Am Palmberg gibt’s mehr Schafe als Einwohner

Seit rund 50 Jahren hütet Horst Wantoch von Rekowski seine Schafe Am Palmberg.
Seit rund 50 Jahren hütet Horst Wantoch von Rekowski seine Schafe Am Palmberg.
Foto: Gero Helm / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
In der zwischen der Bochumer Hustadt und Laer gelegenen Sackgasse gibt es sattes Grün, Natur pur und eine Schafherde. Lediglich ein Wohnhaus steht in der sonst häuserleeren Straße. Ein einsamer Bauwagenbesitzer hütet dort seit 50 Jahren seine Schafe.

Bochum.. Ja, wo ist man denn hier gelandet? Lief man eben noch durch die trist graue Betonwüste der Hustadt, wo Häuser dicht an dicht stehen und auf wenigen Quadratmetern möglichst viel Wohnraum schaffen, steht man wenige Meter später plötzlich mitten auf dem Feld. Die Schafe schauen kurz ganz neugierig, rupfen dann aber wieder saftige Grashalme aus dem Boden und kauen munter weiter. Ein „Kikeriki“ liegt in der Luft. Der stolze Hahn wacht über seine Hennen. Schüchtern lugt Besitzer Horst Wantoch von Rekowski aus seinem grünen Bauwagen hervor. Er grinst und gerät ins Plaudern.

Frische Luft genießen

Sein Bauwagen (1) steht seit rund 50 Jahren „Am Palmberg“. Das Grundstück hat er von seinem Freund übernommen. Es ist für ihn wie ein zweites Zuhause geworden. Jeden Tag ist er dort, füttert seine Schäfchen und die Hühner. „Im Moment gibt’s aber keine Eier – die haben wohl auch Winterpause“, lacht der 76-Jährige. Mit seiner Ehefrau Irene wohnt er mitten im Stadtteil Laer. Doch Am Palmberg, wo er sein kleines Grundstück bewirtschaftet, da kann er die „frische Luft“ genießen, erklärt er während er sich ein Zigarettchen dreht. In seinem Bauwagen hat er alles, was er braucht. Es gibt eine Kochnische, Solarzellen sorgen für ein wenig Strom und jede Menge Nippes für uriges Flair.

Sein Lämmchen Maria hat er besonders gern. „Das habe ich mit der Flasche groß gezogen, denn die Mutter hatte es verstoßen.“ Den Bau der Hustadt hat er hautnah miterlebt, denn als ehemaliger Maler hat er handwerklich dort viele Arbeiten verrichtet. Jetzt genießt er den Ruhestand, spielt ab und an mal Lotto und hofft, von der Lotto-Fee einmal reich beschenkt zu werden.

Gar nicht weit entfernt sieht man die nun leerstehenden Hallen des Opel Werk I. Der graue Schornstein ragt in den noch graueren Himmel. Dort ist es jetzt wahrscheinlich genauso still wie hier Am Palmberg.

Sackgasse ohne Straßenlaternen

Haus Laer (2) befindet sich auch in unmittelbarer Nähe und ist innerhalb weniger Gehminuten zu erreichen. Auf dem ehemaligen Rittergut (anno 940) finden heute keine Schlachten und Turniere mehr statt. Vielmehr können die prunkvollen und historischen Säle für Feiern und Festlichkeiten gemietet werden. Ein Gästehaus sowie ein Restaurant schließen sich zudem an.

Frühstück auf der Terrasse ist wie Urlaub

Am Palmberg ist eine winzige Straße. Eine Sackgasse ohne Straßenlaternen. Nachts ist es duster. Da leuchtet nur die angrenzende Hustadt. Die Breite der Fahrban reicht soeben für einen PKW. Dichten Verkehr gibt es dort aber sowieso nicht. Gut in Schuss ist die Straße auch nicht. Der Teerbelag bröckelt vor sich hin und in seinen Schlaglöchern sammelt sich das schlammige Regenwasser. Einöde in der Vorstadt könnte man denken, doch das Rauschen der A44 erinnert einen daran, dass man eben doch mitten in Bochum ist. Unmittelbar hinter dem Palmberg führt eine Rampe auf die pulsierende Verkehrsroute.

Nist- und Brutquartier für Vögel

„Naturschutzgebiet“ sagt das grüne dreieckige Schild an der Straßeneinfahrt. Eine kleine Bike fließt entlang des Wegs – der Schattbach. Er ist kaum einen Meter breit. Der Mini-Bach rundet das Bild der grünen Ruhrpott-Idylle ab: Wiesen, Felder, Fluss und Autobahn. Stare machen es sich hier gemütlich. Der Winter ist so mild, da ist der Zugvogel einfach mal im Ruhrgebiet geblieben. Eifrig pickt er nach Regenwürmern. Ungestört bleibt er nur bis eine feuchte, neugierige Schnüffelnase ihn aufscheucht. Hunde und Hundehalter nutzen die Gegend um den Palmberg zum Spazieren. Rückzug findet der gefiederte Freund seit neuestem jedoch in dem von Straßen NRW errichteten Nist- und Brutquartier (3). Das scheunenartige Häuschen ist als Ausgleichsfläche für die versiegelten Flächen der angrenzenden A44 geschaffen worden und fügt sich in die Weidewiesen-Landschaft ein.

Über die Namensherkunft Am Palmberg

Die weitgehend häuserleere Straße in Laer hat ihren Namen nach einer eiszeitlichen Endmoräne bzw. den an der Schattbachstraße durch die Eisbewegung abgelagerten nordischen Kiesen. Diese große Erdformation ist ein geschütztes Naturdenkmal, das gleichwohl in der Vergangenheit in beträchtlichem Umfang ausgekiest worden ist. Die Gesamtform des Palmbergs lässt sich noch heute gut am Verlauf der dort bauchigen Schattbachstraße verfolgen. Die älteste bekannte bildnerische Darstellung des Palmbergs findet sich auf einer Karte von 1787.

Der Name „Am Palmberg” datiert von 1947, vorher hieß die Straße Am Pallenberg (1929-1947) bzw. Kirchstraße (bis 1929). Älteren Bochumern ist der Name noch bekannt, weil hier – abseits der Alten Wittener Straße – die ev. Kirche stand, die im Zuge des Autobahnbaus in den 1970er Jahren abgerissen wurde. Auch Bergbau gab es: Die Kleinzeche Agricola II lag Am Palmberg südlich der Wittener Straße. Die Stilllegung erfolgte bereits zum 30. September 1962.