Betonwüste Girondelle im Bochumer Süden bietet viel Wohnraum

Auf dem Weg zum Riesenbessenplatz spazieren Gerhard Hölscher und Hund Tom durch die Wohnsiedlung Girondelle.
Auf dem Weg zum Riesenbessenplatz spazieren Gerhard Hölscher und Hund Tom durch die Wohnsiedlung Girondelle.
Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Mehrstöckige Terrassenbauten, ein Einkaufszentrum und eine bunte Bewohnerstruktur zeichnen die bogenförmig gebaute Straße in Uninähe aus.

Bochum.. Quadratisch, praktisch, grau – so der erste Eindruck dieser Straße. Quadratisch scheint die Struktur der aufeinandergestockten Wohnungen, was zudem platzsparend praktisch ist und grau ist das überwiegende Erscheinungsbild. Die Sonne lugt zwischen den eckig-markanten Flachdach-Betonbauten, die wahrscheinlich vorrangig in den 70er-Jahren erbaut worden sind, hervor und haucht der Tristesse ein wenig Leben ein.

Kontrastreich hingegen sind die zartrosa Fassaden einer Wohnsiedlung, die sich direkt zu Beginn der Einbahnstraße Girondelle auftürmen. Zum Flanieren und Verweilen lädt die bogenförmige Straße wohl eher nicht ein. Zu kaufen gibt es hier auch nichts – vielleicht ab und an mal eine Eigentumswohnung. Denn eines der Dinge, die es dort gibt, ist Wohnraum: Davon viel auf wenig Fläche.

Auffälliges

Ins Auge fallen zunächst die Terrassenbauten, die mehrstöckig und kastenförmig in die Höhe ragen. Am bröckelnden Beton kämpft sich das Efeu entlang. Auffallend sind die großen Fenster der Terrassenbauten. Innerhalb der Straße finden sich viele kleinere Abzweige und Verzweigungen. Dort gibt es kein Durchkommen für PKW – absolute Fußgängerzone, in der sich kleine Einfamilienhäuschen hinter hohen Bäumen verstecken. Ab der Hälfte der Straße verändert sich ihr Bild. Betonwüste ade. Nun bleiben die Häuser zweistöckig. Zwischen ihnen laden Wege ins Grüne ein, zum Spazieren im „Landschaftsschutzgebiet“ und Frischlufttanken.

Internationales Eck

Die mit Temposchwellen versehene Straße liegt im Stadtteil Steinkuhl. Dort hat sich die Integrationsagentur IFAK (1) angesiedelt. Seit 2007 bietet die Agentur Beratung, Angebote und Aktivitäten für Menschen mit und auch ohne Migrationshintergrund an. Seit zwei Jahren ist die Diplom-Pädagogin Dina Gorch Leiterin dieser Integrationsagentur.

Beratend steht sie den Bürgern vor Ort in Steinkuhl zur Seite: „Unser Ziel ist es, Menschen verschiedener Ethnien zusammenzuführen und einen Ort der Begegnung zu schaffen“, erklärt sie. In der Girondelle hat sich die Agentur angesiedelt, da sie sich inmitten eines internationalen Ecks befindet. „Dort leben nicht nur viele russischsprachige Bürger aus der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch viele Muslime.“

Im Angebot der IFAK stehen zur Zeit unter anderem interkulturelles Kommunikationstraining, Tanz- und Gymnastikkurse für Senioren und Deutschlernen mit dem Chor „Integral“.

Einkaufen am Riesenbessenplatz

Auf dem Weg zum Riesenbessenplatz (2), um dort Kleinigkeiten wie Einkäufe und Bankgeschäfte zu tätigen, spaziert Gerhard Hölscher gemeinsam mit Hund Tom immer durch den Betondschungel der Girondelle.

Der Platz ist eine kleine Sammelstelle für die Anwohner. Dort gibt es Lebensmittelgeschäfte, eine Apotheke sowie eine Sparkasse. „Auch sonst ist die Wohngegend attraktiv“, findet Hölscher: „Die Spielplätze in der näheren Umgebung sind alle vor Kurzem noch von der Stadt erneuert worden“, lobt er: „Außerdem gibt es ringsrum viele Grünzonen. Da kann man bis nach Altenbochum laufen“, schwärmt er. Der Weg dorthin sei allerdings ein wenig umständlich, findet er: „Es fehlt eindeutig eine verbindende Brücke“, denn der Weg an der Unistraße entlang „ist nicht schön zum Gehen“.

Bunte Bewohnerstruktur

Die Bewohnerstruktur der Straße ist komplett gemischt. Rentner, Familien und Studenten haben die Straße erobert. Es gibt außerdem zwei Kindergärten: die Kindertagesstätte Thomaszentrum sowie den katholischen Kindergarten Sankt Martin.

In der Hausnummer 6 befindet sich ein Studentenheim des Studentenwerks Akafö (3). Das Gebäude fasst 54 WG-Zimmer, die auf 18 dreieinhalb- und zwölf zweieinhalb-Zimmerwohnungen verteilt sind. „Die Wohnlage ist vor allem für junge studierende Eltern attraktiv, wegen der umliegenden Kindergärten“, weiß Ralf Weber, Pressesprecher des Akafö. Die Miete ist erschwinglich für die Studis. Schon ab 160 Euro pro Monat können sie dort wohnen. „Während des Semesters sind wir zu 98 Prozent ausgelastet“, erklärt Weber. Die Ruhr-Universität ist in nur 20 Minuten zu Fuß zu erreichen – noch schneller geht’s natürlich mit dem Bus.

Straßenname erinnert an alten Flöz

Die Straße Girondelle wurde am 4. November 1966 benannt, sie führt von Am Langen Seil im Bogen dorthin zurück. Der Name der Wohnstraße geht auf den Bergbau zurück, Girondelle ist der Name eines Kohlenflözes. Das Flöz hat seinen Namen wahrscheinlich von seinem ersten Abbauort, dem damaligen Gyrendel, einem Tal zwischen Essen-Werden und -Heisingen, wobei „Gyrendel“ mundartlich für „Geiertal“ stand. Der Bartgeier ist erst in den 1860er Jahren in Deutschland ausgestorben.

Die Zeche Vereinigte Girendelle war ein Betrieb des frühen Ruhrbergbaus und auch unter dem Namen Zeche Vereinigte Girondelle oder Zeche Vereinigte Gyrendelle bekannt. Vor 1780 wurde die Zeche Gierendelle in vier Bergwerke aufgespalten. Die letzten bekannten Förderzahlen des Bergwerks stammen aus dem Jahr 1842, es wurden 23 455 preußische Tonnen Steinkohle abgebaut. Die letzten bekannten Belegschaftszahlen stammen von 1858, damals arbeiteten 16 Bergleute auf dem Bergwerk.