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Ein Biobauer im Bundestag

29.01.2010 | 18:30 Uhr
Ein Biobauer im Bundestag

Bergkamen/Berlin. Wild gestikuliert Friedrich Ostendorff mit seiner Hand in der Luft. Jetzt kommt es darauf an: Der Bundestagsabgeordnete hat genau sechs Minuten Zeit, seinen Standpunkt, den Standpunkt der Grünen-Fraktion, zu verdeutlichen.

 „Wir müssen den derzeitigen Vernichtungsfeldzug gegen die bäuerliche Landwirtschaft endlich stoppen.” Im Plenarsaal des Berliner Reichstagsgebäudes blickt Friedrich Ostendorff fordernd in die Runde.

Halb neun am Morgen: Statt mit Gummistiefeln bekleidet den Stall auszumisten, kommt Friedrich Ostendorff im Anzug per Chauffeur an seinem Büro an: Dorotheenstraße, nur wenige Meter vom Reichstagsgebäude entfernt. Die Protiers grüßen – nach vier Monaten auch kaum ein Wunder mehr. Allerdings sei er auch zu Beginn der 17. Wahlperiode im vergangenen Herbst bereits wiedererkannt worden, erzählt Ostendorff. Schließlich ist Bundespolitik für den Bergkamener kein Neuland. Bereits von 2002 bis 2005 gehörte er dem Deutschen Bundestag an.

Zu Fuß geht es hinauf in den zweiten Stock. Das Büro des 57-Jährigen ist ein Provisorium (mittlerweile konnte Friedrich Ostendorff allerdings in das ihm zustehende Büro umziehen – wir berichteten). In dem rund 15 Quadratemeter großen Zimmer erwarten ihn bereits seine Mitarbeiter. Daniel Elfendahl, Leiter des Büros, gibt einen Überblick über den bevorstehenden Tag: ein milchpolitisches Frühschoppen des MIV im Rahmen der Grünen Woche, Ostendorffs erste Rede dieser Legislaturperiode zum Agrarhaushalt der Bundesregierung und schließlich der Mettwurstabend und das Spanferkelessen auf der Messe. Letzteres überschneidet sich mit dem norddeutschen Milchtreffen. Ein Tag, der bis auf die Minute durchstrukturiert ist. Und Elfendahl hat noch mehr Neuigkeiten: „Kurz nach zehn steht eine Präsenzveranstaltung an.” Das milchpolitische Frühschoppen muss warten.

Während der Internationalen Grünen Woche, der Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau, herrscht in Berlin der Ausnahmezustand. „Das Hauptproblem ist immer, nicht zu platzen”, weiß Friedrich Ostendorff. „Die Grüne Woche ist das Oktoberfest von Berlin, nur vielfältiger.” Aber auch politisch sei es interessant: „Rund 50 Agrarminister sind zu Besuch.”

Nach dem kurzen Briefing muss sich Ostendorff beeilen. Zu Beginn der viertägigen Haushaltsdebatten besteht Präsenzpflicht für alle Fraktionsmitglieder. Durch unterirdische Gänge hastet der Bergkamener Bio-Landwirt vom Büro- ins Reichstagsgebäude. Rechtzeitig kann der Abgeordnete seinen Platz im Grünen-Block einnehmen: Es geht um die Millionenspenden eines Hotel-Unternehmens an die FDP und an die CSU.

Währenddessen sitzt Tobias Leiber hoch konzentriert an einem der zwei Computer in Ostendorffs kleinem Büro. Der wissenschaftliche Mitarbeiter brütet über der Rede, die der Abgeordnete am Nachmittag vor dem Bundestag halten wird. Leibers Aufgabe ist es, den Text mit Fakten und Zahlen wasserdicht zu machen. Die Fraktion der Grünen hat insgesamt eine Sprechzeit von 10 Minuten, davon wird Ostendorff als argrapolitischer Sprecher sechs übernehmen.

Nach knapp 45 Minuten entschwindet Friedrich Ostendorff aus dem Plenarsaal wieder auf kürzestem und angenehmensten Weg zurück in sein Büro – durch die unterirdischen Gänge. Höchste Priorität hat die Rede am Nachmittag: Eine kurze Absprache mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter ist demnach unabdingbar. „Ich brauche den Text auf DIN-A5-Zetteln, die halbseitig bedruckt sind”, fordert Ostendorff. „Machen wir”, kommt die Antwort prompt von Tobias Leiber. Derweil hat sich der Abgeordnete mit einem Vordruck in einem Stuhl niedergelassen und beginnt mit dem Feinschliff seiner Rede. Es gilt, Kürzungsmöglichkeiten zu finden.

Richtig Üben müsse er noch, aber erst nach dem milchpolitischen Frühschoppen. Dieses Mal greift der Abgeordnete zu Mantel und Hut, denn den Termin kann er nicht unterirdisch erreichen. Mit Verspätung geht es zur bayerischen Landesvertretung unweit der Komischen Oper. „Das ist eine Pflichtveranstaltung für mich”, erklärt der 57-Jährige. Unter dem Motto „Was macht die Milch (wieder) stark?” hat der Milchindustrieverband zum Branchentreffen eingeladen. Obwohl gerade erst eingetroffen, lässt es sich Freidrich Ostendorff nicht nehmen, in die Diskussion einzusteigen. Seinen Standpunkt dort zu verdeutlichen, sei eine Aufwärmphase für die Rede am Nachmittag. Und damit er dafür nicht nur geistig gut vorbereitet ist, genehmigt sich der Bergkamener nach dem offiziellen Teil eine ordentliche Mittagsmahlzeit – bayerische Spezialitäten versteht sich.

Gestärkt mit Brezen geht es strammen Schrittes wieder zurück ins Büro. Die Rede will geübt werden. Der Abgeordnete zieht sich in den Fraktionssaal der Grünen in einem der vier Türme des Reichstaggebäudes zurück. „Langsam kommt Nervosität auf”, gesteht der Landwirt. „Eine Rede im Bundestag zu halten, ist nicht alltäglich.”

Gegen 16 Uhr ist es schließlich soweit:

Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, erteilt Friedrich Ostendorff das Wort. In seinen sechs Minuten Redezeit kritisiert der Bergkamener den Plan von Ilse Aigner, der Ministerin für Ernährung, Verbraucherschutz und Landwirtschaft, auf eine exportorientierte Landwirtschaft zu setzen. Nach dem Schlusssatz kommt die Erleichterung: Alles ist gut gelaufen und Wolfgang Thierse begrüßte Ostendorff herzlich zurück. Das Spanferkel auf der Grünen Woche hat sich der Bergkamener verdient.

INFO:

Große Freude am Sonntag, 27. September. Freidrich Ostendorff ging auf Platz 14 der Landesliste in den Bundestagswahlkampf. Dank 11,0 Prozent für die Grünen auf Landeseben hat der Bergkamener Landwirt es gerade so ins Parlament geschafft. Er vertritt nun die Kommunen Bergkamen, Kamen, Bönen, Unna, Holzwickede, Schwerte  und Fröndenberg.

Auch bei der Wahl für die Direktmandate auf Kreisebene hat er einige Zustimmung erhalten: 8,7 Prozent stimmten für ihn.

Seit der Wahl pendelt Friedrich Ostendorff zwischen Berlin und Bergkamen. In der Hauptstadt arbeitet er zusammen mit vier Mitarbeitern.

Vanessa Biermann

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