Die „stille Post“ zweier Schriftsteller
13.02.2012 | 11:01 Uhr 2012-02-13T11:01:00+0100
Bergkamen. Der russische Schriftsteller und Dissident Lew Kopelew wäre am 27. März 100 Jahre alt geworden. Passend dazu hat jetzt die ehemalige Bergkamenerin Elsbeth Zylla im Steidl-Verlag den Briefwechsel zwischen Kopelew und seinem Freund Heinrich Böll herausgegeben.
Der russische Schriftsteller und Dissident Lew Kopelew wäre am 27. März (9. April nach dem gregorianischen Kalender) 100 Jahre alt geworden. Passend dazu hat jetzt die ehemalige Bergkamenerin Elsbeth Zylla im Steidl-Verlag den Briefwechsel zwischen Kopelew und seinem Freund Heinrich Böll herausgegeben.
Rund fünf Jahre hat die studierte Germanistin und Politologin dafür benötigt. „Ich habe in dieser Zeit sehr viel über russische Literatur erfahren und auch bei der Edition dieser Briefe eine Menge über Dinge, an die ich vorher überhaupt nicht gedacht habe“, erklärt Elsbeth Zylla im Gespräch mit der Redaktion.
1974, mit dem Abitur in der Tasche, zog sie als junge Studentin von Bergkamen nach Berlin. Natürlich schaute sie immer wieder mal zu Hause in Oberaden vorbei, manchmal trifft sie aber ihre Mutter Steffi auch auf „neutralem Boden“. Zuletzt war das bei der offiziellen Vorstellung ihres Buches „Heinrich Böll – Lew Kopelew. Briefwechsel“ Anfang Dezember in Köln. Assistiert wurde Elsbeth Zylla von Klaus Bednarz und Fritz Pleitgen. Beide waren ARD-Korrespondenten in Moskau. In ihrem Gepäck transportierten sie als „stille Post“ einen großen Teil der Briefe, die die beiden großen Schriftsteller zwischen Köln und Moskau hin- und herschickten.
Die beiden Journalisten setzten dabei ihre Korrespondententätigkeit aufs Spiel, denn solch eine aktive Unterstützung von Dissidenten sahen die russischen Geheimdienste überhaupt nicht gerne. Wie es sich anfühlt, von der Staatssicherheit ins Visier genommen zu werden, hatte Elsbeth Zylla selbst erfahren.
Nach ihrem Studium war die Ex-Bergkamenerin in Berlin in der Erwachsenenbildung tätig. Privat engagierte sie sich in der Friedensbewegung. Dabei blieben Kontakte zur Bürgerrechtsgruppe im damaligen Ost-Berlin nicht aus. Das blieb der Stasi nicht verborgen. Die Quittung war ein Einreiseverbot von 1983 bis 1989 in die DDR.
Natürlich wollte Elsbeth Zylla nach dem Mauerfall wissen, was die Stasi über sie wusste. Bei der Durchsicht ihrer Akten in der Gauck- und späteren Birtler-Behörde erlebte sie eine böse Überraschung: Der DDR-Überwachungsapparat feierte auch ihre Hochzeit mit – der IM, der „informelle Mitarbeiter“, der alles für die Stasi-Zentrale notierte, zählte damals zu ihren Freunden.
Das endgültige Ende der DDR brachte für Elsbeth Zylla den Einstieg in die Heinrich-Böll-Stiftung. Zunächst arbeitete sie von 1990 bis 1993 als freie Mitarbeiterin. Die Kohl-Regierung vermutete bei den Bürgern der Ex-DDR einen immensen Nachholbedarf an politischer Bildung und stattete deshalb die Stiftungen der Parteien mit zusätzlichen Fördermitteln aus. Die Heinrich-Böll-Stiftung kümmerte sich in dieser Zeit um zahlreiche kleine Projekte, die von einer Frauengruppe mit Interesse an alternativer Geburtsvorbereitung bis zu Öko-Projekten reichten.
Danach wurde Elsbeth Zylla bis 1997 Referentin der Heinrich-Böll-Stiftung und war bis 2004 Leiterin der Abteilung Politische Bildung Inland. Ab 2005 bis 2009 beschäftigte sie sich ausschließlich mit der Edition des Briefwechsels von Heinrich Böll und Lew Kopelew.
Zu Beginn schien diese Aufgabe überschaubar. Etwa 30 Briefe seien vorhanden, lautete die Vermutung des Leiters des Böll-Archivs. Tatsächlich sind es aber über 220, die auch Eingang in das jetzt erschienene Buch gefunden haben. Den größten Teil musste sie sich in wochenlanger Kleinarbeit im schier unüberschaubaren Briefnachlass Bölls zusammensuchen. „Um die 10 000 Briefe hat Böll geschrieben und erhalten“, vermutet sie. Was er in seine Schreibmaschine tippte, fertigte er sofort mit bis zu fünf Durchschlägen an. „Und wegwerfen konnte er wohl nichts. Er hat alles gesammelt, selbst Flugtickets und alte Rechnungen.“
Die Briefwechsel-Edition ist übrigens nicht das erste Buch, an dem Elsbeth Zylla mitgewirkt hat. Seit rund 25 Jahren arbeitet sie eng mit dem ungarischen Schriftsteller György Dalos zusammen. Jetzt kann sie sich vorstellen, ein Buch über russische Dissidenten oder über russische Literatur zu schreiben. Bei der Auswertung der Briefe von Böll und Kopelew habe sie darüber sehr viel gelernt, erklärt sie.
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