Laumann: „Bilden zu wenig Ärzte aus“

3. Balver Begegnungen mit Thomas Müller, Ingo Jakschies und Karl-Josef Laumann (von links).
3. Balver Begegnungen mit Thomas Müller, Ingo Jakschies und Karl-Josef Laumann (von links).
Foto: WP
Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung kritisierte bei seinem Besuch in Balve nicht nur die gegenwärtige medizinische Versorgung im ländlichen Raum mit markigen Worten, Karl-Josef Laumann hatte auch Lösungsvorschläge parat.

Balve..  Als erster Gastredner bei den Balver Begegnungen, zu denen der CDU-Stadtverband und das Balver Stadtmarketing in den Gesundheits-Campus Sauerland eingeladen hatten, stießen seine Aussagen auf große Zustimmung bei rund 80 Zuhörern.

Für Franz-Josef Laumann steht fest: „Wir bilden in Deutschland zu wenige Ärzte aus. Allein Nordrhein-Westfalen hat vor 20 Jahren jedes Jahr 2000 Ärzte mehr ausgebildet als heute.“ Damit stehe NRW zwar nicht allein da, aber es sei den neuen Bundesländern zu verdanken, dass der Ärztemangel nicht noch dramatischer als ohnehin schon sei.

Rund 75 Prozent Frauen

Der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium wies auch darauf hin, dass zurzeit rund 75 Prozent aller Medizinstudenten in Nordrhein-Westfalen Frauen seien. „Das ist gut so, aber man muss auch wissen, dass diese Generation von Ärztinnen nicht so viele Stunden im Beruf verbringen wird, wie es die Männer getan haben, die jetzt in Rente gehen.“ Weil junge Ärzte oft ein anderes Verhältnis von Freizeit, Familie und Beruf anstreben und deshalb weniger arbeiten, benötige man heute 130 neue Ärzte, um 100 aus Altersgründen ausscheidende Mediziner zu ersetzen. „Aber“, so Laumann, „auch darauf wird in der Ausbildung nicht reagiert.“

Im Zentrum seiner Kritik stehen auch die medizinischen Fakultäten. Dort würden zu wenig Allgemeinmediziner ausgebildet. Von rund 30 Prozent der neuen Medizinstudenten, die sich nach eigener Aussage vorstellen könnten, niedergelassener Allgemeinarzt zu werden, werden es nach Abschluss des Studiums weniger als ein Drittel tatsächlich, ließ Karl-Josef Laumann seine Zuhörer wissen.

Doch der Patientenbeauftragte der Bundesregierung wollte sich nicht als Untergangsprophet präsentieren. „Das Problem des Ärztemangels auf dem Lande ist von Menschenhand gemacht, und es kann politisch geändert werden“, ist sich Laumann sicher. Er empfahl der Landbevölkerung, dieses Problem in Wahlkämpfen zum Thema zu machen. Den Einwurf, dass man damit leben müsse, weil Akademiker heutzutage nicht mehr aufs Land zögen, ließ er nicht gelten. Es gebe auf dem Land ja auch keinen Architektenmangel, keinen Apothekermangel oder keinen Steuerberatermangel. Bei Lehrern und bei Polizisten sei es sogar ein Problem, dass viele lieber aufs Land als in die Stadt wollten.

Zwei Drittel älter als 55 Jahre

„Zwei Drittel unserer Landärzte in NRW sind älter als 55 Jahre. Das bedeutet, dass zwei Drittel der Allgemeinmediziner in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich ihre Praxis aufgeben und in den Ruhestand gehen werden“, sagte Laumann. „Dieses Thema ist im Landtag und auch in der Landesregierung nicht genügend angekommen. Dabei wäre das Problem noch zu lösen, wenn man jetzt mehr Studienplätze schaffen würde. Wenn wir noch fünf Jahre schlafen, ist es nicht mehr zu lösen.“

Der Geschäftsführer für die Unternehmensentwicklung der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, Thomas Müller, hatte konkrete Zahlen mitgebracht. Zurzeit gebe es neun Hausärzte in Balve und 40 Hausärzte im sogenannten Mittelbereich, zu dem auch Menden zählt. Von diesen 40 Hausärzten seien allerdings fünf über 70 Jahre alt und fünf zwischen 65 und 70 Jahren. Dazu kommen 16, die zwischen 55 und 60 Jahren alt seien. Diese Altersstruktur sei ein großes Alarmsignal, musste Müller zugeben. „Da ist es fünf vor zwölf.“ Deshalb plädierte er dafür, die Versorgung auf dem Land attraktiver zu machen.

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