38.000 Bochumer Bürger sind pleite

Die Zahl der überschuldeten Personen steigt weiter. Der Bedarf an Beratung ist groß.
Die Zahl der überschuldeten Personen steigt weiter. Der Bedarf an Beratung ist groß.
Foto: imago stock&people
Was wir bereits wissen
Die Schuldnerquote in der Stadt ist auf 12,23 Prozent gestiegen. Arbeit ist kein Garant mehr dafür, seine Verbindlichkeiten abtragen zu können.

Bochum.. Aus der Bundesagentur für Arbeit kam vor einigen Tagen gute Kunde. Im Dezember 2014 war die Arbeitslosenquote mit 9,4 Prozent deutlich niedriger als im Vergleichsmonat des Vorjahres (10,1 Prozent), Agentur-Geschäftsführer Luidger Wolterhoff sprach angesichts von 1200 Arbeitslosen weniger von einem „statistisch guten Ergebnis“. Auf die Zahl der Privatverschuldungen hatte das allerdings keinen Einfluss. Die Schuldnerquote in Bochum stieg im Vorjahr auf 12,23 Prozent (2013: 11,97). Etwa 38.000 Privatpersonen sind nach einer Erhebung der Creditreform GmbH überschuldet, 750 mehr als ein Jahr zuvor.

Mehr Arbeit, weniger Schulden. Dieser Leitsatz galt lange. „Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosen- und Schuldnerquote weicht zunehmend auf. Eine Verbesserung der Arbeitslosenquote geht nicht mehr zwangsläufig einher mit Entschuldung“, heißt es jedoch im Jahresbericht der Creditreform. Ein wesentlicher Grund dabei sei der Anstieg prekärer Beschäftigungsverhältnisse – niedrig bezahlte Tätigkeiten ohne soziale Absicherung.

Eine Einschätzung, die Kredit- und Schuldnerberater Christoph Zerhusen von der Verbraucherzen-trale NRW teilt. „Nach wie vor ist Arbeitslosigkeit der Hauptgrund für eine Überschuldung. Aber man kann offenbar nicht mehr sagen, dass eine stabile Konjunktur mit mehr Beschäftigung für weniger Schulden sorgt. Ich kann mir vorstellen, dass dafür die Entwicklung auf dem Niedriglohnsektor entscheidend ist.“ Es bleibe abzuwarten, ob die Einführung des Mindestlohns daran etwas ändere.

Falsch sei es, verschuldeten Personen pauschal ein falsches Konsumverhalten vorzuhalten. Das spiele zwar auch eine Rolle, vor allem bei Jugendlichen. Die Rangfolge der Überschuldungsgründe sehe aber so aus: An erster Stelle stehe Arbeitslosigkeit. Dahinter folgten dann Scheidung, Trennung, Tod – langjährige Erkrankung und Erwerbslosigkeit – fehlgeleitetes Konsumverhalten – gescheiterte Selbstständigkeit.

Viele Jugendliche konsumieren falsch

Auch die Schuldnerberatung der Evangelischen Jugendhilfe nimmt einen stetigen Anstieg der Überschuldung wahr und bestätigt, dass bei Jugendlichen vor allem falsches Konsumverhalten und auch die Erfahrungen im eigenen Elternhaus im Umgang mit Geld Ursache für die Verschuldung ist. Vor allem Kosten für Telekommunikations- und andere Konsumartikel spielen dabei eine große Rolle, sagt Schuldnerberater Marc Tiltmann. Sie nähmen weiter zu. Leicht zu erlangende Produkte und Kredite beförderten das „nicht erlernte Abwarten“.

Aus Sicht von Christoph Zerhusen von der Verbraucherberatung scheint sich derweil außerdem abzuzeichnen, „dass es immer mehr Fälle mit vielen Baustellen gibt“, bei denen etwa Überschuldung, drohende Wohnungslosigkeit und psychische Belastungen zusammen kommen. Daher müsse womöglich auch über neue Formen der Beratungen und Betreuung nachgedacht werden.

In Mitte ist Verschuldung am höchsten

Seit 2008 ist die Schuldnerquote in Bochum höher als der NRW-Durchschnitt. Während 2014 landesweit im Vorjahr 11,46 Prozent der Einwohner überschuldet waren, lag die Quote in Bochum bei 12,23 Prozent. Dabei gibt es deutliche Unterschiede je nach Stadtteil.

In 16 von 18 Postleitzahlen-Bereichen hat sie sich nach Auskunft von Creditreform gegenüber dem Vorjahr verschlechtert.Nur in den Postleitzahl-Bereichen 44807 (Bergen, Grumme, Riemke) und 44789 (Wiemelhausen) gab es eine mäßige Verbesserung.

Besonders hoch ist die Überschuldung von Privatpersonen weiterhin vor allem im Nordwesten der Stadt. Die Stadtteile Mitte, Wattenscheid/Günnigfeld, Hofstede/Riemke, Hordel/Hamme und Werne/Langendreer weisen Schuldnerquoten von mehr als 14 Prozent auf, den Spitzenwert stellt der Postleitzahlbereich 44787 (Mitte) mit 22,01 Prozent auf „Im Mittelfeld“ zwischen acht und 13 Prozent sind die meisten Stadtteile im Nordosten angesiedelt. Im „grünen Bereich“ ist die Schuldnerquote im Süden der Stadt. Vor allem Stiepel „hebt sich mit einem Schuldneranteil von 5,14 Prozent hervor“, heißt es im Credit-reform-Bericht. Insgesamt steigt die Quote der verschuldeten Bochumer stetig. Sie hat seit 2004 (10,13 Prozent) um mehr als zwei Prozentpunkte zugenommen.