Blutspur führt ins Wohnzimmer

Szene mit Nils Kreutinger (Liam), Marco Massafra (Danny), Minna Wündrich (Helen).
Szene mit Nils Kreutinger (Liam), Marco Massafra (Danny), Minna Wündrich (Helen).
Foto: Diana Küster
Im Theater Unten setzt Leonard Beck Dennis Kellys Familientragödie „Waisen“ als klaustrophobisches Kammerspiel in Szene.

Bochum.. Im Theater Unten hatte Dennis Kellys „Waisen“ Premiere. Der junge Regisseur Beck schickt das Publikum in seiner ersten Inszenierung am Schauspielhaus an den Rand der Abgründe des Menschlichen. Und darüber hinaus.

Schwer erträglich ist, wovon das Stück erzählt: Eigentlich wollten sich Helen (Minna Wündrich) und Danny (Marco Massafra) einen romantischen Abend machen. Doch plötzlich steht Helens Bruder Liam (Nils Kreutinger) blutverschmiert im Zimmer. Er hat auf der Straße einen Verletzten gefunden, aber konnte ihm nicht helfen. So sucht er Hilfe bei seiner Schwester, die sich für ihn verantwortlich fühlt, seit ihre Eltern starben. Für Helen ist klar: Keine Polizei, denn Liam ist vorbestraft. Jetzt muss die Familie zusammenhalten: Die Beweise für Liams Anwesenheit am Tatort werden vernichtet. Aber Danny, der Ehemann, ist zunehmend irritiert von Liams widersprüchlichen Aussagen. Verdammt, da stimmt doch was nicht?!

Gefängnis oder Kampfkäfig

Stimmt. Denn es stellt sich heraus, das Liam selbst der Angreifer war, der den Verletzten, einen Araber, schrecklich zugerichtet hat. Aber warum? Die Frage bleibt offen. Sie wird immer wieder gestellt, aber es gibt keine wirkliche Antwort. Das ist das Schockierende an dem Stück: Es wird gezeigt, wie Menschen Gewalt um der Gewalt willen ausüben. Einfach so.

Kelly hat seinen Plot kompakt als bedrückendes Kammerspiel verpackt. Regisseur Beck braucht die klaustrophobische Spannung gar nicht zu akzentuieren, es reicht aus, die Figuren in ihren Beziehungen, in ihrer Abweisung, in ihrer Unbeholfenheit und in ihrer Angst immer neu zu arrangieren, gegeneinander zu stellen, voneinander zu trennen. Ein Ausweichen ist nicht möglich. Die Bühne (Amelie Neblich), um die herum das Publikum sitzt, zeigt nur ein Wohnzimmer mit Tisch und Stühlen. Aber es ist auch Gefängnis. Oder ein Kampfkäfig wie beim Ultimate Fighting.

Ohnmacht und Begeisterung

Am Ende, nach 100 Minuten, die einem sehr kurz vorkommen, bleibt der Zuschauer allein mit einem dämonischen Gefühl aus Ekel, Ohnmacht und Begeisterung. Ein Widerspruch? Nein. Erstere sind der Drastik des Stoffes geschuldet, letzteres den drei Schauspielern. Minutenlanger Applaus!

[kein Linktext vorhanden] Nils Kreutinger gibt den Liam als aggressiv-hilflosen Verlierer, Marco Massafra den Danny als am Ende radikalisierten Ex-Feigling. Unglaublich auch Minna Wündrich, die alle Facetten der opportunistischen Familien-Domina zeigt, aggressiv und sanft, zärtlich und furienhaft. Am Ende bleibt sie aufgelöst am Familientisch zurück. - Großes Theater im kleinen Theater Unten!

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