Bei Schmerzen gibt es Hilfe
02.10.2009 | 16:52 Uhr 2009-10-02T16:52:00+0200
250 interessierte Besucher verfolgten die Inforunde mit vier Schmerzspezialisten im Knappschaftskrankenhaus Langendreer. Wichtigste Erkenntnis: Sowohl akute als auch chronische Schmerzen müssen nicht einfach hingenommen werden. Denn: Die Medizin ist weit.
Das kennt jeder: Es klopft, es pocht, es hämmert. Immer und immer wieder. Keiner hat „Herein” gerufen, aber er ist trotzdem drin: der Schmerz. Manchmal ist er so aufdringlich, dass er scheinbar nie wieder verschwinden will aus dem Körper. Das kann unerträglich werden. Muss es aber nicht. Denn die Schmerzmedizin ist weit. Wie weit, das haben vier Bochumer Spezialisten bei der jüngsten Ausgabe des WAZ-Nachtforums Medizin erklärt. Und wie akut nicht nur der Schmerz selbst ist, sondern auch der Informationsbedarf der Patienten, hat die riesengroße Resonanz gezeigt. Die Stuhlreihen in der Cafeteria der Uniklinik Knappschaftskrankenhaus Langendreer mussten angebaut werden, 250 Gäste informierten sich und wurden ihre Fragen bei den Experten los.
"Es geht um Lebensqualität"
Wichtigste Erkenntnis: Zu viele Patienten nehmen einen Schmerz einfach hin, sie resignieren. Genau das ist falsch: Es gibt, da sind sich die Experten einig, Mittel und Möglichkeiten, um nicht leiden zu müssen – und zwar bei Schmerzen aller Art und in jeder Lebenslage, bis zum Tod. Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns formuliert das Ziel der Palliativmedizin so: „Es geht um Lebensqualität.” – „Weint nicht, ich sterbe glücklich”, diesen Satz hatte er in der Todesanzeige eines seiner Patienten gelesen. Stimmt nachdenklich, trifft aber wohl den Punkt: „Die Menschen haben keine Angst vor dem Tod, sie haben Angst vor dem Sterben”, sagt Thöns. Vor Qual, Schmerzen, der Unerträglichkeit des Seins. Aber die Medizin mache es möglich, dass auch Tumorpatienten oder Querschnittsgelähmte ein glückliches und erfülltes Leben führen können.
WAZ-Redaktionsleiter Werner Conrad moderierte
„Schmerz lass nach. . .” – unter diesem Motto stand der informative, der auch bewegende Abend, durch den WAZ-Redaktionsleiter Werner Conrad führte. Einige Besucher werden die Veranstaltung gewiss erleichterter verlassen haben. Mit der Hoffnung, dass die Last des Schmerzes womöglich schon bald abnehmen dürfte. Entscheidend für eine funktionierende Schmerzbehandlung seien eine gesicherte Diagnose und die richtige Therapie.
Allein 170 Kopfschmerzformen
Hier ein Blick auf hilfreiche Adressen, Ansprechpartner und Tipps bei chronischen und akuten Schmerzen.
Buchempfehlungen: „Ratgeber Kopfschmerz: Informationen für Betroffene und Angehörige” von Claus Bischoff und Harald C. Traue, Hofgrefe Verlag; „Erfolgreich gegen Kopfschmerz und Migräne: Hilfe zur Selbsthilfe” von Hartmut Göbel, Springer, Berlin; „Schmerz. Wie können wir damit umgehen?” von Monika Specht-Tomann und Andreas Sandner-Kiesling, Patmos.
Hilfreiche Internetseiten: www.dgss.org (Dt. Gesellschaft zum Studium des Schmerzes), www. schmerzliga.de, www.schmerzhilfe.de
Palliativnetz Bochum: Dieser Zusammenschluss von Experten gehört deutschlandweit zu den Besten. www.palliativnetz-bochum.org,
Tel: (0800) PALLIATIV (725 542 848)
Psycholog. Schmerztherapie:Mail an sekr-schmerzklinik@rub.de. Eine Liste mit Therapeuten unter www.dgpsf.de/fuerpatienten.html
Ein Beispiel, genannt von Professor Dr. Michael Zenz, dem Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie am Knappschaftskrankenhaus: „Es gibt allein 170 Kopfschmerzformen.” Das ist enorm. „75 Prozent der Verordnungen gegen Kopfschmerzen sind falsch.” Das ist wohl noch enormer. Auf dem Weg zur richtigen Behandlung muss der Patient also Geduld mitbringen – aber, ganz wichtig, er sollte ihn trotzdem beschreiten. „Ruhig auf eine Warteliste setzen lassen, auch wenn es ein halbes Jahr dauert, bis ein Platz in der Schmerzklinik frei wird.” Das empfiehlt Dr. Jutta Frettlöh, Leitende Psychologin für Schmerztherapie am Uniklinikum Bergmannsheil. Bei Schmerzen müsse der Patient Kräfte wecken, bloß nicht zusätzlich zum körperlichen Leid auch noch negative Gedanken wie Verzweiflung zulassen. „Bei Schmerzen positiv zu denken, ist nicht leicht”, sagt Frettlöh. Aber wichtig. Denn wer ein besseres Gefühl habe, einen erfüllten und schönen Alltag, der empfinde den Schmerz nicht mehr so intensiv. Beispiel: Der Opa. Er hat's im Rücken. Kann nicht mehr, will nicht mehr. Dann kommt der liebe Enkel und will mit Opa spielen. Eine willkommene Abwechslung für Opa, verbunden mit Glücksgefühlen. Und der Rücken? Vergessen.
Neu sind Katheter, die direkt in die Wunde gelegt werden
Als Leitender Oberarzt der Klinik für Schmerztherapie am Knappschaftskrankenhaus kennt sich Dr. Andre Gottschalk mit Behandlungsmethoden bestens aus: „Selbst bei einer Amputation können die Schmerzen genommen werden.” Tabletten, Spritzen – Möglichkeiten gibt es viele. „Neu sind Katheter, die in die Wunde gelegt werden.” Was gibt es Schöneres, als das Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt? Für einen Schmerzpatienten wohl nichts.

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