Abschlussfest kostet Abiturienten mehrere hundert Euro

Greta Eichert, Björn Gerdemann und Michelle Sakel (v.l.n.r.) haben in diesem Jahr ihr Abitur bestanden.
Greta Eichert, Björn Gerdemann und Michelle Sakel (v.l.n.r.) haben in diesem Jahr ihr Abitur bestanden.
Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Serv
Was wir bereits wissen
Sich für das Abschlussfest der Schullaufbahn schick zu machen, ist längst zur Pflicht geworden. Das aber kostet bisweilen mehrere hundert Euros.

Bochum.. Ein schöner Abschied wird das werden. Bevor sich alle in alle Winde verstreuen, wird final gefeiert: Abitur und Abschluss 2015. Mehr als 1000 junge Menschen bekommen in Bochum in diesen Tagen ihr Zeugnis überreicht. Sie verabschieden sich von ihren Mitschülern und ihrer Schule. Ärgerlich, dass dort Krawatte binden nicht Teil der bildenden Künste war. Björn Gerdemann hätte sonst eine Sorge vor der Zeugnisübergabe und dem alles abschließenden Abiball weniger. Für beides ist schon länger Pflicht, sich aufzuhübschen, schick zu machen, die letzten Tage der Schulzeit zu zelebrieren.

Vater hilft beim Krawatte binden

Zeugnis abholen, Danke schön, auf Wiedersehen, das war einmal. Gefühlt vorvorgestern. Gerdemann wird sich daher natürlich eine Krawatte binden, oder binden lassen. Vater und/oder Opa werden helfen. Nur kein Stress mehr auf den letzten Metern.

„Der Stress ist vorbei“, sagt auch Michelle Sakel (18), bald ehemalige Schülerin des Heinrich-von-Kleist-Gymnasiums und Gerdemanns Mitschülerin in den vergangenen Jahren. Nur zweimal ist sie noch an der Schule, beziehungsweise wegen der Schule unterwegs. Zunächst war da am Freitag die „feierliche“ Übergabe der Zeugnisse. Als Abschluss des Abschlusses gibt es am letzten Schultag, am 26. Juni: den Abiball. Mit ganz viel Brim und auch Borium. Auf diese Termine hat sie sich daher fast genauso intensiv vorbereiten müssen wie auf eine Klausur.

Der Abiball ist nach amerikanischen Vorbild mächtig aufgebauscht, wird als schulgesellschaftliches Ereignis des Jahres gefeiert. Eltern müssen für die Outfits ihrer gereiften Kinder – eins für morgens, eins für abends – auch schon mal tief in die Tasche greifen. Geduld beim Aussuchen gehört außerdem unbedingt dazu. Schließlich ist der Termin wichtig, einzigartig. Für den gilt es, sich besonders anziehen. Shoppen für Fortgeschrittene.

Wobei für Sakel das Finden ihres Abiball-Kleides – bodenlang, apricot-farben, rückenfrei – noch relativ schnell ging im Vergleich vom Suchen und Finden ihrer Mitschülerin Greta Eichert (18). Sakel hat ihr Abendkleid in Duisburg-Marxloh gekauft und hat den Vorteil eine Mutter zu haben, die nähen, also auch das Kleid etwas kürzen kann. Gleich der erste Termin brachte einen Treffer. Eichert brauchte deutlich länger, bis sie sich schlussendlich ein für bodenlanges Kleid in korallenrot entschied. „Ich war dreimal los. Bin dann in Köln fündig geworden.

20 Kleider habe ich anprobiert, mehr als drei Stunden hat das gedauert.“ Dafür hatte sie ihr Kleid für die Zeugnis-Übergabe schon. „Das hatte ich mir zum 16. Geburtstag gewünscht. Den habe ich etwas größer gefeiert.“ Beide Kleider zusammen mit den jeweils passenden – natürlich sehr hohen – Schuhen, haben etwas mehr 300 Euro gekostet. Wer schön sein will, muss zahlen.

„Ich bin eher der T-Shirt-Typ“

Das mussten auch die Eltern von Björn Gerdemann. Zudem mussten sie reichlich Überzeugungsarbeit leisten. „Der Hype ist zunächst an mir vorbei gegangen. In den Osterferien hat meine Mutter zu mir gesagt, ich soll doch jetzt mal endlich los gehen, sonst wäre nichts mehr da.“ Wie Mütter und Söhne so sind. „Als ich im Laden stand, konnte ich bei den Anzügen erst keine Unterschiede erkennen. Die sahen für mich alle gleich aus. Ich bin eher der T-Shirt-Typ und hatte bis vor kurzem noch nie einen Anzug an. In diesem Jahr aber standen und stehen bei unserer Familie einige Feierlichkeiten an, da macht so ein Anzug schon Sinn. Ich hatte meine Freundin, meinen Vater und auch meine Schwester zur Beratung mit.“

Entschieden hat er sich schließlich für ein Outfit, das zusammen mehr als 400 Euro gekostet hat: Leder-Schuhe, einen taillierten dunklen Anzug (280 Euro) und ein graues Hemd sowie ein weinrote Krawatte.

Er wird mit dem „Verkleiden“ für den Ball schneller fertig sein als seine beiden Mitschülerinnen. „Zwei, zweieinhalb Stunden werde ich wohl brauchen, für’s Schminken und Haare machen und anziehen“, sagt Sakel. „Ich zelebriere das gerne.“

Ja, Schule kann auch Spaß machen.

Der Trend geht zu Anzug und Fliege

Nur noch wenige angehende Abiturienten hat Klaudia Hübner in den vergangenen Tagen beraten. „Die meisten waren schon wesentlich früher da. In den vergangenen zwei Monaten hatten wir gut zu tun“, sagt die Modeberaterin im Modehaus Baltz. „Aber einige wollten halt erst abwarten, ob sie den Abschluss schaffen.“

Ein Outfit für den Abiball und eins für die Zeugnisübergabe an der Schule bezahlt man nicht mal eben aus der Portokasse. Nur mit einem Sakko ist bei den jungen Männern längst nicht mehr getan. „Auch bei ihnen geht der Trend dahin, dass sie, so wie die Mädels, eben wirklich zwei Outfits haben wollen. Eins für Morgens, eins für Abends. Immer häufiger stimmen sich zudem Junge und Mädchen, die zusammen zum Ball gehen, ab, was sie anziehen.“

Anzug, zwei Hemden, Krawatte, Lederschuhe, Gürtel. „An die 500 Euro kann das leicht gehen“, sagt Hübner, die schon manche Mutter hat darüber grübeln sehen, ob diese Investition jetzt wirklich angebracht und nötig wäre. „Ich kann das vollkommen verstehen“, sagt Hübner. „Im besten Fall können die Jungs den Anzug mehrmals tragen, vielleicht bei einem Bewerbungsgespräch oder einer anderen Festivität. Aber sie wachsen ja auch noch. Da geht es schnell, dass der teure Anzug nicht mehr passt.“

Der Anzug aber sei nahezu Pflicht. „Der Trend geht schon viele Jahre zum Anzug. Also nicht nur Sakko und legere Hose, sondern komplett abgestimmt. Gerne wird jetzt dazu Fliege getragen.“ Bei den jungen Frauen ist schon längere Zeit für den Abend das bodenlange Kleid angesagt. „Das Kleid, das sie bei der Zeugnisübergabe tragen“, sagt Hübner, „ist meist deutlich kürzer und oft eins, das man häufiger mal anziehen könnte.“