Studium : Arbeiterkind lebt an der Uni in zwei Welten

Bochum. Die 21-jährige Medizin-Studentin Christin Gerber lebt in zwei Welten: in der Arbeiterwelt und in der Akademikerwelt. Das ist mit Problemen verbunden.
Die einen werfen ihr vor, sie halte sich für „was Besseres”. Die anderen meinen, sie sei dumm. Dabei ist Christin Gerber eine ganz normale 21-Jährige. Wie viele junge Menschen geht sie zur Uni und studiert. Doch wenn sie an der Haltestelle Ruhr-Universität aussteigt, betritt sie eine andere Welt. „Ich bin halt ein Arbeiterkind”, sagt sie über sich. Und deshalb gerät der Weg von zu Hause zum Hörsaal zu einem Spagat zwischen Arbeiter- und Akademikerwelt.
"Das Gefühl: Ich gehör' hier nicht hin"
Die einen, das sind die, für die der Campus ihr natürlicher Lebensraum ist: Söhne und Töchter von Magistern und Diplomern. „Ich hab' ganz lange das Gefühl gehabt: Ich gehör' hier nicht hin, da passt was nicht”, erzählt Christin. Mit Medizin hat sie sich noch dazu für ein Fach entschieden, in dem das Studier-Gen besonders ausgeprägt zu sein scheint. „Man hat das Gefühl, dass alle Ärzte als Eltern haben.” Und die Kinder von Halbgöttern in Weiß fragt ein Arbeiterkind nicht einfach, wie die Mensa funktioniert oder wo es Kopierkarten gibt – auch nicht, wenn sie gleichzeitig Kommilitonen sind. „Man hat das Gefühl, sich als dumm zu outen, wenn man fragt”, erklärt Christin ihre Hemmungen.
"Zu Hause keine Begeisterung ausgelöst"
Die anderen, das sind die, für die harte körperliche Arbeit und Arbeitslosigkeit nicht nur Schlagzeilen in der Zeitung sind. Christins Mutter war Sozialversicherungsfachangestellte – bis sie ihren Job verlor. Der Vater arbeitete als Maurer – bis er seinen Job verlor. Mit dem Vorhaben, nach dem Abi zur Uni zu gehen, hat die Studentin „zu Hause keine Begeisterung ausgelöst”, beschreibt sie die Situation vorsichtig.
Auch die meisten Freunde machten nach der Schule etwas Handfestes: eine Ausbildung. Dass ein Acht-Stunden-Tag auch an der Uni schlauchen kann, können sie nicht nachvollziehen. „Eigentlich meint's niemand böse”, weiß Christin. „Aber es gibt halt Sachen, die niemand verstehen kann.” Und schon tauchen sie auch hier auf, die Hemmungen – in der Welt, aus der sie kommt und in der sie lieber manchmal nicht von der letzten Vorlesung schwärmt. „Das klingt viel hochtrabender, als wenn ich das jemandem erzähle, der auch studiert.”
Arbeiterkind.de
Christin ist überzeugt: Ihre Herkunft „hat mir den Einstieg ins Studium doch sehr erschwert”. Nach ein paar Semestern erfuhr sie von der Initiative Arbeiterkind.de. Christin sprach mit einer Bochumer Mentorin – und fühlte sich endlich angekommen. „Da hab' ich das Gefühl gehabt, nicht nur: Ich bin nicht allein, sondern dass es ein flächendeckendes Phänomen ist.”
Die Mentoren verstanden genau, wie es ihr ging: Sie waren ja alle selber Arbeiterkinder, die den Sprung an die Uni gewagt hatten. „Wenn ich an einen Prof schreiben musste, wusste ich teilweise gar nicht, wie ich die E-Mail anfangen sollte”, erinnert sich Christin. Die Mentoren von Arbeiterkind.de wussten Rat. Schnell stand für sie fest: Da wollte sie auch mitmachen. Seit diesem Jahr ist sie für Arbeiterkind.de aktiv. Jetzt kann sie selbst anderen mit ihren Erfahrungen helfen – damit der Spagat zwischen den Welten auch für andere Pendler zwischen Zuhause und Uni nicht zu anstrengend wird. „Mittlerweile hab' ich mehr oder weniger meinen Frieden gemacht.”
Regelmäßige Treffen
Die Initiative Arbeiterkind.de wurde 2008 von Katja Urbatsch, selber Arbeiterkind, gegründet. Über 1000 ehrenamtliche Mentoren engagieren sich in rund 70 lokalen Arbeiterkind.de-Gruppen, um Kindern von Nicht-Akademikern den Einstieg ins Studium zu erleichtern. An der RUB sind ca. 20 Mentoren aktiv. Sie treffen sich jeden 3. Montag in der OASE. Infos gibt's unter www.rub.de/oaseund unter www.arbeiterkind.de.












