Alte Liebe rostet doch
18.03.2008 | 20:48 Uhr 2008-03-18T20:48:53+0100"Some Girl(s)" im TuT: Ensemble kann schlichtes Konzept des neuen Stücks von Neil LaBute aufwerten.Was ein Schriftsteller beim Besuch seiner ehemaligen Freundinnen so alles erfährt
Eine Autoren-Anekdote: Schriftsteller sitzen in launiger Runde beim Bier zusammen. Plötzlich meint einer von ihnen: "Ich muss jetzt sofort meine Mutter anrufen!" Die anderen fragen unwillig: "Muss das denn gerade jetzt sein?" Darauf meint der eine mit Bestimmtheit: "Ich brauche den Anruf für meinen neuen Roman." Was hier witzig gemeint ist, stellt - ernst genommen - ein wichtiges Problem literarischen Schreibens dar: Wie weit können biografische Details ungefiltert übernommen, inwieweit müssen sie verfremdet werden? Wie eng hier die Grenzen gesteckt werden können, zeigt sich durch den aktuellen Prozess um den dicht an der Wirklichkeit entlang geschriebenen Roman "Esra" von Maxim Biller - als Streitfall zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht.
Das eigene Leben und Erleben für die Literatur ausbeuten: Mit diesem nicht unproblematischen Thema befasst sich auch das Stück "Some Girl(s)" von Neil LaBute, das im kleinen "Theater unter Tage" Premiere hatte. Bekanntlich verkaufen manche Autoren für einen zündenden Stoff ihre Großmutter. Der Schriftsteller in "Some Girl(s)" indessen vergreift sich zu diesem Zwecke nicht an einer Altvorderen, sondern an vier ehemaligen Freundinnen.
Nach vielen Jahren trifft er sich mit ihnen (natürlich der Reihe nach) in Hotelzimmern, scheinbar, um sich bei ihnen für frühere Missetaten zu entschuldigen. Schlicht gesagt: Er hat die Damen damals aus irgend welchen fadenscheinigen Gründen sitzen gelassen. Die vier Frauen kommen zwar zum verabredeten Date, sind allerdings verwundert und irritiert, was der ihnen zwischenzeitlich fremd gewordene Mann von ihnen eigentlich will. Seine wortreichen Erklärungen können sie nur in Maßen überzeugen. Schließlich stellt sich heraus, dass er die Gespräche mit den Verflossenen heimlich aufgezeichnet hat - Material für ein neues literarisches Werk. Ein abgefeimtes Vorgehen.
Unter Intendant Matthias Hartmann ist das Werk LaButes durchaus gepflegt worden ("Bash", "Weit von hier", "Land der Toten"). LaBute schreibt kleine, wirkungsvolle Stücke, die dem Boulevard allerdings erheblich näher sind als Ibsen. Das ist auch diesmal nicht anders. Dem hinterhältigen Schriftsteller sind mit den Ex-Freundinnen keine glaubhaften Charaktere, sondern Typen gegenübergestellt. Psychologische Feinarbeit ist LaButes Sache nicht.
Zunächst also betritt die brave Hausfrau die Bühne, dann kommt die erotisch Lüsterne, gefolgt von einer strengen Verbitterten, deren Mann unten im Auto auf sie wartet. Beunruhigend für den Schriftsteller. Schließlich wäscht ein zartes Frauenzimmer, das allerdings harsch und resolut agiert, dem scheinbar reumütigen Ex-Lover den Kopf. Jele Brückner, Veronika Nickl, Manuela Alphons und Louisa Stroux gelingt es, den grob geschnittenen Figuren jenes Maß an Eigenständigkeit und Format zu geben, das möglich ist.
Doch wirklich gerettet wird die angemessene Inszenierung von Katrin Lindner durch Martin Rentzsch. Von allem Anfang an wirkt dieser Schriftsteller mit Vergangenheit - trotz gegenteiliger Beteuerungen - windig und zwiespältig: kein Vertrauen zu ihm, nirgends. Er mag noch so sehr Verständnis heucheln, noch so sehr zermürbt scheinen angesichts seiner angestaubten Sünden; dieser schillernden Figur würde man keinen Gebrauchtwagen abkaufen. Nur durch Martin Rentzsch als sonnigem Sausack bleibt der Spannungsbogen dieser Inszenierung erhalten, die sonst leicht ins Episodenhafte hätte zerfallen können.

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