Nach 106. Schuss kullern beim König die Tränen

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Eisborn..  57 Minuten lang wird unter der Vogelstange in Eisborn kein einziger Schuss abgegeben. Fast vollständig hängt der im 33. Jahr nacheinander von Gisbert Wiesenhöfer gebaute Vogel noch an der Schraube. „Hier gibt es heute keinen Schützenkönig mehr“, murmelt ein Junge besorgt und auch der Vorstand der St.-Antonius-Schützenbruderschaft Eisborn wird langsam unruhig. Dann kommt Benedikt Ott nach vorne, setzt einen gezielten Schuss in die Mitte und der Vogel stürzt zu Boden. „Das war so nicht geplant“, sagt der neue Eisborner Schützenkönig zu seiner Mutter Doris und bricht in Tränen aus.

Auch seine Freundin Vanessa Hannusch kann die Tränen nicht zurückhalten. „Ich war völlig perplex, als der Vogel runter segelte.“ Nicht nur sie. Auch die vielen Besucher sind überrascht. Mit einem so schnellen Ende hatten sie um 11.47 Uhr dann doch nicht gerechnet.

Hubert Sauer trifft Krone und Zepter

Präses Wilhelm Grothe hatte den Ehrenschuss abgegeben, Hubert Sauer mit einem Kunstschuss Krone und Zepter getroffen und Jungschütze Dennis Loyen schließlich den Apfel erwischt. Schnell lichtet sich das Bewerberfeld unter der Vogelstange. Lange Zeit sind Benedikt Ott und Hans-Dieter Kolossa die einzigen Kandidaten, die dem Aar an die nicht vorhandenen Federn wollen. Im Schützenvolk wird schon spekuliert: „Wer wohl den groß gewachsenen Kolossa auf die Schultern heben wird?“

Die Frage bleibt unbeantwortet. Denn nach 10.50 Uhr ist der Wettbewerb zunächst einmal vorbei und die Vogelstange verweist. Stattdessen werden die ersten beiden Schützenfesttage resümiert. „Als ich Schützenkönig geworden bin, stand ich vor einem ungewissen Jahr. Jetzt, zwölf Monate später, kann ich sagen: Es war wesentlich besser als gedacht. Toll, was der Hofstaat auf die Beine gestellt hat. Ich blicke wehmütig zurück“, sagt der (noch) amtierende Schützenkönig Georg Schulte, der zusammen mit seiner guten Freundin Katharina Feldmann regiert hat. Der junge Hofstaat sorgt auch am Samstagabend für eine sehr gut gefüllte Schützenhalle und eine große Party. Darüber freut sich der Vorstand der St.-Antonius-Schützenbruderschaft. „Wir hatten deutlich mehr Leute in der Halle als im Vorjahr“, berichtet Schriftführer Stefan Spiekermann und wagt eine Prognose: „20 Prozent mehr Bierabsatz könnten es gewesen sein.“ Sehr gut sei auch die Musik aus Sondern angekommen.

Ein Schuss noch, dann ist Feierabend

Zurück zum Vogelschießen: Bevor Benedikt Ott wieder schießt, spricht er lange Zeit mit seiner Mutter Doris. „Wir hatten ausgemacht, dass er noch einmal schießt und dann erst mal Feierabend ist“, berichtet die Mama. Feierabend ist danach wirklich, denn der Aar fliegt in einem Stück hinunter und Sohn Benedikt bricht in Tränen aus. „Aus Verzweiflung, und weil ich im ersten Moment erschrocken war“, berichtet der neue König im WP-Gespräch. Trotzdem passt es zeitlich, denn vor zehn Jahren regierte sein Bruder Sebastian und vor 40 Jahren sein Vater Dieter. Auch Mutter Doris sieht es mit Humor: „Dann sollte es halt so sein. Benedikt trägt jetzt die Schützentradition weiter.“