Tiefsinnig, mitreißend, berührend

Oeventrop..  Wenn tibetische Muschelhörner erklingen und Erwachsene laut und ungeniert „Spinne Martha“ singen. Oliver Stellers Lyrikabend „Von Goethe bis heute“ begeisterte das Publikum: Drei Künstler und eine Hand voll Gedichte aus drei Jahrhunderten in der Aula der Grundschule Dinschede. Oliver Steller, Dietmar Fuhr und Bernd Winterschladen machten daraus ein unvergleichliches Programm - tiefsinnig, mitreißend, berührend.

Die Essenz zwischen den Leerzeilen

Ein eisiger Winterabend von Lyrik erwärmt. Deutsche Gedichte aus eingestaubten Sammelbänden oder Paperbackausgaben mit Eselsohren und Kaffeeflecken? Oliver Steller findet darin wahre Schätze. Der Rezitator befreit sie vom Staub der Jahre, vergilbter Langeweile, vom Auswendiglernen müssen im Unterricht und von Schulnoten.

Mit der Offenheit und Neugierde eines Forschers traut er sich tief ins Innere der Gedichte vor, fühlt in die Leerzeilen zwischen den Buchstaben hinein, um die Essenz aufzuspüren: den Zauber Poesie. Magie, die in Oliver Steller selbst geschieht. Bezaubert wird er selbst zum Zauberer, hüllt das Publikum ein mit fast vergessenen Zauberworten, erweckt sie zum Leben, verleiht ihnen neuen Ausdruck mit seiner Stimme. Ob Goethe, Hölderlin, Rilke, Morgenstern. Mit Oliver Steller lebt deutsche Lyrik „jetzt“.

Und dieses Jetzt, diesen musikalischen Lyrikabend einfach genießen, dazu war das Publikum erschienen. Balladen, Liebeslieder, skurrile Zeilen, Witziges und Wahnwitziges. So auch beispielsweise Oliver Stellers Interpretation von Wilhelm Buschs „Eitelkeiten“. Neben der gekonnten Präsentation wusste der Künstler Interessantes aus Buschs Dichterleben zu berichten. Der Erfinder der lustigen und hintergründigen Bildergeschichten war übrigens nie verheiratet und versetzte sich selbst bereits im Alter von 52 Jahren in den künstlerischen Ruhestand.

Drei Künstler von heute und ihre zwei Musen: Oliver Steller, Dietmar Fuhr, Bernd Winterschladen, die Musik und die Poesie. Gemeinsam weben sie den lyrischen Tibetteppich von Else Lasker-Schüler. Winterschladen und Fuhr lassen Saxofon und Kontrabass wie den Klang eines tibetischen Muschelhorns ertönen.

„Deine Seele, die die meine liebet, ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet. Strahl in Strahl verliebte Farben, Sterne, die sich himmellang umwarben. Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit, Maschentausendabertausendweit. Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron, wie lange küsst dein Mund den meinen wohl und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?“ schrieb die Lyrikerin Else Lasker-Schüler 1910. Mit dem Verklingen des Muschelhornklangs verschwindet das Gedicht wieder im unendlichen Zeitenraum, doch ein Hauch seiner Gegenwart hinterlässt Spuren, die die Seele berühren.

Lyrik nicht auf dem Abstellgleis

Aus Morgensterns Dichterseele entspringt der Hecht, vegetarisch, vegan ernährt er sich allein mit Seegras, Seerosen und Seegrieß. Eine Geschichte, die zwar tragisch, doch auch sehr komisch endet. Ein Galgenlied. Steller springt von Pol zu Pol - makaber, komisch, tiefsinnig, ergreifend.

Etwas unentschlossen ist die „Hausschnecke“ nur. Ob Schnecke oder wilder Panther hinter Gitterstäben. Oliver Steller wechselt die Rollen, spielt den Gefallenen und den Helden. Instrumentale Zwischenstücke nehmen die Zuhörer mit auf eine fast psychedelische Reise, in der die lyrischen Bilder und Zeilen weiterklingen.

Und dann ist da noch die „Spinne Martha“, eigentlich ein Kinderhit, bei dem sofort alle mitsingen. Die kleinen Einblicke in Oliver Stellers Kinderprogramm machen klar: Deutsche Lyrik steht schon lange nicht mehr auf dem Abstellgleis, sondern ist so was von in.

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