An der Gräfin-Imma-Straße wird Bochum wieder zu einem Dorf

Maler Pit Groth und seine Ehefrau Ulrike posieren auf ihrem Grundstück an der Gräfin-Imma-Straße in Bochum.
Maler Pit Groth und seine Ehefrau Ulrike posieren auf ihrem Grundstück an der Gräfin-Imma-Straße in Bochum.
Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Ein Besuch in der Gräfin-Imma-Straße, die sich bergauf, bergab durch Stiepel schlängelt. Eine Reise durch eine beinahe dörfliche Gemeinschaft.

Bochum.. Bergauf und bergab. Die Autoräder rollen den Hang empor. Ein Bus fährt hier nicht entlang. Dann ganz oben endet rechts und links die Häuserreihe. Das Ruhrtal öffnet sich (1). Der Betrachter entdeckt Burg Blankenstein und die Henrichshütte in Hattingen, die in der Ferne Landmarken setzen. Spätestens hier bleibt kein Zweifel daran – die Gräfin-Imma-Straße muss etwas Besonderes sein.

Bis zur höchsten Stelle ist die Straße ein Wohngebiet. Gepflegtes Eigentum verspricht solides Leben. Die meisten Bauten erinnern an die 50er und 60er Jahre. Nur einzelne lassen ahnen: Hier sah es einst ganz anders aus, wie die Hausnummer 48 (2), erbaut um 1900 aus Ruhrsandstein. Heute bittet dort ein Grieche zu Tisch. Der Stiepeler Verein für Heimatforschung berichtet über die Gräfin-Imma-Straße: Hier praktizierte ab 1919 mit Dr. Gerhard Gilbert der erste Stiepeler Arzt, bis 1970 gab es die Sonntagsschule von Baptist August Hahnefeld und in Hausnummer 119 die beliebte Wirtschaft „Hasenkamp“.

Natur pur

Doch der lebendige Eindruck ist den Fakten der Geschichte oft überlegen. So überrascht der Wandel der Straße an ihrem höchsten Punkt. Wenn die Autoräder wieder abwärts rollen, führt die Straße fast bis zum Ende durch ein Landschaftsschutzgebiet, in dem nur wenige Menschen wohnen. Auf der rechten Seite ragt eine Gründerzeitvilla von 1910 (3) aus den Feldern hervor, die hier konkurrenzlos wie ein kleines Schloss anmutet. Der Hof Rumberg wurde seit 1861 erstmals von Familie Große Munkenbeck bewirtschaftet, die auch eine Ziegelei in Stiepel aufbaute. Seit 1996 kümmert sich Nachfahre Jörg Große Munkenbeck um den familiären Betrieb, zu dem heute Getreidefelder, Wald und Rinder gehören.

Der 49-Jährige verbrachte hier mit zwei Geschwistern seine Kindheit, Onkel Jürgen Große Munkenbeck wuchs ab 1939 als eines von sieben Kindern in der Villa auf. „Im Winter, wenn alles verschneit war, sind wir die ganze Straße runtergerodelt vom Kalkampsweg bis zur Dorfkirche“, berichtet Jörg Große Munkenbeck aus den 60er und 70er Jahren. „Heute fahren die jungen Burschen manchmal mit Longboards die Straße runter“, weiß sein Onkel zu berichten. Der 75-Jährige erinnert sich lebhaft an seine Kindheit an der Gräfin-Imma-Straße, die auch von der Arbeit auf dem Hof geprägt gewesen sei, sagt er. „Die Amerikaner lebten während des Krieges hier im Haus. Wir Kinder haben immer Süßigkeiten von ihnen bekommen.“ Unvergessen für Jürgen Große Munkenbeck ist die eigene Kleinzeche der Familie „Mit Gott gewagt“. Hier förderte er ab 1952 mit seinen Brüdern Steinkohle. Zuletzt lebte in der Villa noch Inge Große Munkenbeck, Mutter von Jörg und Schwägerin von Jürgen. Sie verstarb im vergangenen Jahr. Seither steht das Haus leer, doch Jörg Große Munkenbeck möchte gerne mit seiner Familie in das Elternhaus zurückkehren.

Die Straße führt weiter an den Feldern entlang, kaum ein Haus in Sicht. Aber mitten auf dem Feld, da leben ein paar Menschen. Die Lage der vier Häuser zwischen Raps und Weizenkorn genießt seit 1994 auch das Künstlerehepaar Ulrike und Pit Groth. Im Inneren fackelt dieser Tage ein Feuerofen. Es ist wohlig warm. „Für uns ist es eine Beruhigung, dass wir so weit entfernt sind vom Gedränge“, sagt Ulrike Groth. Der Wechsel der Jahreszeiten ist ein Quell der Inspiration, aus dem wohl ganz besonders der impressionistische Maler Pit Groth schöpft. „Kommendes Frühjahr haben wir Raps auf dem Feld, dann ist alles gelb. Der Weizen ist im Heranwachsen blaugrün und wird am Ende weizenblond, Roggen ist eher typisch grün und geht ins gelblichbraune über“, beschreibt seine Frau.

Reiterhof mit Tradition

Die Nachbarschaft steht sicher nicht mehr so eng zusammen wie es zu Jugendzeiten von Jürgen Große Munkenbeck gewesen sein muss. Er erinnert sich gern an das Rübenkraut des Nachbarhofs und berichtet von gemeinsamen Familienfesten. Trotzdem schätzen die Groths das freundliche Miteinander heute immer noch. „Von der Tradition her sind die Monstadts unsere nächsten Nachbarn“, erläutert Pit Groth. Der Pferde- und Reiterhof ist als „Hof Monstadt im Felde“ (4) seit 1867 in Familienbesitz und Heimat des Reit- und Fahrvereins Stiepel.

Noch ein Stück durchs Grün, in dem sich auch Teiche verbergen (5), dann grüßt die Dorfkirche an der Brockhauser Straße. Keine Frage – hier könnte die Geschichte über die Gräfin-Imma-Straße ebenso beginnen, wenn sie nicht zu Ende wäre.

Historische Hintergründe

Der erste, im Jahr 1909 vergebene Name der Gräfin-Imma-Straße war selbsterklärend: Kirchstraße. Sie war der Verbindungsweg zwischen den Stiepeler Gemeindeteilen Haar und Brockhausen und führte bis 1904 über die heutige Brüggeney-straße zur Dorfkirche. Im Zuge der Eingemeindung nach Bochum 1929 wurde die Straße umbe­nannt, wobei der Bezug zur Kirche durch die Wahl des Namens ihrer Stifterin erhalten blieb.

Allerdings ranken und vermischen sich um die vermeintliche Stiftungsurkunde der Dorfkirche aus dem Jahre 1008 sowie die historischen Hintergründe aus jener Zeit viele Legenden, Wahrheiten und nicht belegbare Überlieferungen. Tatsache ist, dass sich die historische Persönlichkeit der Gräfin Imma in der Stiepeler Selbstwahrnehmung zu einer Identifikationsfigur entwickelt hat. Außer der Straße ist die Stiepeler Grundschule und ein Kindergarten in Stiepel-Dorf nach ihr benannt (Quelle: Stiepeler Verein für Heimatforschung).