55.000 Besucher: Bochum-Linden bleibt närrische Hochburg

55 000 Menschen säumten beim Lindener Rosenmontagszug die Hattinger Straße.
55 000 Menschen säumten beim Lindener Rosenmontagszug die Hattinger Straße.
Foto: FUNKE Foto Services
Mit rekordverdächtigen 55.000 Besuchern beim Rosenmontagszug festigte Linden seine Stellung als närrische Hochburg Bochums.

Bochum.. Das Herz des Bochumer Karnevals schlägt in Linden. Bei herrlichem Sonnenschein konnten sich die Jecken im Südwesten über einen wahren Ansturm freuen. Rekordverdächtige 55.000 Menschen säumten beim Rosenmontagszug die Hattinger Straße.

„Hey Hey Linden!“: Frei nach dem Wickie-Motto setzte die Werbegemeinschaft den Lindwurm auf der Einkaufsmeile gewohnt professionell in Szene und Bewegung. 30 Wagen und Fußgruppen zogen von der Lindener Straße in Richtung Marktplatz. Litt der Umzug im vergangenen Jahr unter Regen und Kälte, war den meist bunt kostümierten Narren diesmal Kaiserwetter beschieden. Sonne pur, blauer Himmel, wohlige Temperaturen: Karneval mit Sonnenbrandgefahr, und das Mitte Februar!

Jüngere Betrunkene wurden abgeholt

Vor allem bei Familien mit kleinen Kindern ist der Lindener Karneval beliebt. Zur Freude vieler Eltern griffen Ordnungsdienst und Polizei offensichtlich konsequenter durch. Alkoholisierte Jugendliche wurden schon vor dem Start des Platzes verwiesen. „Bei einigen jüngeren Betrunkenen wurden die Eltern angerufen und gebeten, ihre Sprösslinge abzuholen. Gut so!“, bedankt sich eine junge Mutter.

Auf der Bühne am Haus Linden nahm Stadt- und Stadtteilprominenz (darunter SPD-Bundestagsabgeordneter Axel Schäfer in CSU-Krachledernen) den Zug ab. Zum letzten Mal mitsamt kühner Federboa dabei: OB Ottilie Scholz, die ihre Abschiedsvorstellung genoss, während sich ihr möglicher Nachfolger kamellewerfend dem Narrenvolk präsentierte. Hoch oben auf dem Prunkwagen der Ruhrlandbühne mutete Thomas Eiskirch mit Senatorkappe fast wie ein Stadt-Prinz an. Dem designierten OB-Kandidaten plumpe Wahlwerbung zu unterstellen, wäre gleichwohl falsch. Schon in den vergangenen Jahren hat der SPD-Landtagsabgeordnete regelmäßig im Rosenmontagszug mitgewirkt.

Drei Mädels schwingen das Zepter

Zwei Stunden währte das fröhliche Treiben, das sowohl die Organisatoren als auch die Ordnungshüter zufriedenstellte. Die Polizei meldet nur einen Zwischenfall. Kurz nach Ende des Zuges wurde ein achtjähriger Junge von seinen Eltern vermisst. Kaum hatten die Beamten mit der Suche begonnen, meldete sich der Schüler wohlbehalten wieder – von daheim in Langendreer.

Eine jecke Überraschung hatte es zuvor im Rathaus gegeben. Beim Rathaussturm kündigte Bernd Lohof, Präsident des Festausschusses Bochumer Karneval, für die Session 2015/2016 eine Nachfolge für das Dreigestirn an. Doch: Diesmal sind es keine Mannsbilder, die in die Rolle des Prinzen, Bauern und der Jungfrau schlüpfen. Erstmals im Ruhrgebiet wird ein weibliches Dreigestirn inthronisiert. Manuela Voss, Elke Oelmann und Petra Jankowiak wollen ab dem Elften im Elften das Zepter und launige Reden schwingen. „Nach diesem prinzenlosen Jahr“, so Bernd Lohof, „geht der Bochumer Karneval damit einen weiteren Schritt nach vorne.“

Das nächste Bochumer Dreigestirn ist weiblich.

Mit dem Dreigestirn hat der Bochumer Karneval in den vergangenen drei Jahren ein Novum im Ruhrgebiet geschaffen. Jetzt legen die Jecken noch eins drauf: In der Session 2015/2016 wird erstmals im Revier ein weibliches Dreigestirn regieren.

„Wir sind halt immer für Überraschungen gut“, schmunzelte Festausschuss-Präsident Bernd Lohof, als er beim Rathaussturm am Rosenmontag das bis dahin gut gehütete Geheimnis lüftete. Muss Bochum in dieser Session ohne Stadt-Regenten auskommen, ist ab dem Elften im Elften 2015 Frauen-Power made in Linden/Dahlhausen angesagt. Das künftige Dreigestirn kommt komplett weiblich und blond daher. Manuela Voss (Ehefrau von Ex-Prinz Heinz I.) gibt die Prinzessin, ihre Schwester Petra Jankowiak die Bäuerin und Elke Oelmann die Jungfrau. Die beiden Schwestern verfügen bereits über hochherrschaftliche Erfahrung: Sie standen 2014/2015 dem Lindener Dreigestirn Heinz Voss, Thomas „Thomasina“ Bausen und Ewald Müller als Adjutantinnen zur Seite.

Prinz aus Werne erobert Schlüssel

„Tolle Idee“ – „Gelungener Coup“ – „Damit wird Bochum ganz groß rauskommen“: Die rund 200 Besucher im Ratssaal waren sich einig: Das Damen-Trio (die Ornate sind schon bestellt) wird den Karneval in der nächsten Session mit Charme und Schwung mächtig aufmischen. „Die drei haben riesig Lust auf die Aufgabe. Sie wollen und werden beweisen, dass wir Frauen den Job mindestens ebenso gut erledigen können wie die Männer“, sagt Petra Lohof, Geschäftsführerin des Festausschusses Bochumer Karneval, und weiß: „Im Rheinland und im Bergischen Land sind weibliche Dreigestirne durchaus üblich.“

Zuvor waren es die gekrönten Häupter aus den Stadtteilen, die (letztmals) Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz symbolisch den Rathausschlüssel entrissen. Prinz Thorsten I. aus Werne behielt im närrischen Gerangel die Oberhand – obwohl der güldene Schlüssel diesmal eigentlich für die Wattenscheider Regenten vorgesehen war. Siehe oben: Überraschungen sind im Karneval nie ausgeschlossen.

Überraschen ließ sich im vergangenen Jahr auch die Zunft der kleinen Meister. Mit ihren Generalversammlungen am Rosenmontag im Marienstift war der Traditionsklub nicht mehr glücklich. „Wir wollen keinen Sitzungs-, sondern Kneipenkarneval feiern“, betont Präsident Michael Theis. Manche stimmten schon den Abgesang auf das über 100 Jahre währende Brauchtum an.

Erfolgreiche Neuauflage

Game over? Nein. Die Zunft entschloss sich 2014, im „Game“ einen vielleicht letzten Versuch zu starten. Mit Erfolg. 150 Besucher tummelten sich vor einem Jahr in der Gaststätte neben dem Rathaus. Anlass, die Party (Motto: „Kleine Meister ganz verrückt“) gestern zu wiederholen. „Totgesagte leben länger“, konnten Michael Theis und seine rot-weißen Mannen ab dem Vormittag erneut regen Zulauf verzeichnen. Auch zahlreiche Besucher des Rathaussturms kehrten am frühen Mittag ein: zur Freude vieler Aktiven und Gäste auch „Schutzmann“ Theo Kraushaar, der es sich trotz angeschlagener Gesundheit nicht nehmen ließ, seinen Karnevalisten einen Besuch abzustatten. „Es ist anstrengend. Aber es tut mir auch unendlich gut, wieder mitten dabei zu sein“, strahlte Urgestein Theo.

Künstler wie „Der Mann mit dem Koffer“ oder „De Mukkeköpp“ sorgten für Stimmung. Die war bei Werner Meese schon vorab gewiss. Just am Rosenmontag feierte der rührige Schriftführer der Kleinen Meister seinen 77. Geburtstag – und freut sich mit seiner Zunft schon jetzt auf den Einmarsch des Bochumer Mädel-Dreigestirns bei der 109. Generalversammlung 2016.