Bochumer Schüler diskutieren über „Charlie Hebdo“

Lebendiger Austausch: Das Paris-Attentat war Thema in Annemarie Steins Französisch-Kurs.
Lebendiger Austausch: Das Paris-Attentat war Thema in Annemarie Steins Französisch-Kurs.
Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Serv
Was wir bereits wissen
Bei einer Debatte um den Islam in der Erich-Kästner-Schule zeigte sich: Die Schüler leben Toleranz – auch wenn sie diese nicht immer selbst erfahren

Bochum.. Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ mag viele Menschen dazu bringen, sich auf Grundwerte wie Freiheit und Toleranz zurückzubesinnen. Andere fühlen sich in ihren Vorurteilen gegenüber Moslems bestärkt. Als Träger des Titels „Schule gegen Rassismus und mit Courage“ und Lernort mit hohem Ausländeranteil sieht es die Erich-Kästner-Schule als ihre Pflicht, den Unterricht vor dem Thema nicht zu verschließen.

Lehrerin Annemarie Stein stellte darum Grammatik und Vokabellisten hinten an, um in ihren Französisch-Kursen – von Klasse 7 bis 12 – über den Unterschied zwischen Islam und Islamismus zu diskutieren. Beim Unterrichtsbesuch in der Oberstufe zeigte sich: Die Jugendlichen leben Toleranz – auch wenn sie diese nicht immer selbst entgegengebracht bekommen.

Vorurteile durch fehlenden Kontakt

„Ich habe das Gefühl, mich immer für meine Religion rechtfertigen zu müssen“, erzählt die 19-jährige Muslima Canan Özdoganoglu. „Wenn ich in der Bahn über das Attentat rede, gucken mich manche Menschen an, als wäre ich eine Terroristin.“ Dabei sind sich auch ihre Mitschüler einig: Islam und Terror, das gehört nicht zusammen. „Den Ku-Klux-Klan verbindet man auch nicht direkt mit dem Christentum“, ergänzt Lucca Geertman. Für sie und ihre Mitschüler sei es ganz normal in multikulturellen Kreisen aufzuwachsen.

Von Menschen, die die Akzeptanz fremder Kulturen nicht in die Wiege gelegt bekommen haben, verlangt die 19-Jährige: „Viele Leute sollte sich mehr mit anderen Kulturen befassen.“ Denn gerade wenn der Kontakt fehlt, würden Vorurteile entstehen. „Dabei sind deutsche Moslems genauso deutsch wie andere Deutsche.“

Schüler kritisieren Medien

Geht es um das Gedeihen von Vorurteilen, üben die Schüler auch Kritik an den Medien. „In meinem Herkunftsland sind auch zahlreiche Muslime Opfer von Terror“, erzählt der Deutsch-Afghane Assad Farhad (18). Dass viele Muslime von Extremisten getötet werden, die behaupten im Namen des Islam zu handeln, wäre allerdings zu selten im Fokus der Berichterstattung. So böte man fruchtbaren Boden für das „größte Problem“: Die Verknüpfung von Islam und Terror.

Dass das Paris-Attentat im Unterricht auf derartige Weise reflektiert wird, sieht Annemarie Stein nicht nur als wichtig für die Schüler – auch für sie ist die Diskussion ein Gewinn: „Ich höre Standpunkte, auf die ich bis jetzt nicht gekommen bin.“

Dass auch viele ihrer an Satire-Fernsehsendungen und Darstellungen gewöhnten Schüler Mohammed-Karikaturen durchaus als „geschmacklos“ und „überflüssig“ kritisieren, sei ihr zunächst nicht ersichtlich gewesen. Die Pressefreiheit zu beschneiden, das sei zwar kein Thema. Aber muss alles was darf? „Hier sind wir am Beginn eines langen Diskussionsprozesses.“ Die Schüler haben einen großen Anfangsschritt getan.