Druck im Büro ersetzt den Säbelzahntiger

Uwe Völkel, Hals-, Nasen- Ohrenarzt aus Sundern, beim Vortrag "Tinnitus- Na und?" im Gesundheits-Campus
Uwe Völkel, Hals-, Nasen- Ohrenarzt aus Sundern, beim Vortrag "Tinnitus- Na und?" im Gesundheits-Campus
Foto: WP

Balve..  „Tinnitus? Da kann man sowieso nichts machen. Damit müssen Sie wohl leben.“ Wenn ein Patient mit chronischen Ohrgeräuschen zum Arzt geht, sollte das nach der Konsultation nicht das Fazit sein. Dass man durchaus eine Menge machen kann und dass es für die Therapie wichtig ist, die Entwicklung eines Tinnitus zu verstehen, machte der Hals-, Nasen- Ohrenarzt Uwe Völkel aus Sundern im Gesundheits-Campus deutlich.

„Wie geht der Tinnitus wieder weg?“ Schnell wurde beim Vortrag von Uwe Völkel klar, dass das die falsche Herangehensweise an die Therapie ist: „Es geht nicht darum, den Tinnitus abzuschalten. Das geht nämlich so gut wie gar nicht. Ziel ist, dass er den Patienten nicht mehr stört.“

Er erläuterte, wie sich ein Tinnitus entwickeln kann. Es handelt sich nach dem aktuellen Stand der Forschung um eine körpereigene Reaktion auf Stress-Situationen. Stress war wichtig für den Urmenschen, denn tauchte der Säbelzahntiger aus dem Gebüsch auf, musste die Reaktion schnell folgen. Der moderne Mensch reagiert mit Stress und damit einer Anspannung des vegetativen Nervensystems nicht mehr auf Raubtiere, sondern auf Umstände, bei denen Weglaufen wenig Sinn macht: Druck im Büro, belastende Beziehungen, voller Terminkalender.

Reagiert der Körper auf die Anspannung erst einmal mit dem subjektiven Ohrgeräusch, verselbstständigt sich die „falsche“ Körperreaktion. Der Tinnitus selbst erzeugt nun die Anspannung. Belastet dies den Patienten nachhaltig, indem er sich zurückzieht oder seiner Arbeit nicht mehr nachgehen kann, empfiehlt Uwe Völkel eine psychologische Verhaltenstherapie. Das sei die einzige bewiesen wirksame Therapie gegen Tinnitus.

Nicht Ohren vor Allem verschließen

Reaktionen aus dem Publikum zeigen, dass Patienten mit Tinnitus dem Arzt nur beipflichten können: „Ich habe 23 Jahre gegen den Tinnitus gekämpft wie ein Löwe. Seit ich aufgehört habe, zu kämpfen, geht es mir wieder besser“, berichtet ein Zuhörer. Allerdings gab es auch Betroffene, die im negativen Sinn resigniert haben: „Ich habe das seit 27 Jahren und ich habe keine Hoffnung mehr“, macht eine Patientin ihrem Frust Luft.

Dennoch machte Uwe Völkel Mut, dass man auch mit einem Tinnitus sein Leben genießen kann. Die Ohren vor Allem zu verschließen, ist dabei nicht hilfreich. Das Leben hat viele Zwischentöne. Wer diesen mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem Tinnitus, ist schon auf einem guten Weg.