Zwischen Wahrheit und Wahnsinn

Fabian Sattler, Oliver El-Fayoumy, Maik Evers und Pia Wagner (von links) bringen dem Publikum in der Kulturschmiede mit ihrem Schauspiel das „Phänomen Faust“ näher.
Fabian Sattler, Oliver El-Fayoumy, Maik Evers und Pia Wagner (von links) bringen dem Publikum in der Kulturschmiede mit ihrem Schauspiel das „Phänomen Faust“ näher.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Arnsberger Teatron-Theater begeistert mit Inszenierung von Goethes „Faust“

Arnsberg..  Ein zeltartig drapiertes weißes Tuch läuft vorne auf der Bühne der Kulturschmiede aus. Vier Personen schälen sich mystisch daraus hervor. Die Faust-Inszenierung des Teatron-Theaters beginnt mit der Situation des Gelehrten in seinem Arbeitszimmer mit dicken Büchern und allerlei wissenschaftlichen Instrumenten. Ein plötzlicher Ausflug in die Moderne mit Handy und Laptop überrascht.

Drei der Schauspieler verkörpern die selbstzweiflerischen Gedanken, die in Fausts Kopf herumirren und steigern langsam die Dramatik. Verzweifelter Wissensdurst nach dem höheren Sinn des Lebens macht ihn fast wahnsinnig. „Wo bist du Faust?“, mahnen die inneren Stimmen, und treiben ihn beinahe in den Selbstmord.

Beim berühmten Goetheschen Osterspaziergang unter Glockengeläut taucht auch schon der Teufel Mephisto auf. Jetzt kippt die Aktion auf der Bühne und die Dramatik zwischen den vier Akteuren steigert sich weiter. Oliver El-Fayoumy, der jetzt den Mephisto spielt, umgarnt Faust in Art und Mimik wahrhaft teuflisch.

Das zwiespältige Ringen in dessen Brust beim Verkauf seiner Seele stellt Fabian Sattler meisterhaft dar. Die Marionette eines Skeletts, geführt von Maik Evers, macht umhertänzelnd dabei den Tod gegenwärtig.

Komik bietet Verschnaufpause

Die Zuschauer werden von der gewaltigen, ständig wechselnden Szenerie hingerissen, die mit der Wucht der Kurzfassung der Original-Goethe-Verse von ihnen Besitz ergreift. Die Inszenierung legt daher eine lustige Verschnaufpause ein.

Es geht in Auerbachs Keller. Als freches Kasperle-Theater werden Klamauk und sexistische Sauereien verbreitet, „An der Nordseeküste“ gegrölt und Leipzig wieder „in die Zone“ und nach „Dunkeldeutschland“ versetzt.

Zurück in Goethes Sprachwelt fädelt Mephisto für Faust das Liebesabenteuer mit

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Gretchen ein. Pia Wagner spielt deren Rolle mit einer ungeheuer fantasievollen Wandlungsfähigkeit bei der Darstellung ihrer Gefühle zu Faust.

Wieder werden die Zuschauer hart attackiert von dem vor Dynamik strotzenden Dreiecksspiel zwischen Mephisto, Faust und Gretchen. Maik Evers, in mehreren Rollen gekonnt immer mitmischend, schlägt die Klampfe bedrohlich dazu. Die Dramatik erreicht in der Walpurgisnacht mit einem extatischen Veitstanz der Akteure ihren Höhepunkt, der die Choreografie von Manuel Quero nicht verleugnen kann.

Schließlich erscheint Gretchen als engelhaftes Wesen, in das riesige Leinentuch gehüllt, in fast bengalischer Beleuchtung. Das Stück entlässt schließlich die Zuschauer, deren Gefühle zwischen Ergriffenheit, Aufgewühltheit und fast ungläubigem Staunen und Bewunderung für die gewaltige Aufführung schwanken.

Ursula und Yehuda Almagor ist auch mit dieser Inszenierung wieder ein vielschichtiges Meisterwerk gelungen. Was man erlebt hat, ist die moderne, von den vier Schauspielern äußerst professionell umgesetzte Auseinandersetzung des Aufbruchs zu einer Reise im Kopf eines Menschen wie Faust. Das erklärt den Titel „Phänomen Faust“, denn Goethes Held steht stellvertretend für das meist vergebliche Streben der Menschen zu höheren Wahrheiten.

Zwei Seelen ringen

Eine der berühmten „zwei Seelen“ will sich auf den Weg zu Vollkommenerem machen. Dieses Ringen scheitert aber in der Regel und sie landet wieder da, wo sie angefangen hat. Die Spannbreite dieses Strebens läge in der Mitte zwischen der Genialität eines Goethe und dem Dasein eines Tiers, meint Yehuda Almagor. „Hier steh’ ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.“