Wie bleibt das Sauerland für die Jugend attraktiv? - Fragen an Fachmann

Projekte aus  „Generation Zukunft Arnsberg“ werden umgesetzt: Ausbildungsbotschafter, Leitfaden Berufsorientierung und nun die Arnsberg-App. Hier diskutieren Hannah Wolf, Rouven Senft und Carolina Wittershagen über Perspektiven und Chancen für die Jugend.
Projekte aus „Generation Zukunft Arnsberg“ werden umgesetzt: Ausbildungsbotschafter, Leitfaden Berufsorientierung und nun die Arnsberg-App. Hier diskutieren Hannah Wolf, Rouven Senft und Carolina Wittershagen über Perspektiven und Chancen für die Jugend.
Foto: WP Ted Jones
Was wir bereits wissen
Er ist im Sauerland aufgewachsen und weiß, was jungen Menschen fehlt. Daran will Andreas Wolff bei "Generation Zukunft Arnsberg" arbeiten. Der 36-Jährige bezeichnet sich selbst als einen „klassischen Rückkehrer“.

Arnsberg.. Draußen hat es geschneit. Andreas Wolff (36) hat sich trotzdem auf den Weg gemacht, von Olsberg nach Arnsberg. Warum sollte das einen echten Sauerländer auch abhalten? Gebürtig kommt er aus Meschede. Irgendwann ging er zum Studieren und Arbeiten fort, nun lebt der bald zweifache Familienvater in Helmeringhausen/ Olsberg. Er nennt sich selbst einen „klassischen Rückkehrer“. Im Rahmen von „Generation Zukunft Arnsberg“ und einem ähnlichen Projekt in Sundern arbeitet er mit den beiden Kommunen zusammen. Das Ziel: Region und Stadt für junge Menschen attraktiver zu gestalten.

Herr Wolff, was meinen Sie mit dem Typ „klassischer Rückkehrer“?

Andreas Wolff: Es geht um die jungen Menschen, die hier aufgewachsen sind und nach der Schule die Region verlassen, weil es beispielsweise nur wenige Hochschulen gibt. Wer in der Jugend eine enge Verbindung zur Region aufgebaut hat, denkt möglicherweise später: ‚Ich hab hier meine Wurzeln, meine Familie und gute Jobperspektiven‘. Unter anderem auf diesen Rückkehrer setzt beispielsweise das Projekt „Arbeitswelt Sauerland 4.0“. Dieser Zielgruppe müssen wir die Perspektive aufzeigen, um in dieser Region sesshaft zu werden. Und ihr die relevanten Angebote machen. Hier können und müssen wir noch viel tun.

Welche Dinge vermissen die jungen Menschen hier denn am meisten?

Wolff: Bei der Arbeit mit der jungen Generation wurden uns Bedarfe für sehr alltägliche Freizeitangebote genannt, wie ein modernes Kino oder einfach nur Möglichkeiten, um sich treffen und sich auszutauschen zu können. Aber nicht nur Teenager, auch Menschen in den Zwanzigern und Dreißigern vermissen einige Freizeit- und kulturelle Angebote, wie sie insbesondere in den Großstädten zu finden sind. Da können wir Dortmund und Köln natürlich nicht spiegeln. Wir müssen uns aber dorthin bewegen, der jungen Generation bessere Angebote für die alltäglichen Bedürfnisse bei der Freizeitgestaltung machen zu können.

Mach mehr Wie kann man das erreichen?

Wolff: Das kann man meiner Meinung nach nur, wenn man das bestehende Angebote besser in die Zielgruppe kommuniziert, es kontinuierlich verbessert und überlegt, wie man das Angebot sinnvoll ergänzen kann. Es gibt ja hier durchaus erfolgreiche Beispiele für neu geschaffene Freizeitangebote, so wie das R-Café am Ruhrtalradweg.

Wie steht es um die Erreichbarkeit der Dörfer und die Busfahrzeiten?

Wolff: Der öffentliche Nahverkehr ist ein großer Knackpunkt, gerade für die Jugendlichen. Die Frage ist nur, wie man bessere Anbindungen rechnerisch machbar machen kann. Wenn die Jugendlichen beispielsweise mit einer Art Schülercard die einzelnen Hotspots wie Badeseen oder Freizeitangebote in der Umgebung erreichen und die schönen Seiten das Sauerlands erleben könnten, würde das möglicherweise zu einer stärkeren Bindung an die Region führen.

"Sauerländer ist eine emotional verbindende Marke"

Womit identifizieren sich die jungen Menschen vor Ort Ihrer Meinung nach denn am meisten? Der Region Südwestfalen, dem Sauerland, der Stadt oder dem Heimatdorf?

Wolff: Eine spannende Frage. Ich denke der Begriff Südwestfalen ist noch mehr in den Köpfen von Wirtschaft und Politik. Ich glaube, dass sich die jungen Leute eher mit ihrem sozialen Umfeld vor Ort, teilweise sogar Ortsteil, identifizieren. Das ist weniger etwas Regionales, sondern sehr lokal bezogen wo ich mich wohlfühle. Und dann sehen sie sich noch als Sauerländer, weil das eine gelernte, emotional verbindende Marke ist.

Engagement Und wie verbunden sind sie mit dem Sauerland und ihrer Heimat?

Wolff: Bei unseren Jugendbefragungen an den weiterführenden Schulen haben sich drei Gruppen herausgestellt: Ein Drittel der Jugendlichen wird weggehen, weil beispielsweise Berufswahl und Ausbildungsweg es nicht anders zulassen. Ein zweites Drittel will bleiben und sucht sich etwas Passendes vor Ort. Und das letzte Drittel ist noch unentschieden. Wenn wir es schaffen, die jungen Menschen, die bleiben wollen als Botschafter für die Region zu gewinnen, können viele der Unentschlossenen vielleicht zum Bleiben oder zur späteren Rückkehr motiviert werden. Das muss ein Ziel unserer Anstrengungen sein.

Wie haben Sie die jungen Menschen im Rahmen der Diskussionen bei „Generation Zukunft“ denn erlebt?

Wolff: Im Großen und Ganzen sehr bodenständig, realistisch, engagiert und selbstkritisch. Es gibt immer auch die Überflieger mit visionären Ideen – die braucht man aber auch. Das wichtigste ist, die Jugendlichen ernst zu nehmen und ihnen eine reelle Perspektive für Ihre Wünsche und Vorstellungen zu geben.

#MehralsnurWP Über alldem schwebt der Begriff des demographischen Wandels – wie sehen Sie die Herausforderung, die dieser mit sich bringt?

Wolff: Der demographische Wandel und die Abwanderung der jungen Generation nach der Schulzeit aus der Region müssten eigentlich alle Akteure dazu zwingen, sich intensiv mit Gegenmaßnahmen auseinander zu setzen. Auch und gerade dann, wenn diese Maßnahmen keinen unmittelbaren Profit ergeben. Sowohl die Schulen, als auch die Kommune und die Wirtschaft sollten meiner Meinung nach ein großes Interesse haben, sich an der Entwicklung und Umsetzung von gemeinsamen Maßnahmen zu beteiligen. Sonst fehlen irgendwann die Kinder an den Schulen, die dann nicht mehr in die Ausbildung gehen und als Arbeitskräfte als Eltern der nächsten Generation.

Bei jungen Menschen das Interesse an der Region wecken

Und was ist mit der Wirtschaft?

Wolff: Noch gibt es ein Potenzial bei jungen Leuten, die einen regionalen Bezug haben. Die heimischen Arbeitgeber dürfen aber nicht denken: ‚Ich brauche nichts tun und mir keine Gedanken machen. Es gibt diese Klientel und so werde ich auch in Zukunft genug Nachwuchskräfte finden‘. Eigentlich müsste man sich viel intensiver um die junge Generation bemühen. Hier fehlt es oft noch an der Einsicht, etwas tun zu müssen. Oder es fehlen schlicht die Ressourcen im Betrieb, um sich dieser Herausforderung stellen zu können. Hier können gemeinsame Maßnahmen unter den Arbeitgebern helfen, Damit auch kleinere Betriebe die Möglichkeit zur Partizipation haben.

Sind die Unternehmen den jungen Menschen denn bekannt?

Wolff: Die Arbeitgeber haben viele Möglichkeiten sich zu zeigen, aber das müssen sie auch nutzen. Große Unternehmen wie Trilux kennt jeder. Es gibt allerdings auch viele kleine Betriebe mit interessanten Perspektiven. Die können es sich oft nicht leisten, Eigenvermarktung bei der Jugend zu betreiben. Denen müssen wir passende Angebote machen, um sich präsentieren zu können. Wir haben so viel Potenziale in der Region, die wir besser nutzen und kommunizieren müssen.

Infos Da setzen Sie ja mit „Generation Zukunft“ an. Wie geht es damit voran?

Wolff: Es wurden und werden noch einzelne Ideen aus der Sammlung von Maßnahmen umgesetzt. Es gilt jetzt, kurzfristig mit möglichst vielen Beispielen kleine Erfolgsgeschichten zu schreiben. Damit muss das Vertrauen gewonnen werden, sich weiter zu engagieren.

Was glauben Sie – werden junge Menschen in Zukunft hier bleiben?

Wolff: Das wird die Zeit zeigen. Und ob wir es schaffen, unsere Region als attraktiven Arbeits- und Wohnort weiterentwickeln und vermarkten zu können. Wir verlieren die jungen Menschen ins Ruhrgebiet oder ins Rheinland. Deshalb müssen wir bei ihnen das Interesse an unserer Region wecken und Ihnen sagen: ‚Hier könnt Ihr gut arbeiten, die eigene Familie im Eigenheim und einem kinderfreundlichen Umfeld gründen, im Vergleich zur Großstadt günstiger leben, diese aber über die gute Verkehrsanbindung auch schnell erreichen, um das Angebot dort nutzen zu können‘. Dann steigen aus meiner Sicht unsere Chancen, die junge Generation für unsere Region gewinnen zu können.