Wahlen ab nächster Woche
Arbeitnehmer brauchen starke Betriebsräte
04.03.2010 | 18:00 Uhr 2010-03-04T18:00:00+0100
Bergkamen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zahlreicher Bergkamener Betriebe wählen in den nächsten Wochen neue Betriebsräte.
Die Wirtschaftskrise schluckt mehr und mehr Jobs. Der Druck auf die Beschäftigten steigt, doch gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zeigt das Arbeitsrecht seine Stärke: Wenn Entlassungen drohen, sind Beschäftigte im Vorteil, die in Betrieben mit Betriebsrat arbeiten. In vielen Bergkamener Unternehmen werden ab März die neuen Betriebsräte gewählt und das Mitbestimmungsrecht in der eigenen Firma ruft in diesem Jahr mehr Bewerber auf den Plan.
"Masse ist Macht und schützt": Für Reiner Hennig, Vorsitzender der mitgliederstärksten Ortsgruppe der IGBCE in Bergkamen, können Arbeitnehmer nur in der Gemeinschaft - egal ob Gewerkschaft oder eben im Betriebsrat, ihre Interessen vertreten. Betriebsratswahlen, so Hennig, sichern die Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Unternehmen. "Nur die große Masse ist stark und die findet sich in Organisationen wieder". Nicht vergessen dürfe man jedoch, dass bei aller Mitbestimmung immer auch das Wohl des Unternehmens im Vordergrund stehen muss: "Es empfiehlt sich, den Überblick über die ganze Sache zu behalten."
Allerdings kostet die Arbeit in einem Betriebsrat viel Zeit und erfordert großes Engagement: Ralf Wehmeier, Gewerkschaftsbevollmächtiger der IG Metall Unna, bezeichnet sich selbst als "glühenden Verfechter der gelebten Mitbestimmung" und wirbt um das Ehrenamt, das oft stiefmütterlich behandelt werde. Gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten und gerade in der Metallindustrie sei die Arbeit vor Ort wichtig. "Der Wunsch nach einem Betriebsrat ist da, das Amt zu übernehmen weniger", weiß Wehmeier. Nicht umsonst ging die IG Metall vor dem neuen Wahlzeitraum (März bis Mai) in die Offensive, startete die Kampagne "100 Tage gelebte Demokratie". Und tatsächlich zählen die Gewerkschafter im Augenblick eine etwas höhere Zahl von Kandidaten. "Die Krise schweißt die Belegschaften zusammen. Möglicherweise haben viele die Notwendigkeit erkannt, wie wichtig die Arbeit eines Betriebsrates ist."
Finnveden Bulten GmbH Karosseriebau
177 Mitarbeiter sind in dem Bergkamener Karosseriebau-Unternehmen beschäftigt und werden im Mai einen neuen Betriebsrat wählen. Sieben Mitglieder zählen aktuell zum Betriebsrat. Wie viele Kandidaten sich im Mai zur Wahl stellen, steht bislang noch nicht fest. Für den Vorsitzender Gordon Clifford ist die Mitbestimmung durch den Betriebsrat ein probates Mittel, um für mehr Gerechtigkeit im Arbeitsleben zu sorgen. "Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es die Aufgabe des Betriebsrates, sich dafür einzusetzen, dass wir keine Leute in der Krise verlieren." Vorrangiges Ziel sei es momentan, die seit anderthalb Jahren geltende Kurzarbeit so schnell wie möglich wieder abzuschaffen. Mit den Betriebratswahlen könnten die Angestellten eines Unternehmens - wie bei jeder anderen Wahl auch - die Arbeit der Mitglieder bestätigen und ihnen ihr Vertrauen aussprechen oder eben nicht.
Bayer Schering Pharma AG
Rund 1500 Mitarbeiter sind zur Zeit in dem Pharmaunternehmen beschäftigt, 17 Mitglieder setzen sich als Betriebsrat für sie ein. Allen voran und das seit 16 Jahren: Betriebsratsvorsitzender Heinz-Georg Webers. Tag und Nacht wird bei Bayer Schering - wegen der Schichtarbeiter - vom 9. bis 11. März gewählt. Knapp einhundert Kandidaten verteilen sich in diesem Jahr auf drei Listen. Keine Frage, der amtierende Vorsitzende des Betriebsrates stellt sich ebenfalls wieder zur Wahl: "Dieser Job bereitet mir sehr viel Freude und meine Erfahrungen und Kompetenzen, die ich im Laufe der Jahre gewonnen habe, sprechen durchaus für eine weitere Kandidatur." In diesen Zeiten müsse man gar nicht über die Notwendigkeit eines Betriebsrates reden, die Wirtschaftskrise sei spürbar an allen Ecken und Enden. Wichtig sei stets der Erhalt jedes einzelnen Arbeitsplatzes. Zu den größten Erfolgen im Rahmen seiner Tätigkeit als Betriebsratsvorsitzender zählt Webers unter anderem die Sicherung der Altersansprüche der Scheringmitarbeiter im Rahmen der Integration in den Bayerkonzern. Eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung der Forderungen der Arbeitnehmervertreter in einem Unternehmen spielen seiner Meinung nach auch immer die Gewerkschaften: "Im Kampf um die Beschäftigungssicherung zum Beispiel sind wir froh über die Unterstützung seitens der IGBCE".
Huntsman GmbH & Co KG
Hersteller von Basismaterial wie Lack, Klebstoffe und Druckfarben für die weiterverarbeitende Industrie. 72 Mitarbeiter gehören zu dem Unternehmen, der Betriebsrat mit Reiner Karkoska (50) an der Spitze zählt fünf Mitglieder. Die Betriebsratswahlen sind bei Huntsmann terminiert für den 27. April. Für den Vorsitzenden ist ein funktionierender Betriebsrat sehr wichtig: "Die Belegschaft kann sich so in die Unternehmensprozesse mit einbringen. Letztlich ist aber nur ein Betriebsrat stark, der auf entsprechende gewerkschaftliche Unterstützung zurückgreifen kann." Gemeinsam mit der IGBCE habe man in Bergkamen vieles erreichen können. In den vergangenen zwei Jahren habe eine Politisierung der Belegschaft erkennbar zugenommen - es herrsche mehr Sachlichkeit und weniger Lagerdenken. Auf dieser Basis könne man vieles erreichen und den eigenen Standort sichern.
RAG Deutsche Steinkohle Bergwerk Ost
Rund 2400 Mitglieder werden in der Zeit vom 8. bis zum 10. März trotz der anstehenden Schließung des Bergwerkes Ost im September 2010 einen Betriebsrat wählen. 19 Mitglieder gehören derzeit zum Betriebsrat, Vorsitzender Wolfgang Junge zählt 33 Kandidaten auf der Bewerberliste. Das sind deutlich weniger als in den Vorjahren, aber das hängt, so Junge, sicherlich mit dem bevorstehenden Standortwechsel zusammen. Wolfgang Junge selbst wird ebenfalls wieder kandidieren, er gehört seit 1987 zum Betriebsrat, 2002 hat er den Vorsitz übernommen. Ohne Betriebsrat geht es für ihn nicht: "Dieses Instrument der Mitbestimmung ist immens wichtig." Gerade in diesen Zeiten sei ein Betriebsrat unumgänglich. damit nicht ständig Arbeitnehmer freigesetzt würden und Kurzarbeit das Ziel aller Wünsche sei. Betriebsratsvorsitzender Wolfgang Junge hat selbst gerade anstrengende Verhandlungen hinter sich - immer bemüht - , das Bestmögliche für seine Belegschaft im Rahmen des Sozialplans bzw. dem Interessensausgleich, der zur Schließung des Bergwerkes Ost abgeschlossen wurde, zu erreichen.
Chemtura GmbH Bergkamen
Der Zinn-Betrieb stellt unter anderem Produkte für Lacke und PVC her, die in der Automobilindustrie verwendet werden. 250 wahlberechtigte Mitarbeiter werden hier am 12. und 15. März wählen. 22 Bewerber (ein wenig mehr als üblich) wollen in dem neunköpfigen Betriebsrat aktiv werden. "Die Wahlen bestimmen eher betriebsinterne Themen denn die Konjunktur", sagt Betriebsratsvorsitzender Thomas Bösch (46). Ein Betriebsrat mit Erfahrung sei immens wichtig, allerdings dürfe der niemals den Kontakt zu Basis verlieren. Themen wie Kündigungsschutz, die Umsetzung von Sozialplänen und Betriebsvereinbarungen verlangten Fingerspitzengefühl und Rückgrat: "Ein Betriebsrat hat die Möglichkeit, bei Verhandlungen mit dem Arbeitgeber ganz anders aufzutreten, als jemand, der ohnehin schon um seinen Job bangt. "Auch Thomas Bösch will seine Arbeit als Vorsitzender fortsetzen und stellt sich wieder zur Wahl.
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