Bochumer Professor fordert mehr Kommunikation zwischen Polizei und Fans

Thomas Feltes ist der Meinung, dass Verbände und Behörden gewaltbereiten Fans mit den falschen Mitteln begegnen.
Thomas Feltes ist der Meinung, dass Verbände und Behörden gewaltbereiten Fans mit den falschen Mitteln begegnen.
Foto: Oliver Müller NRZ
Der Bochumer Kriminologie-Professor Thomas Feltes spricht im Interview über Möglichkeiten, das Verhältnis zwischen Fußball-Fans und Polizei zu verbessern. Dabei kritisiert er die derzeitige Praxis bei der Vergabe von Stadionverboten und wirft dem DFB unprofessionelles Arbeiten vor.

Bochum.. Professor Thomas Feltes ist Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Feltes gilt als Experte für Stadionverbote und Gewalt im Fußball. Der Jurist kritisiert unprofessionelles Verhalten beim DFB und bei der Polizei. Verbände und Behörden würden gewaltbereiten Fans mit den falschen Mitteln begegnen. Bis September 2012 war er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Nach einigen kritischen Äußerungen über die Arbeit der DFL verlor Feltes seinen Posten.

In unserem Interview spricht der 61-Jährige über Gefahr im Stadion, die Kategorisierung von Fans, Probleme bei der Stadionverbots-Praxis und Fehler der Polizei beim Umgang mit Fans. Doch während die Polizei oftmals den Kontakt zu Fans suche, würden sich beispielsweise die Kommunen aus ihrer Verantwortung stehlen. Dadurch bleibe viel Arbeit bei den Ordnungshütern hängen.

Herr Professor Feltes, was ist Ihrer Meinung nach die größte Gefahr, wenn man in Deutschland ein Fußballstadion besucht?

Prof. Thomas Feltes: Das hängt davon ab, ob ich den ÖPNV benutze oder mit dem Auto fahre. Wenn ich mit dem Auto fahre, ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall verletzt zu werden, wesentlich größer als die Gefahr, beim Fußballspiel selbst Opfer zu werden. Das Stadion ist ein sicherer Ort, sicherer als die meisten anderen Freizeiteinrichtungen.

Im Bochumer Bermuda-Dreieck oder in der Düsseldorfer Altstadt ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Raubes oder einer Körperverletzung zu werden um ein Vielfaches höher als im Stadion. Die Probleme, die durch die Medien wabern, sind auf eine relativ kleine Gruppe von gewaltbereiten Fans fixiert.

Sie sprechen die Gewaltbereitschaft von Fans an. Ist die Kategorisierung in A-, B- und C-Fans noch zeitgemäß, wenn man bedenkt, wie viele Menschen in Stadien strömen? Müsste die Kategorisierung nicht viel feiner sein? Im momentanen Modell ist ja der normale, harmlose Stadiongänger schon Kategorie A…

Prof. Feltes: Wir könnten wie bei dem Rating von Banken oder Ländern von „Tripple A“ bis E oder F gehen… Ich halte diese Kategorisierung aber für Humbug. Für einen Kriminologen verbietet es sich, Menschen in irgendwelche Kategorien zu stecken. Aus dem Verhalten in einer konkreten Situation kann ich nur sehr bedingt Rückschlüsse auf zukünftiges Verhalten ziehen. Außerdem hat die ZIS noch nie klarmachen können, wer diese Kategorien überhaupt festlegt und was genau die Kriterien für die Einstufung sind. Das hat ein gehöriges Stück von Beliebigkeit und damit sollte sich die Polizei als staatliche Behörde nicht beschäftigen. Ultragruppen mit choreographischen Inszenierungen fallen so in der Regel in die Kategorie B – egal, ob jemand selbst gezündelt hat oder nicht.

Die Übergänge können doch auch fließend sein. Selbst der bravste Familienvater kann so lange getriezt werden, bis er sich wehrt – und schon ist er Kategorie B oder landet in der Datei "Gewalttäter Sport"..

Prof. Feltes: Wie bei Wilhelm Busch – „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt“. Wir haben das in Sevilla gesehen, wo auch unbescholtene Dortmund-Fans Opfer von Polizeigewalt geworden und danach dann in einem rechtsstaatwidrigen Verfahren zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden, die hier in Deutschland in das Bundeszentralregister eingetragen wurden. Die haben wir durch die Instanzen begleitet, der Fall geht jetzt vors Bundesverfassungsgericht, weil die deutschen Behörden sich weigern, die Rechtmäßigkeit der Verurteilung zu überprüfen.

Wenn Menschen zusammenkommen, entsteht immer Dynamik. Da spielt natürlich die vorhandene Gewaltbereitschaft eine Rolle. Dabei ist aber wichtig, was die Fans vor Ort vorfinden, also ob man ihnen ein Umfeld bietet, das der Gewaltbereitschaft entgegenkommt oder ob man versucht, andere Lösungen zu finden. Dafür gibt es gute Beispiele, etwa in Köln, auf Schalke, in Bochum und vom Prinzip her auch in Dortmund. Das läuft dann zwar auch ab und zu mal aus dem Ruder, aber vieles hängt davon ab, wie die Polizei vor Ort mit dem Thema umgeht. Da gibt es Modelle, die wir gerne untersucht hätten, wie wir dies bei zurückliegenden Europa- und Weltmeisterschaften zusammen mit Kollegen aus den Niederlanden bereits getan hatten, aber leider haben weder DFB noch DFL Gelder dafür bereitgestellt.

Zusammenhang zwischen Verhalten von Polizei und Fans

Was wären das für Modelle?

Prof. Feltes: Es geht ganz klar um Interaktionen. Es gibt Zusammenhänge zwischen Polizeiverhalten und Fanverhalten und umgekehrt. Das wollten wir gerne weiter untersuchen. Warum läuft es in manchen Städten besser als in anderen? Aber vielleicht ist auch genau das der Grund, weshalb wir keine Gelder bekommen. Man scheut den unabhängigen Vergleich. Wir wollten uns dabei natürlich auch ansehen, weshalb einige Situationen aus dem Ruder laufen, wie zuletzt bei Schalke in Dortmund. Da fehlt mir eine seriöse, externe Aufarbeitung durch neutrale Beobachter. Es reicht nicht, wenn ein angeblich unabhängiger DFB-Beobachter im Stadion sitzt, der zumeist die Auseinandersetzungen außerhalb des Stadions gar nicht mitbekommt. Es müsste sich jemand den gesamten Ablauf ansehen, so, wie wir es über zwei Jahre hinweg in vielen Stadien getan haben. Dass dies im Ergebnis von DFB und DFL nicht gewollt ist, verstehe ich nicht. Vielleicht fühlt man sich von der Polizei oder der Politik unter Druck gesetzt. Eigentlich müssten die Verbände ja ein großes Interesse daran haben, zu wissen, warum Dinge aus dem Ruder laufen.

So könnten DFB und DFL auch wirksamer den Forderungen nach Kostenbeteiligung entgegenwirken.

Prof. Feltes: Möglicherweise, aber diese Forderung ist - worauf Dr. Rauball ja zu Recht mehrmals hingewiesen hat - ohnehin rechtlich nicht durchsetzbar. Mir fehlt generell die professionelle Distanz des DFB gegenüber der Polizei. Das beginnt damit, dass der DFB seinen Sicherheitsbeauftragten regelmäßig aus der Polizei rekrutiert. Dafür gibt es überhaupt kein rationales Argument – außer dem, dass man auf gute Beziehungen zur Polizei setzt. Dabei verkennt man, dass die Polizei eine unabhängige Institution ist, die primär für die Bürger da ist und den DFB gar nicht anders behandeln darf als jeden anderen Verband (und die Bürger) auch. DFB und DFL sehen sich als Interessenvertreter der Vereine, und dabei kommen die Fans leider zunehmend zu kurz.

DFB und DFL werden von Politik und Polizei immer wieder für die Vorkommnisse außerhalb der Stadien verantwortlich gemacht. In wie weit sehen Sie die Verbände da in der Pflicht?

Prof. Feltes: DFL und DFB sind weder innerhalb noch außerhalb der Stadien primär zuständig. Die DFL kann im Rahmen der Lizenzierungsverfahren Vorgaben machen, was sie auch getan hat, indem sie etwa Sicherheits- und Fanbeauftragte vorgeschrieben hat – leider ohne dazu ein Qualifikationsprofil und die sich daraus ergebende Bezahlung vorzugeben. Für die Sicherheit im Stadion ist der Betreiber zuständig, der sich mit der Stadt abstimmen muss. Da ist alles durch entsprechende Gesetze und Verordnungen geregelt, sodass sich weder DFB noch DFL einmischen müssen.

Außerhalb des Stadions bewegen wir uns im öffentlichen Raum. Da obliegt es der Polizei wie bei jedem Weinfest und jeder Demo von Rechtsextremen für Ordnung zu sorgen. Ich kann die Aufregung auch nicht verstehen, dass sich die Verbände da einmischen oder sogar in der Pflicht sehen, tätig zu werden, etwa durch Stadionverbote. Das wäre genauso, als würde der Veranstalter beim Oktoberfest verpflichtet, Randalieren im nächsten Jahr den Zutritt zu verwehren und dies durch Einlasskontrollen umzusetzen. Natürlich muss der private Sicherheitsdienst, der im Stadion für Ordnung sorgt, gut ausgebildet sein. Und da kann noch vieles verbessert werden. Das ist eine Baustelle, die vernachlässigt wird, weil die Vereine Geld in die Hand nehmen müssten: Wenn ich qualifizierte Ordner haben will, die z.B. in Deeskalation geschult sind, muss ich sie auch gut bezahlen.

Die Polizei erwägt den Einsatz von V-Leuten in Fanszene. Ist das aus Ihrer Sicht ein probates Mittel?

Prof. Feltes: Mich würde es sehr wundern, wenn es nicht längst V-Leute in den Stadien gäbe. Der V-Mann-Einsatz ist ein bekanntes, leider oftmals überbewertetes polizeiliches Mittel, um Informationen in abgeschotteten Gruppierungen zu sammeln. Dass das Mittel problematisch ist, wissen wir aber nicht erst seit dem NSU-Skandal. Es gab auch schon Fälle, in denen Straftaten auf Veranlassung von V-Leuten verübt wurden. Daher sollte man sehr vorsichtig sein und V-Leute nur dort einsetzen, wo dies unbedingt notwendig ist. Ehrlich gesagt sehe ich in Stadien diese Notwendigkeit nicht, auch nicht, wenn es um angeblichen Rechtsextremismus geht. Die Erfahrungen zeigen, dass im Fußball eine vernünftige Vorfeldarbeit mit Kommunikation und klaren Regelungen und Absprachen viel wirksamer ist.

Kommunikation wirkt sich positiv auf gewaltbereite Fans aus

Die Polizei bemängelt aber, dass die Kommunikation, speziell von Ultras, nicht erwidert wird.

Prof. Feltes: Ich kenne einige Beispiele, wo das funktioniert. Man wird möglicherweise nicht mit allen Ultra-Gruppen sprechen können. Wichtig ist, dass die Fans insgesamt begleitet und betreut werden und das Gefühl haben, ernst genommen und nicht nur als Objekte gesehen zu werden, von denen Gefahr ausgeht . Die Beispiele Mönchengladbach und Köln zeigen, dass sich das auch auf die Gewaltbereiten positiv auswirkt. Es ist richtig, dass sich einige Ultra-Gruppierungen zunehmend gegenüber Polizei und den Fanbeauftragten abschotten. Das ist für mich auch ein Resultat der schiefgelaufenen Kommunikation von DFL und DFB in den letzten zwölf Monaten. Da ist das Kind in den Brunnen gefallen. Ich bin gespannt, ob Andreas Rettig das retten kann. Bei der Fan-Konferenz in Berlin sah es so aus, aber man wird sehen müssen, ob er das Standing hat, um sich gegenüber den Scharfmachern durchzusetzen.

Konkret auf das Beispiel der Schalker in Dortmund bezogen, war es wohl so, dass die Ultras stinksauer waren, weil die Polizei zu einem Zeitpunkt, als die Gespräche noch liefen, an die Öffentlichkeit gegangen ist. So etwas kommt nicht gut an und wirkt bei den Ultras so, als wolle die Polizei ein Problem erst konstruieren.

Beim Versagen von DFB und DFL sprechen Sie vermutlich auch auf die gescheiterten Gespräche über Pyrotechnik an.

Prof. Feltes: Die Gespräche waren vom DFB zu verantworten. Der ehemalige Sicherheitsbeauftragte Spahn wurde dann offensichtlich zurückgepfiffen, denn er hätte die Gespräche weitergeführt, wie er jüngst gesagt hat. Vonseiten der DFL hat mir da eine klare Abgrenzung zum DFB gefehlt. Das hat sicherlich damit zu tun, dass Sicherheit Sache des DFB ist. Die DFL kümmert sich um die Vermarktung und Präsentation ihres Produkts und hat das Thema Sicherheit dem DFB überlassen. In meinen Augen war und ist dies eine falsche Entscheidung. Die DFL ist in allen Bereichen professionell aufgestellt, außer beim Thema Sicherheit. Doch der DFB geht mit Problemen nicht nur im Bereich der Sicherheit in der letzten Zeit oftmals sehr unprofessionell um. Das zeigt die Gereiztheit, mit der man beispielsweise auf das Buch von Theo Zwanziger reagierte – und auch die Tatsache, dass der DFB meinen Rauswurf aus dem Beirat der DFL erzwang. Wer sich seiner Sache sicher ist, reagiert anders.

Trotzdem muss sich die DFL mit Themen wie Stadionverboten auseinandersetzen und hat dort auch eine Verschärfung in Aussicht gestellt. Wie stehen Sie generell zu Stadionverboten?

Prof. Feltes: Wenn eine Suppe versalzen ist, wird sie nicht besser, wenn ich nachsalze. Mehr vom Selben, das hat schon Watzlawick in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ herausgefunden, nützt nichts. Wenn eine Sanktion nicht wirkt, wird sie auch nicht besser, wenn ich sie verschärfe. Genau das trifft auf Stadionverbote zu. Man weiß, dass man dadurch mehr Probleme schafft als man löst. Eine abschreckende Wirkung hat das Stadionverbot jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Die meisten der über 3000 registrierten Stadionverbotler sind ja nach wie vor irgendwo unterwegs. Es gibt einen kleinen Prozentsatz, der sich abschrecken lässt, aber die meisten reisen mit ihren Vereinen mit und werden dann vor Ort zum Problem, wenn man nicht vernünftig mit ihnen umgeht und ihnen Alternativen zum Stadionbesuch bietet. Davon abgesehen ist noch nie überprüft worden, ob und wie ein Stadionverbot tatsächlich wirkt.

Für mich gehört das Stadionverbot in den Bereich des Strafrechts. Es hat eine dermaßen große Eingriffsintensität, weil es für Jahre wesentliche Bestandteile der Freizeitgestaltung der Betroffenen unmöglich macht. Das ist ein Eingriff, der selbst im Strafrecht eigentlich nur bei schweren Straftaten und nach klarer Beweisführung möglich ist. Bei den meisten der Verhaltensweisen, die einem Stadionverbot zugrunde liegen, würde im Strafverfahren, so es denn überhaupt zu einer Verurteilung käme, eine Geldstrafe verhängt werden. Die bezahlt man, und gut ist. Hier haben wir eine Sanktion mit Langzeitwirkung und wenn man so will eine unheilige Allianz zwischen Zivil- und Strafrecht.

Fananwälte kritisieren, dass Stadionverbote zu schnell ausgesprochen werden.

Prof. Feltes: Es gibt bisher keine Studie, die überprüft hat, was mit Stadionverbotsverfahren im weiteren Verlauf passiert. Ich würde behaupten, dass mehr als 70 Prozent der Strafverfahren eingestellt werden. Dann müsste in den meisten Fällen auch das Stadionverbot zurückgenommen werden. Ich brauche den klaren Hinweis, dass von der betroffenen Person auch in Zukunft schwere Gewalt im Stadion ausgehen wird. Das muss in jedem Einzelfall festgestellt werden. Dazu müssten die Vereine entweder selbst Beweise sichern und gerichtsfest machen, oder alles gehört komplett in den Bereich des Strafrechts. Dann würde ein Richter das Stadionverbot verhängen, etwa als Auflage im Rahmen einer Bewährungsstrafe. Ein weiteres, von der Arbeitsgemeinschaft der Fananwälte zuletzt thematisiertes Problem ist die Weitergabe von Daten durch die Polizei an die Vereine. Das ist prinzipiell zur Durchsetzung privatrechtlicher Interessen möglich. Die Frage ist, wie verlässlich die Informationen sind. Ich habe begründete Zweifel, dass die Informationen immer richtig und vollständig sind.

Zumal häufig auch Mitläufer mit Stadionverboten bestraft werden…

Prof. Feltes: … bei diesen Mitläufern handelt es sich oft um jüngere Personen, die für einen Anderen oder als Mutprobe Pyrotechnik ins Stadion schmuggeln. Die wissen oftmals gar nicht, was sie tun. Da sehe ich Polizei und Vereine in der Pflicht, offensiv auf die Fans zuzugehen und klar zu machen, dass es sich hier um Straftaten handelt und die Polizei verpflichtet ist, zu ermitteln. Bei einem Verein geschieht das jetzt möglicherweise und wird von uns wissenschaftlich begleitet werden, aber bei den meisten bin ich bislang auf verschlossene Türen gestoßen.

Stadionverbote auf Bewährung könnten eine Hilfe sein

Wie lässt sich das Problem der Stadionverbote denn lösen?

Prof. Feltes: Wir würden gerne eine Bestandsaufnahme machen, wie die Vereine das Thema Stadionverbot handhaben, und mit welchen Ergebnissen. Wie läuft die Beweiserhebung? Werden die Betroffenen angehört? Es wird oft behauptet, die Fans würden ihr Anhörungsrecht nicht nutzen. In Bochum hat man die Erfahrung gemacht, dass sie es sehr wohl nutzen. Allerdings haben die Vereine dann manchmal das Problem, dass Aussage gegen Aussage steht. In solchen Fällen müsste man den Mut haben, das Verfahren solange auszusetzen, bis eine Erledigung des Verfahrens durch die Justiz erfolgt ist. Das halte ich zumindest in den Fällen, in denen den Betroffenen keine Gewaltdelikte vorgeworfen werden, auch für zumutbar.

Man könnte auch häufiger das Stadionverbot auf Bewährung aussprechen, um so eine goldene Brücke für den Fan zu bauen. Ich bin mir sicher, dass der eine oder andere diese ausgestreckte Hand annehmen würde. Natürlich gibt es die Unbelehrbaren. Da hilft dann tatsächlich nur der dauerhafte Ausschuss. Zudem könnte überlegt werden, die Verhängung von Stadionverboten den Vereinen zu übertragen, denen die Betroffenen angehören bzw. zu denen sie sich zugehörig fühlen. Dort sind sie bekannt, und dort könnte man ggf. auch pädagogisch auf sie einwirken. Zudem würden die Vereine so mehr über ihre problematischen Anhänger erfahren.

Stehlen sich die Vereine nicht aus ihrer Verantwortung? Für viele Fans dürfte der Verein doch die höchste Autorität sein.

Prof. Feltes: Das kommt darauf an, wie gut das Verhältnis zwischen Verein und Fans ist. Wir haben inzwischen leider Vereinsführungen, die sich stark von den Fans entfernt haben. Etwa in Hannover oder Frankfurt. Das hat dann auch die entsprechenden negativen Konsequenzen. Nur dort, wo der Verein die Fans ernst nimmt, kann Kommunikation funktionieren, vorausgesetzt, der Verein nimmt Geld in die Hand und unterstützt Fanarbeit. Auch wenn das als Sozialarbeit Sache der Städte sein müsste. Was früher aufsuchende Sozialarbeit war, müsste heute um die Stadien herum geschehen. Es geschieht auch, leider mit zu wenig Personal.

Es ist ja nun nicht von der Hand zu weisen, dass Fußball-Fans auf der Anreise Schäden anrichten, etwa in der Bahn, wo Waggons demoliert werden oder im öffentlichen Raum Pyrotechnik verwendet wird. Für solche Fälle gibt es dann auch Stadionverbot. Werden da nicht Tatschauplätze verquickt?

Prof. Feltes: Die Argumentation ist, dass derjenige, der auf dem Weg zum Stadion durch Gewalt oder Pyrotechnik auffällt, dies auch im Stadion in der Zukunft tun könnte. Das kann man durchaus hinterfragen. Natürlich kann man sagen, dass jemand, der außerhalb des Stadions Pyrotechnik zündet, dies möglicherweise auch im Stadion tun wird. Aber wenn es auf einem Bahnhof etwa zu einer Auseinandersetzung mit Polizeibeamten kommt, muss es nicht so sein, dass das im Stadion auch passieren wird.

Schäden werden meist wegen des Alkoholgenusses angerichtet. Die Bahn reagiert dann damit, dass sie noch ältere Züge einsetzt, was zu einer Kettenreaktion führt. Aus der Kriminologie wissen wir, dass in einem schlechten Umfeld noch weniger Rücksicht auf Sachen und Personen genommen wird. In Schalke oder Bochum gab es mal den Versuch, dass Straßenbahnen renoviert und von Spielern „adoptiert“ wurden. Bei diesen Wagen ist dann nichts mehr passiert. Es ist also oft eine Frage der Kreativität und des guten Willens. Wenn die Bahn verdreckte Waggons mit defekten Toiletten einsetzt, darf sie sich nicht wundern, dass die Fans sich entsprechend verhalten. Dafür sind die Vereine jedenfalls nicht verantwortlich. Die Vereine müssten höchstens dafür Sorge tragen, dass die Fans nach dem Spiel nicht alkoholisiert in ihr Auto steigen und dann sich und andere gefährden.

Es gibt aber durchaus Großveranstaltungen, deren einziges Geschäftsmodell der massenweise Konsum von Alkohol ist. Auf dem Münchener Oktoberfest rufen die Kapellen die Leute nicht auf, nach drei Maß nicht mehr Auto zu fahren.

Prof. Feltes: Das Oktoberfest ist überliefertes Kulturgut und findet nur einmal im Jahr statt. Danach hat man es wieder vergessen. Dabei gibt es dort an einem einzigen Tag mehr Verletzte als in einer ganzen Bundesliga-Saison, wobei die Verletzungen bei Fußballspielen bei weitem nicht alle aufgrund von gewalttätigen Auseinandersetzungen entstehen.

Polizei muss Versäumnisse der Kommunen ausbaden

Müsste dann nicht die Kommunikation zwischen Fans, Vereinen, Polizei, Kommunen, Bahn und all den anderen Beteiligten intensiviert werden?

Prof. Feltes: In der Regel ist es auch hier die Polizei, die Gespräche anregt. Das beobachten wir auch in anderen Fällen, abseits des Fußballs. Die Städte halten sich da meist vornehm zurück. Die Vereine und die Polizei machen oftmals gute Arbeit, aber keine Werbung damit. Polizeiliche Einsatzleiter fahren schon eine Woche vor dem Spiel zu den Fans und suchen das Gespräch. Das funktioniert auch, kann aber natürlich optimiert werden. Der Schwachpunkt ist momentan die Bahn, weil sie entweder keine Züge zur Verfügung stellt oder nur unter Bedingungen, die für die Fans nicht akzeptabel sind. Im öffentlichen Nahverkehr funktioniert das im Ruhrgebiet weitestgehend problemlos. In Köln ist die Situation schwierig, weil das Stadion am anderen Ende der Stadt liegt und die Gastfans direkt durch die anreisenden Heimfans fahren müssen, in Dortmund müsste man das Stadion um 180 Grad drehen und hätte auch keine Probleme mehr. Umso mehr muss man im Vorfeld kommunizieren. Und da wundert es mich schon, dass in Dortmund innerhalb von zwei Jahren zweimal die gleichen Fehler gemacht wurden. Da frage ich mich, warum die Polizei nicht aus den Vorfällen aus der letzten Saison gelernt hat.

Warum denn nicht?

Prof. Feltes: Das hat etwas mit Fehlerkultur zu tun. Ich bin sicher, dass das innerhalb der Polizei diskutiert wird. Die Frage ist, ob Konsequenzen gezogen werden und ob die Polizei auch an die Öffentlichkeit kommuniziert, dass auch sie Fehler gemacht hat und welche Konsequenzen daraus gezogen werden.

Wie kann man das Spannungsverhältnis zwischen Polizei und Fans lösen? Viele Fans klagen darüber, dass sie schlecht behandelt werden, nur weil sie den „Fehler“ gemacht haben, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Spiel zu fahren. Sie werden eingekesselt und sehen sich einer bewaffneten Polizei in Kampfanzügen gegenüber.

Prof. Feltes: In Kaiserslautern habe ich bei einem Hochrisikospiel gegen Frankfurt die gegenteilige Erfahrung gemacht. Das Spiel wurde als „Schlachtfest“ tituliert, weil die Frankfurter ein sehr martialisches Video veröffentlich hatten, in dem ein Schwein blutigst zerlegt wurde. Ich habe aber selten ein so entspanntes Stadionumfeld erlebt wie an dem Tag. Die Polizeibeamten hatten wann immer es ging die Helme ab und haben freundlich und offen mit den Leuten kommuniziert und von Anfang an Grenzen aufgezeigt. Im Stadion gab es zwar die üblichen verbalen Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppen, aber man hatte an den Gesichtern gesehen, dass das für viele nur eine Art Spiel war. Die Polizei hatte die Situation entspannt.

Wenn ich aber gleich mit heruntergelassenem Visier und Schlagstock empfangen werde, trägt das nicht zur Deeskalation bei. Das sind Dinge, die auch den Einsatzleitern bekannt sind. Die bekommen aber oft Druck von ihren Kollegen, die sich dann genötigt sehen, auch so zu vorzugehen… eine verfahrene Situation.

Die Polizei kann also für eine entspannte Atmosphäre sorgen?

Prof. Feltes: In Köln zum Beispiel hat die Polizei ein großes Problem einfach gelöst. Dort hatten Gästefans keine Chance zur Toilette zu gehen. Die Polizei hat dort auf eigene Kosten Dixi-Klos aufgestellt. Die Stadt fühlte sich nicht dafür zuständig, der Verein auch nicht. Die Polizei wusste aber, dass die Fans, die aus der Bahn kommen, ordentlich gebechert haben. Also haben sie die Dixi-Klos aufgestellt. Dadurch war ein gewisser Druck – im wahrsten Sinne des Wortes – weg. Und die Anwohner haben sich nicht mehr beklagt, dass die Leute in ihre Vorgärten uriniert haben. Da sieht man wieder, dass solche Dinge letztlich an der Polizei hängen bleiben, weil sich sonst niemand zuständig fühlt.

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE