Wie die Reliquien der Heiligen Drei Könige nach Arnsberg kamen

Die Sunderner Heimatkrippe in der Rochus-Kapelle erinnert an den Fuhrmann Friedrich Clute-Simon. Im Hintergrund ein Gemälde des Fuhrwerks mit dem Dreikönigs-Schrein.
Die Sunderner Heimatkrippe in der Rochus-Kapelle erinnert an den Fuhrmann Friedrich Clute-Simon. Im Hintergrund ein Gemälde des Fuhrwerks mit dem Dreikönigs-Schrein.
Foto: Ted Jones/WAZFotoPool
Die Heiligen Drei Könige gelangen 1794 nach Arnsberg. Der Sunderner Fuhrmann Friedrich Clute-Simon rettet die Reliquien und den Kölner Domschatz vor der Plünderung durch französische Revolutionstruppen. Eine Geschichte wie ein historischer Abenteuerrroman.

Arnsberg/Sundern.. Vom Morgenland ins Sauerland führt ein weiter Weg, ein gefährlicher dazu. Der Stern von Bethlehem hat die Heiligen Drei Könige am Ende bis nach Arnsberg geleitet. Diese Geschichte ist so abenteuerlich und so berührend, dass sie jeden historischen Roman blass aussehen lässt.

Der größte mittelalterliche Goldschrein der Welt ist eine fette Beute. Deshalb muss er in einer Nacht- und Nebelaktion evakuiert werden. 1794 gelangen die Reliquien der Heiligen Drei Könige auf der Flucht vor den französischen Revolutionstruppen von Köln nach Arnsberg. Mit im Gepäck: der Domschatz, das Domarchiv und die Dombibliothek. Organisiert wird die spektakuläre Mission durch einen Sauerländer: den Fuhrmann Friedrich Clute-Simon aus Sundern-Allendorf.

„Das waren weit über 30 Wagenladungen“, rekapituliert der Sunderner Pfarrer Michael Schmitt die logistische Meisterleistung. „Clute-Simon war der Besitzer eines größeren Fuhrunternehmens mit Beziehungen zum Rhein, er wird schon seine Helfer gehabt haben. Nur: Das durfte nicht an die große Glocke gehängt werden.“ So ist das Weltkulturerbe, das im Kölner Dom täglich von Touristen bestaunt und von Gläubigen verehrt wird, durch einen Sunderner Fuhrmann gerettet worden.

Versteck in der Sakristei

Neun Jahre lang finden die Heiligen Drei Könige in Arnsberg Asyl. In einer einfachen Holzkiste verbergen die Gebeine sich in der Sakristei der heutigen Propsteikirche vor gierigen Händen. Auch das komplette Kölner Domkapitel wandert nach Arnsberg aus.

„Die Revolutionstruppen wollten keine alten Knochen, die wollten Gold“, erzählt Pfarrer Schmitt als Experte für die Dreikönigs-Verehrung im Sauerland. Deshalb werden die Gebeine in eine Holzkiste umgelagert. Den goldenen Schrein, das Wunder der Christenheit, nimmt man auseinander und schickt die Einzelteile auf eine Odyssee quer durch halb Europa. Komplett soll er nie wieder nach Köln zurückkommen. Denn das Domkapitel will ja auch leben und verkauft Stücke des Meisterwerks. Erst 1964 wird der Goldschrein wieder in seiner ursprünglichen Größe von 2,20 Meter Länge und 1,53 Meter Höhe rekonstruiert.

Drei bis vier Tage könnte die Flucht nach Arnsberg gedauert haben. „Über den Hinweg sind wir fast gar nicht informiert, weil das eine Geheimgeschichte war“, so Schmitt. „Über den Rückweg wissen wir mehr, vor allem, was den ersten Teil betrifft.“ 1803 transportiert Clute-Simon den Holzschrein mit den wichtigen Reliquien wieder nach Köln. Über Wennigloh, Hachen, Enkhausen und Hövel geht die erste Etappe bis Balve. Dort wird im Gasthaus des Bürgermeisters Glasmacher übernachtet. Clute-Simon stellt das Behältnis im Saal der Wirtschaft ab. Der Legende zufolge beginnen daraufhin die Glocken der Pfarrkirche von selbst zu läuten.

Dank den Sauerländern bleiben wertvolle Dokumente erhalten

Bei den Arnsbergern zeigt sich das Domkapitel später erkenntlich: mit der Schenkung eines Holzreliefs, das die Anbetung der Könige darstellt. Heute befindet sich das Kunstwerk in der Propsteikirche St. Laurentius. „Das war ein bisschen dürftig nach neun Jahren Asyl“, zieht Pfarrer Schmitt kritische Bilanz dieser Dankbarkeit. „Die Arnsberger hätten sich besser etwas vom Domschatz ins Hinterzimmer gestellt.“

Der Priester macht die historische Bedeutung der Arnsberger Gastfreundschaft deutlich: „Die Revolutionstruppen waren nicht an alten Büchern oder Urkunden interessiert, wie sie sich in der Bibliothek und im Archiv befinden.“ Mit den unersetzbar wertvollen Dokumenten werden vielerorts Schlaglöcher in Straßen aufgefüllt. Der Domschatz von Mainz zum Beispiel fällt den Truppen komplett in die Hände, nichts davon bleibt übrig. „Das Kölner Gold wäre wahrscheinlich in die Münze geflossen. Das ist den Kölnern dank der Sauerländer erspart geblieben“, so Schmitt.

Seit 850 Jahren in Köln

Und deshalb ist der Dreikönigs-Fachmann aus dem Sauerland auch selbstbewusst im Umgang mit dem Kölner Dompropst: „Hätten wir auf Eure Brocken nicht aufgepasst, hättet Ihr heute gar nichts mehr“, musste letzterer sich 1994 anlässlich der Ausstellung „Zuflucht zwischen Welten“ sagen lassen.

Vor 850 Jahren, am 23. Juli 1164, sind die Gebeine der Heiligen Drei Könige als Kriegsbeute aus Mailand in Köln eingezogen. Sie machen Köln zum europäischen Pilgerzentrum ersten Ranges. Extra für sie beginnt man mit dem Bau des Doms.

Was erinnert heute an diesen historischen Krimi aus dem wahren Leben? Ein Dreikönigsfenster im Chorraum der Kirche in Enkhausen nimmt Bezug auf die gefährliche Reise. Das Hotel Haus Drei Könige in Balve steht am historischen Platz. Und daneben steht der Dreikönigsgrill.

Prototyp des suchenden Menschen

Aber wirklich dauerhaft bleiben die Weisen aus dem Morgenland in den Herzen verankert. Die Dreikönigs-Verehrung ist in Südwestfalen sehr ausgeprägt. Michael Schmitt: „Bis heute faszinieren diese Figuren als die ersten, die gekommen sind, um das Jesuskind anzubeten. Die Drei Könige sind der Prototyp des suchenden Menschen.“