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Theater : Die Shakespeare-Stadt Bochum

Bochum, 26.12.2009, Werner Streletz

Bochum. Kann man Bochum wirklich als Shakespeare-Stadt bezeichnen oder handelt es sich dabei um eine Mogelpackung? Ein Rückblick auf die Shakespeare-Inszenierungen im Schauspielhaus Bochum in den vergangenen Spielzeiten mit Intendant Elmar Goerden.

„Durch Titus habe ich eine gute Bekanntschaft mit dem Herrn gemacht”, schmunzelt Intendant Elmar Goerden. Gemeint ist Shakespeares frühe Tragödie „Titus Andronicus”, ein „Gräuel-Schinken”, wie Goerden befindet: „Das hat Shakespeare als Theater-Haudrauf geschrieben, ohne elegante Dramaturgie”, eher ein Holzschnitt. Nur anhand dieser rüden Blutgeschichte habe er es gewagt, seine Scheu vor Shakespeare zu überwinden: „Shakespeare war mir zu groß. Das ist ein Gebirge, da geht man irgendwann hinein. Aber jetzt noch nicht.” Darum habe er sich den Shakespeare-Kosmos auch nicht mit den gängigen Klassikern wie „Was ihr wollt” oder „Romeo und Julia” erschließen wollen, sondern mit dem brachialen Frühwerk.

2002 inszenierte Elmar Goerden „Titus Andronicus am Residenztheater in München. Und siehe da: In seiner Version hatte das ungebärdige Spiel „plötzlich eine gute Logik”, so Elmar Goerden.

Jene Jahre, als alles anfing

Indessen: Das war die erste Annäherung nicht, die den Intendanten mit Shakespeare verbunden hat. Der Blick muss dafür weiter zurückgehen in jene Jahre, als alles anfing: Als der Bochumer Intendant in Köln Anglistik studierte und mit Karin Beier, heute Kölner Theaterchefin, eine freie Theatergruppe gründete, die sich ausschließlich auf Shakespeare spezialisieren wollte. „Wir haben das auf englisch gespielt und uns dabei total überfordert”, erinnert sich Elmar Goerden. Zum Schluss, die Gruppe bestand von 1987 bis 1991, hätten elf Shakespeare-Stücke im Repertoire gestanden. „Wir fühlten uns damals im Besitz der reinen Lehre”, denkt Goerden zurück, heute ein wenig über die damalige Selbstgewissheit lächelnd.

Der Intendant des Bochumer Schauspielhauses, Elmar Goerden. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool Foto: WAZ FotoPool

Was in einem Text wie „Hamlet” alles verborgen sein kann, wurde Elmar Goerden klar, als er eine Inszenierung von Frank Castorf gesehen hatte: Er erkannte, wieviel „Störmaterial” in dieser Deutung drin steckte. Goerden: „Das war meine erste produktive Verunsicherung mit Shakespeare.” Dann sah er Luc Bondys Inszenierung des „Wintermärchens”, das Peter Handke übersetzt hatte. „Von daher stammt meine Obsession für die Texte”, gesteht er. In jener Zeit sei er „theatralisch in den Kindergarten gegangen”. In den folgenden Jahren habe er „Shakespeare lange aus den Augen verloren”.

"Shakespeares Komödien sind wie Mozart-Opern"

So entsprach es auch keiner großen Passion, als Elmar Goerden am Schauspielhaus zur Saisoneröffnung 2007 Shakespeares unverwüstliche Komödie „Wie es euch gefällt” auf die Bühne brachte. „Das war ganz pragmatisch überlegt”, erzählt er. Er habe die Inszenierung auch als „okay” empfunden.

Doch selbstkritisch meint er: „Irgendetwas bin ich mir dabei schuldig geblieben.” Shakespeares Komödien seien so etwas wie gute Mozart-Opern, die stark in ihrer Entstehungszeit verhaftet bleiben, sie seien „kluge Narreteien” letztendlich. Die Tragödien dagegen könnten mehr aktuelle Wirklichkeit aufnehmen, so „Der Kaufmann von Venedig”: Darin regiere der Markt, der sich über alles wölbe, bis in die Sprache der Liebe hinein: „Du zahlst mir meine Küsse mit Rendite zurück!” bringt es der Intendant auf den Punkt. Nicht von ungefähr habe er seine Inszenierung in eine Bistro-Landschaft verlegt: „Eine elegante Welt, aber eiskalt. Sehr zynisch, sehr witzig und trotzdem unterhaltsam.”

Seine "intimste Arbeit" in Bochum

Die Proben am „Lear” hat Elmar Goerden als seine bisher „intimste Arbeit” in Bochum empfunden: „Wir waren eine Lear-Familie”, erinnert er sich. Jeder Mensch stecke in verwandschaftlichen Beziehungen, habe Schwierigkeiten mit den Eltern, den Geschwistern... Das Thema Familie fasse der „Lear” ganz eng zusammen. Und so seien auch die Schauspieler naturgemäß nah mit dem Thema des „Lear” verknüpft.

Die Proben am „Lear” hat Elmar Goerden als seine bisher „intimste Arbeit” in Bochum empfunden.

Die Proben mit Klaus Weiss in der Titelrolle seien mit den Abläufen im Free-Jazz vergleichbar: „Wir hatten Grundkoordinaten, und darüber haben wir gespielt, abseits von allem Vorhersehbaren.” Die Lear-Proben hätten ihm gezeigt: „Wir besitzen hier am Schauspielhaus ein Shakespeare-Ensemble mit allen Facetten, die man dafür braucht.” Das Tempo, die Härte, die Zeit, die eine Inszenierung brauche, „ergibt sich aus dem Ensemble.”

Mogelpackung oder Berechtigung?

Natürlich - wer es ganz genau nimmt, wird sagen, es gibt nur eine Shakespeare-Stadt und die heißt: Stratford-upon-Avon, dem Geburtsort des großen Dramatikers. Doch auch Bochum nennt sich - zumindest im Untertitel - seit jeher Shakespeare-Stadt. Nicht nur ausgewiesene Theatergänger sprechen das mit einem gewissen Stolz aus. Bildet dieses nicht gerade bescheidene Etikett eine Mogelpackung, oder hat es - bei näherem Hinschauen - eine Berechtigung? Wer das beantworten will, muss weit in die Vergangenheit zurückschauen, bis zur Intendanz von Saladin Schmitt, der das Schauspielhaus von 1919 bis 1949 leitete. Schmitt begründete den Ruf des Bochumer Theaters und machte das Schauspielhaus weithin bekannt. Die großen Klassiker stellte Schmitt dem Publikum in Zyklen vor, wobei er das relativ exzessiv betreiben konnte. Das System der Vormieten garantierte, dass auch bei entlegenen Nebenwerken eine gewisse Zahl an Zuschauern zu erwarten war.

Nur unter dieser Voraussetzung war es möglich, dass sich Saladin Schmitt rühmen konnte, alle 36 Dramen der ersten Folio-Ausgabe in Bochum auf die Bühne gebracht zu haben, ein Rekord, der in unseren heutigen, genusssüchtigen Zeit schlichtweg undenkbar wäre. Außerdem würde das Wahlabo dafür sorgen, dass die shakespeareversessenen Theatermacher schon bald vor leeren Rängen spielen würden - spätestens bei so wenig bekannten Stücken wie „Cymbeline” beispielsweise. Doch damals ging das Publikum automatisch ins Theater, wenn's die jeweilige Vormiete vorsah. Selige oder nicht so selige Zeiten? Diese Frage muss offen bleiben.

Legendäre Theaterabende

Naturgemäß seien die Schauspieler nah mit dem Thema des „Lear” verknüpft, sagt Elmar Goerden.

Schmitts Regiestil galt als pathetisch bis erhebend, werkgetreu, würde man heute sagen. Saladin beabsichtigte mit seiner Klassikerpflege, einer eher kulturfernen, hart arbeitenden Bevölkerung die thea-tralischen Segnungen des Abendlandes näher zu bringen. Und das eher vom Katheder aus denn von der Spielwiese.

Es mussten Jahrzehnte vergehen, bis ein anderer Regisseur die Werke des großen Elisabethaners gegen den Strich bürstete und ihnen respektlos völlig neue Töne entlockte: Peter Zadek zeigte im Jahre 1975 eine unerhörte Inszenierung von „König Lear”, dem sich 1977 die noch ruhmreichere Deutung des „Hamlet” anschloss, mit einem ebenso faszinierenden wie eigenwilligen Ulrich Wildgruber in der Titelrolle. Legendäre Theaterabende - unvergessen.

Zu neuen Höhen

Nicht verwunderlich war, dass ein Regisseur wie Intendant Frank-Patrick Steckel die Shakespeare-Deutung an der Königsallee zu neuen Höhen führen würde. Wenn er wollte, konnte Steckel, dem der Ruf des Grüblers anhing, durchaus Nachdenklichkeit mit Spielfreude kombinieren. Das gelang ihm vorzüglich mit „Timon von Athen”, eine Inszenierung, bei der alle Schauspieler wulstige Ganzkörperkostümierungen trugen. Peter Roggisch spielte die Hauptrolle, die Inszenierung wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Was mit dem „Timon” begann, setzte Steckel bravourös mit seiner Abschiedsinszenierung fort: dem ungekürzten Hamlet-Text mit dem jungen Martin Feifel in der Titelrolle. Es gibt heute gelegentlich noch Streitgespräche, ob Zadeks und Steckels Hamlet-Inszenierung die bessere gewesen sei: eine müßige Auseinandersetzung. Die beiden Anverwandlungen sind nicht miteinander zu vergleichen.

Fest steht allerdings, dass sich Goerden mit seinen drei Shakespeare-Inszenierungen eher Steckel als Zadek annäherte. Shakespeares Gestalten nicht als traurige Clowns, sondern als Suchende auf der Bühne als einem Ort tragischer Seinserkundung. Und dann gab es noch die piffige Inszenierung von „Viel Lärm um Nichts” durch Leander Haußmann. Doch davon blieb zuvörderst in Erinnerung, zu welch fulminanten Schauspielerleistungen der damalige Intendant die Eleven vom Lohring hatte verleiten können.

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