Es ist möglich: Auch Kinder gehen wandern!

Die Jungs setzen sich gleich zu Anfang an die Spitze der Gruppe.
Die Jungs setzen sich gleich zu Anfang an die Spitze der Gruppe.
Foto: Steffie Friske

Balve..  Ja, ich komme aus dem Ruhrgebiet. Da ist es flach. Und mit Wanderwegen waren wir dort auch nicht gesegnet. Aber nach dem Umzug ins Sauerland drängt sich der Gedanke ans Wandern ja förmlich auf. Und der Emmausgang für Familien des SGV ist doch ein ideales Einsteigerprogramm. Denn was Kinder locker wegwandern, dürfte für eine sportliche Mittdreißigerin doch keine Herausforderung sein. Oder doch?

Naja, die Bezeichnung „sportlich“ leite ich aus dem „sehr gut“ in Sport in der 10. Klasse ab. Auf diesem Prädikat ruhe ich mich seither aus. Seit nunmehr 20 Jahren. Zwischendurch gab es mehrere Jogging-Episoden, denen der innere Schweinehund schnell ein Ende bereitete. Drei kleine Kinder bieten doch Stoff für jede Menge Ausreden. Doch nun sind die Kinder größer, und Mama betreibt immer nur noch Sitz- und Kausport. Wie bewegt man also die Meute weg von der Couch?

Erstmal allein probieren

Wandern gilt ja inzwischen fast schon als Trendsport. Also, Kinder, schnürt die Schuhe. Charlotte, fünf Jahre: „Jaaaa!“ Isabell, neun Jahre: „Nöööö, Mama, bitte nicht!“ Den Kindern wird Aufschub gewährt, sie wollen mit Papa am Sorpesee Ostereier suchen. Mama soll das mit dem Wandern erstmal allein probieren.

Also stehe ich in gut sitzenden Turnschuhen am Ostermontag um kurz vor 14 Uhr vor dem Wanderheim. Und zwar nicht allein. Bestimmt 70 Teilnehmer wollen mitwandern, und ein stolzer Teil davon sind Kinder und Jugendliche. Die sehen auch gar nicht so aus, als ob Mama und Papa sie mit Gewalt mitgeschleift haben. Die Jungs setzen sich gleich zu Anfang an die Spitze der Gruppe. In der Schulzeit wollen sie als erste auf dem Schulhof sein, nun hängen sie uns auf dem Weg zum Schiebergkreuz ab. Warum maulen die gar nicht? „Man muss nur genügend Gleichaltrige finden, die mitwandern. Dann spornen sie sich gegenseitig an“, verrät SGV-Wanderführer Siegfried Mertens das Erfolgsgeheimnis. Merke ich mir.

Los geht es durch ein Wohngebiet Richtung Schieberg. Das Wetter ist bestens, frischer Wind weht uns um die Nase, die Sonne zwinkert durch die Wolken. Ich blinzele gut gelaunt in die Vorgärten und bin mir sicher: Heute mache ich die lange Runde. Das dürfen wir nämlich nach der Verpflegungsstation entscheiden: Einige wandern 7,5 Kilometer, die anderen sind nach fünf Kilometern wieder zurück am SGV-Heim. „Das macht ihr locker in einer Stunde“, hatte der Ehemann vorausgesagt.

Eine Stunde später. „Ist das noch weit?“ fragt jemand. Nicht ein Kind, sondern ein Erwachsener. Die Kinder marschieren irgendwo ganz vorne, wir haben sie nicht mehr im Blick. Ich bin ins Mittelfeld zurückgefallen. War die Zielgruppe des SGV wirklich „50 Plus“, wie ich gelesen habe? Hat ein SGV-Mitglied mir anfangs gesagt, dass er die Familienrunde sonst nicht wandert, weil ihm das Tempo „zu gemächlich“ sei? Und wie schafft die Frau hinter mir es, den Kinderwagen mit dem selig schlafenden Baby eine halbe Stunde bergauf zu schieben?

Wir haben den Schieberg erreicht, das Tempo ist sportlich. Und wir sind noch lange nicht am Verpflegungspunkt. „Das ist noch ‘ne halbe Stunde“, ermuntert mich Siegfried Mertens. Konnte ich mich anfangs noch locker unterhalten, geht der Atem jetzt schon schwerer. Das Prädikat „sportlich“ kann ich inzwischen streichen, merke ich. Wenn sich Jesus wie einst auf der Route nach Emmaus nun unter uns mischen würde – ich wäre zu sehr damit beschäftigt, das Tempo zu halten, um ihn auch nur zu bemerken.

Oberschenkel ziehen ein bisschen

Rechts unten, ist das die Tankstelle vor Langenholthausen? Meine Zeit ist um, ich habe den Verpflegungspunkt nicht erreicht, ich muss zurück zur Arbeit. Ich habe die fünf Kilometer unterschätzt, meine Zeit ist um, und ich finde das verflixt schade. Meine Oberschenkel ziehen ein bisschen, aber es ist ein gutes Gefühl. Schade, ich hätte den Kindern gern ein paar von den Ostereiern mitgebracht, die Johannes Schwartpaul inzwischen rund ums Schiebergkreuz für die Emmaus-Wanderer versteckt hat.

Die kleine Tour macht Lust auf mehr. Die nächste Gelegenheit ist die Reise des SGV „Ins Nahmertal bei Hohenlimburg“ am 19. April. Wanderstrecke: 13 Kilometer. Da komme ich doch ins Grübeln, ich bin bei drei schon aus der Puste gekommen. Aber ich habe gesehen: Es ist möglich. Kinder wandern! Und ich habe ihn kein einziges Mal gehört, den von allen Eltern gefürchteten Satz: „Mama, wann sind wir endlich daaaa ... ?