Das Juli-Unwetter von Balve – So erlebte es unser Reporter

Wasser, so weit das Auge reicht: Die Hönnetalstraße war am 28. Juli 2014 überflutet.
Wasser, so weit das Auge reicht: Die Hönnetalstraße war am 28. Juli 2014 überflutet.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Am 28. Juli 2014 wütete das schwerste Unwetter seit 30 Jahren in Balve. Redakteur Alexander Bange schildert die Erlebnisse aus seiner Perspektive.

Balve.. Seit Kindertagen interessiere ich mich fürs Wetter. Papa ist daran nicht ganz unschuldig. Er hat mit Sohnemann – weit vor dem Internetzeitalter – die Aussichten von Ostfriesland bis Bayern geguckt und ihm gezeigt, wo er auf allen verfügbaren Fernsehkanälen das Wetter im Videotext findet. Gute Voraussetzungen also, optimal auf den 28. Juli 2014 vorbereitet zu sein. Von wegen! Das schwerste Unwetter seit mehr als 30 Jahren in Balve hat mich überrascht.

Auch an jenem Montag bin ich über die Vorhersagen unterrichtet – das World Wide Web macht’s möglich. Ich weiß, dass die Wetterfrösche „lokale Unwetter“ vorausgesagt haben. Lokal? Das kann alles heißen. Oft trifft es das Ruhrgebiet, manchmal den Niederrhein. Aber Balve? Nein. Nicht an diesem und wahrscheinlich auch nicht an einem anderen Tag. Daher bleibt die Regenjacke am 28. Juli 2014 zu Hause.

Tag beginnt sonnig und warm

Sonnig und warm beginnt der Tag. Die Wolken verdichten sich erst im Laufe des Nachmittags. Um 16 Uhr ist die Sonne noch milchig zu sehen, wenig später verschwindet sie ganz. Es ist kurz nach 18 Uhr, als die (vorerst) letzten Zeilen geschrieben sind. Ein paar Minuten später, als ich den Rechner herunterfahren und die Sportjacke überziehen will, fallen die ersten Tropfen.

Der Himmel hat eine seltsame Farbe angenommen – er sieht gelblich oder leicht grün aus. Die ersten Blitze zucken, es kracht auch mal laut, aber nicht Blitz und Donner bringen Balve an dem Abend einen Platz in den Geschichtsbüchern ein. Denn aus einzelnen Tropfen wird ein Regenguss, der um 18.30 Uhr beginnt. Er wird nicht schwächer. Eine Stunde lang schüttet es sprichwörtlich wie aus Eimern, in einer Intensität, die ich so annähernd nur in Thailand beobachtet habe. Dort gehören solche Naturereignisse zum Jahreskalender, hier nicht.

Eigentlich nur aus Filmen

Die Sirene heult. Stadtalarm. Alle Gerätehäuser werden besetzt, alle Kräfte mobilisiert. Das ist bitter nötig. Fünf Minuten schüttet es, da steht die Hauptstraße unter Wasser. Meinen Plan, in Richtung Mellen zu fahren, weil Bäume umgestürzt sind, verwerfe ich schnell. Zu gefährlich. Ich kehre um. Vor dem Kaiserlichen Postamt schwimmen Gullydeckel über die Straße. Eine Frau winkt heftig, sie hat wohl mein Soester Kennzeichen gesehen. „Fahren Sie nicht weiter. Bleiben Sie lieber stehen. Ein Wagen ist schon abgesoffen. Hier schwimmt alles mögliche über Straße. Bringen Sie sich nicht in Gefahr.“


Elisabeth Tillmann schüttelt mit dem Kopf. „Wo sollen wir anfangen? Das Wasser kommt vorne rein und hinten raus.“ Stimmt. Solche Wellenbewegungen auf Straßen kennt man eigentlich nur aus Filmen. Das ist kein Film, das ist Realität.


Viel weiter komme ich nicht. Am Autohaus Levermann reißt eine Welle mein Fahrzeug zunächst von der rechten auf die linke Spur und wieder zurück. Der Motor säuft ab. Ich schieße Fotos, die Kamera in einer Plastiktüte gehüllt. Trotzdem befürchte ich, dass sie Schaden nehmen wird – sie bleibt aber heile. Meine Sportjacke ist, wie jedes andere Kleidungsstück, klitschnass. „Das Wasser steht 10 bis 15 Zentimeter über der unteren Türkante, so hoch wie noch nie“, erzählt Gerhard Levermann. Der Motor springt wieder an. An der Einfahrt in das Industriegebiet Glärbach steht die Polizei. Eine riesige Pfütze hat sich gebildet. „So viel Regen habe ich noch nie gesehen“, sagt eine Polizistin. „Ich auch nicht“, erwidere ich.

Zurück ins Zentrum. Das Unwetter wütet genau über Balve. Bei der Druckerei Zimmermann steht das Wasser 35 Zentimeter hoch. Papierlager und Halbfertigwaren sind betroffen. „Unsere Digitaldruckmaschine hat es arg erwischt“, sagt Betriebsleiter Daniel Dörste. Kaum ein Haus, kaum eine Wohnung, kaum ein Geschäft im Ortskern, in dem fleißige Hände nicht schüppen, fegen oder saugen.
Der „Meldekopf“ im Feuerwehrhaus Balve ist im Stress. Die Kreisleitstelle Lüdenscheid notiert die Einsätze, die minütlich einlaufen, und von Balve aus koordiniert werden. Um 20 Uhr ist der erste Spuk vorbei.

Ein zweiter Schauer um kurz vor 22 Uhr hält mich und die Feuerwehr „In der Ewigkeit“ (Balve Süd) in Atem. Nach einem Erdrutsch fließt das Wasser durch die Gärten in die Häuser. Sandsäcke werden gestapelt. Eine Hausbesitzerin weint vor Verzweiflung. „Das darf doch nicht wahr sein.“ Leider doch.

Platz 3 in Deutschland

Bilanz: 47 Notrufe und umgestürzte Bäume zwischen Balve und Mellen sowie auf der Sauerlandstraße. Ausnahmezustand bei den 96 Einsatzkräften plus Technisches Hilfswerk und Deutsches Rotes Kreuz – das schwerste Hochwasser in Balve seit mehr als 30 Jahren. 91 Liter pro Quadratmeter bringen Balve deutschlandweit Platz 3 in der Niederschlagsstatistik ein, hinter Münster und Mummelsee.

Um kurz vor Mitternacht bin ich zu Hause, immer noch klitschnass vom Haarzipfel bis zur Zehenspitze. Auch hier hat es gewittert, aber normal. Ich muss wie ein begossener Pudel aussehen. „Was ist denn in Balve passiert?“, fragt meine Frau. „Es hat geregnet.“ Und wie!