Ärztliches Ethos mit Füßen getreten

Gefahr für das Werben um Organspender.
Gefahr für das Werben um Organspender.
Foto: WAZ FotoPool

Bochum.. „Hier wurde sowohl die Transplantationsethik als auch das ärztliche Ethos überhaupt mit Füßen getreten“, nimmt der bekannte Bochumer Transplantationsmediziner und Vorsitzender der Ethikkommission der Deutschen Transplantationsgesellschaft, Prof. Richard Viebahn, mit Bezug auf den Skandal am Göttinger Uni-Klinikum kein Blatt vor den Mund.

Der ärztliche Direktor des Knappschaftskrankenhauses, das europaweit mit Abstand die meisten Bauchspeicheldrüsen und kombinierten Bauchspeicheldrüsen (Nieren)-Transplantationen durchführt, spricht von einer erheblichen Bedeutung dieses Skandals für die komplette Transplantationsmedizin: „Ich sage dies, obwohl natürlich nun die Staatsanwaltschaft die Einzelheiten des Vorgangs um diesen russischen Patienten, der eine Spenderleber bevorzugt erhalten haben soll, aufklären muss.“ Bisher sei noch nicht einmal bekannt, ob tatsächlich außer den gefälschten Laborwerten auch noch Geld geflossen sei.

Vier-Augen-Prinzip gefordert

Viebahn, der eigenhändig bereits mehr als 500 Lebertransplantationen durchgeführt hat, gibt an, dass es nur drei bis vier Fälle gegeben habe, wo Patienten versucht hätten, bevorzugt behandelt zu werden. Dies sind nicht einmal ein Prozent. Er habe die Ansinnen natürlich jedes Mal abgelehnt.

Es seien auch schon Patienten vor die Tür gesetzt worden, macht er ganz deutlich. Vor dem Hintergrund der lebensbedrohlichen Situation für den einzelnen Patienten, der sich an jeden Hoffnungs-Strohhalm klammert, sei das aber ein geringer Anteil.

Als eine unter vielen Möglichkeiten, das Manipulieren etwa bei Laborwerten, die herangezogen werden, um den Platz auf einer Warteliste für ein Spenderorgan zu verbessern, schlägt Prof. Viebahn das Vier-Augen-Prinzip vor. Hier müsse der Laborarzt zusätzlich bestätigen, dass es sich etwa bei bestimmten Blutwerten tatsächlich um die Daten des entsprechenden Patienten handele.

Chirurg sieht eigenes Bemühen durch aktuelle Debatte torpediert

Besonders schwierig gestaltete sich die Diskussion vor dem Hintergrund der Alkoholerkrankung. So erinnert sich Viebahn an einen bereits zehn Jahre zurückliegenden spektakulären Fall. Ein trockener Alkoholiker sei an einer Leberzirrhose erkrankt und habe ein Spenderorgan erhalten. Noch heute sei der Mann trocken und erfreue sich guter Gesundheit. Dies sei ein positives Beispiel.

Durch die aktuelle Debatte im Nachklang des Göttinger Skandals sieht der Chirurg auch seine jahrelangen Bemühungen und sein Werben für eine größere Spendenbereitschaft in der Bevölkerung torpediert.