankheitsbedingter Prüfungsunfähigkeit des Handbuchs für Prüfungsausschussvorsitzende der Uni-Duisburg-Essen, S.98:

"Die „Prüfungsunfähigkeit“ ist eine Rechtsfrage. Darüber befinden nicht die Ärzte,
sondern eigenverantwortlich der Prüfungsausschuss bzw. der Bereich Prüfungswe-
sen, ggf. anschließend das Verwaltungsgericht, anhand der vorgetragenen Fakten.
Der Arzt fungiert insofern als „medizinischer Sachverständiger“, der die Krankheit
diagnostiziert und die Fakten der krankhaften Beeinträchtigung mitteilt; die Schlüsse
daraus muss die Prüfungsbehörde ziehen.

Auf die ärztliche Schweigepflicht kann sich der Arzt nicht berufen, denn indem die
oder der Studierende ein geeignetes Attest zur Feststellung seiner Prüfungsunfähig-
keit verlangt, hat sie oder er schlüssig erklärt, den Arzt von der Schweigepflicht hin-
sichtlich aller dazu notwendigen Informationen zu entbinden."

11.04.2013
12:06
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden
von orchideen4 | #8

Die zweite betroffene Gruppe innerhalb einer Woche. Erst bei den Hartzies und nun hier Teile der Studenten. Das Arztgeheimnis soll wohl schrittweise untergraben werden, bis es nur noch formell irgendwo erwähnt wird und praktisch keine Bedeutung mehr hat. Sozialstaat ? Menschenrechte? Grundgesetz? Was is´n das?

11.04.2013
10:33
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden_Schlechtes Krisenmanagement
von janebaer | #7

In den Prüfungsordnungen der Fakultäten wäre geregelt, dass ein sogenanntes "substantiiertes Attest" verlangt werden dürfe, bestätigt Brigit Weck-Boeckh, Datenschutzbeauftragte des Landes NRW und zeigt auf, was unter datenschutzrechtlichen Gründen vertretbar w ä r e. ("...unter keinen Umständen die genaue Krankheit, ... Diagnose... Wenn der Arzt auf das Attest schreibt, dass der Student eine verminderte Konzentrationsfähigkeit hat und deshalb nicht teilnehmen kann, muss das ausreichen."
Dagegen streitet die Hochschul-Pressestelle "solche Machenschaften in den Prüfungsämtern der beiden Fakultäten ab", wie es heißt. "Wir halten uns an die Gesetze und deshalb gibt es diese detaillierten Atteste grundsätzlich nicht", sagt Jens Wilkop, Sprecher der Hochschule.

Schlecht informiert oder schlechtes Krisenmanagement??

11.04.2013
10:32
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden
von Nervenverloren | #6

Das Ansinnen an sich ist schon eine Frechheit!
Wenn ein aprobierter Arzt die "Arbeitsunfähigkeit" seines Patienten attestiert, so hat das anerkannt zu werden! Eine Prüfung ist ja auch eine Art der Arbeit.
Ich finde da hat niemand etwas anzuzweifeln oder gar den Amtsarzt einzuschalten.
Wie unten schon geschrieben: Irgendwann muss die Prüfung ja doch abgelegt werden.
Und die Diagnosen gehen weder das Prüfungsamt, noch sonst wen was an. Ist doch im Arbeitsleben auch so.

1 Antwort
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden
von TeeJaneS | #6-1

"Irgendwann muss die Prüfung ja doch abgelegt werden."

Ist schon recht. Man sollte sich die aktuellen POs der Studiengänge einmal anschauen. Automatische Anmeldungen zu Prüfungen. Verpflichtetes Beratungsgespräch nach dem 2. Versuch mit der Ordnungsmaßnahme, dass der 3. Versuch ansonsten gestrichen wird und man erst im Semester nach dem gestrichene 3. Versuch der 4. und letzte Versuch stattfinden kann. Attesteinreichung erst bei Erreichen der max. Versuchsanzahl, und so weiter....
Die nächste Prüfugnsordnung steht in den Startlöchern und wird um die Konsequenz erweitert, dass wer ein "endgültig nicht bestanden" in einem Studienfach der Ingenieursfakultäten bekommt, nicht die Zulassung zu einem anderen Ingenieursstudiengang an der RUB bekommt. Sprich der gescheiterte Bauingenieur kann auch kein Informatiker werden. Jedenfalls nicht an der "Elite"-Uni.

11.04.2013
09:37
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden
von TeeJaneS | #5

An der Fakultät für Elektrotechnik wurde vor ein paar Jahren schon versucht dies durchzusetzen, dies scheiterte jedoch an datenschutzfreundlichen Studierenden und Professoren.
Seit der PO 09 gibt es die Regel, dass das erste Attest zu einer Prüfung vom Hausarzt einreichen auszustellen ist. Jedes weitere Attest bedarf den Besuch bei einem Amtsarzt.
Für mich gab es da 2 schlagkräftige Argumente:
1. Ähnlich wie meinen Arbeitgeber geht es niemanden an der Fakultät etwas was, unter welcher Krankheit ich leide.
2. Wenn mein Arzt sagt, dass ich nicht an einer Prüfung teilnehmen kann, dann wird man ihm das glauben müssen. Er hat das passende Fachwissen und trägt ggf, die Konsequenzen mit.

Punkt 2 wird durch den Besuch des Amtsarzt überprüft. Punkt 1 wird aber weiterhin eingehalten.

11.04.2013
09:05
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden
von jesusonspeed | #4

Das ist eben die administrative Rationalität.Nummer x hat eben zu Zeitpunkt y Leistung z zu erbringen, sollte sie dies nicht tun, so stört sie das System und muss ausgegliedert werden. Das ganze treibt ja nocht weitere Blüten, sodass Prüfungsausschüsse ärztlichen Attesten inhaltlich widersprechen. Wird dringend Zeit, dass wir dieses Pinkwart/Schavan-Erbe loswerden und ein substantielles, neues Hochschulrecht implimentieren.

11.04.2013
08:04
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden
von Jakobskaffee | #3

Ich kenne solche datenschutzwidrigen Praktiken auch aus anderen Hochschulen des Landes. Die Landesregierung hat die Hochschulen auf das Problem mehrfach hingewiesen, nachdem sich sogar schon der Landtag damit befasst hat (damals war Auslöser ein Fall in Münster).

Das Beispiel zeigt, dass es den autonomen Hochschulen sehr schwer fällt, Rechtspositionen ihrer Studierenden zu achten und zu respektieren. Den Studierenden wird ja nichts geschenkt. Selbst wenn der Grund in Einzelfällen Faulfieber oder Prokrastianation sein sollte, müssen die Prüfungen irgendwann abgelegt werden.

11.04.2013
07:23
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden
von Kalutti | #2

Jeden Tag lese ich hier von irgendwelchen Vorschlägen, die mich immer mehr an DDR und Diktatur erinnern.

1 Antwort
Bochumer Studenten sollen offenbar Arzt von Schweigepflicht entbinden
von Futabakai | #2-1

Und mir sind wiederum reichlich Personen bekannt, bei denen im Falle einer Diagnose nach ICD10 im Attest höchstwahrscheinlich eher "akutes Faulfieber" an Stelle der lapidaren Diagnose "Prüfungsunfähig" gestanden hätte (gibts nur leider nicht unter ICD10, deswegen wird sich meist etwas "klangvolleres" ausgedacht). Die Wahrheit liegt sicherlich wie so oft der Mitte!!!

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