Tante“ dreht den Zapfhahn hoch

Heinz Edelbroich im legendären „Roten Salon“ - auch Fürstenzimmer genannt - der Arnsberger Traditionsgaststätte „Zur Tante“. An der Wand Bilder vom ersten bis zum letzten Preußen, die von einem Vorfahren gesammelt worden waren. Wohl, weil dieser vom Ausgang des Krieges 1870/71 und der anschließenden Reichsgründung begeistert war.
Heinz Edelbroich im legendären „Roten Salon“ - auch Fürstenzimmer genannt - der Arnsberger Traditionsgaststätte „Zur Tante“. An der Wand Bilder vom ersten bis zum letzten Preußen, die von einem Vorfahren gesammelt worden waren. Wohl, weil dieser vom Ausgang des Krieges 1870/71 und der anschließenden Reichsgründung begeistert war.
Foto: WP Ted Jones

Arnsberg..  Jetzt ist es amtlich: Nach 173 Jahren Gastwirtschaft - davon 144 Jahre in Besitz der Familie Edelbroich - fließt am 29. Dezember zum letzten Mal bei „Tante“ in der Hallenstraße Bier durch die Leitung. Dann, nach dem unwiderruflich allerletzten Pils, wird Heinz Edelbroich den Zapfhahn für immer nach oben drehen und damit die lange Ära des traditionsreichen Lokals beenden. Und ein Stück Geschichte des alten Arnsbergs.

Mit einem kurzen „So“ servierte Heinz Edelbroich stets mit gekonntem Schwung das frisch Gezapfte. Den Bleistift kühn hinter das Ohr geklemmt. 42 Jahre lang, nach dem der gelernte Koch die Gaststätte „Zur Tante“ von Vater Albert übernommen und diese nach einem Umbau 1972 neu eröffnet hatte. „Nach einmal Josef, zweimal Heinrich Edelbroich und meinem Vater war ich die fünfte Generation.“

Fünf Generationen Edelbroich

42 Jahre lang stand Heinz Edelbroich hinter der Theke, gönnte sich nur an den Dienstagen eine Auszeit. 42 Jahre, „in denen ich manches Bier gezapft, manche abenteuerliche Aufschneiderei gehört habe.“ Denn gesprochen wurde bei „Tante“ immer gerne und viel. Und das auch mit Gastwirt Heinz, der nicht nur Geschichten über Arnsberger Begebenheiten und Originale zu erzählen wusste, sondern der auch in der Heimatgeschichte bestens bewandert ist. Da verwundert es nicht, dass bei Tante regelmäßig die Geschichtswerkstatt zusammenkam, um die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Arnsbergs in ein umfassenden Buch zu gießen. Aktives Mitglied dabei: Gastwirt Heinz.

Viel erlebt hat er in der langen Zeit allemal. Zum Beispiel ein nächtliches Barfußwettrennen nach vorherigem Biergenuss vom Maximilianbrunnen bis zur Eisdiele am Steinweg, bei dem er als strenger Wettkampfrichter fungierte. Zum Beispiel einen Gast, der nicht nach Hause fand, dafür aber zu Heinzens „Freude“ von Außen in ein Gastzimmer im ersten Stock.

Viel erlebt und viel gehört

Zum Beispiel unerwartete geballte Politprominenz mit u.a. Innenminister Otto Schily, die sich nach einer in Arnsberg aufgenommenen „Hallo Ü-Wagen“-Sendung mit Carmen Thomas samt Entourage bei Tante verköstigen ließen. Was sich in Windeseile herumsprach und den damaligen Landrat zum Hörer greifen ließ: „Sag mal, Heinz, was laufen da für Leute bei Dir herum?“

Aber „Tante“, das war mehr als nur eine Kneipe um die Ecke. Ein beliebter Treff - und Heinz eine Institution. Stammtische debattierten dort, Vereine trugen mitunter lautstark Versammlungen aus, Schüler bestellten verschüchtert nur ein kleines Bier, weil sie am Nebentisch ihre Lehrer erspähten. So erkoren u.a. Heimatbund, KLAKAG, SGV und August-Schlicker-Riege (das sind die mit dem Nikolaschka) Tante zu ihrem Stammlokal. Und als die Vogelwiese noch mit dem Königsschuss ihr Ende fand, gab es Schützenfestmontag stets mittags im Hof des Lokals deftige Gulaschsuppe für die 2. Kompanie.

Nicht leicht gemacht

„42 Jahre habe ich das jetzt gemacht. Ich denke, dass ist genug,“ sagt der 69-Jährige. Den Entschluss hat er sich aber nicht ganz leicht gemacht, denn Heinz Edelbroich war Gastwirt mit Leib und Seele. Seinen Kindern zumuten wollte er diesen Beruf allerdings nicht, auch wenn damit eine Familientradition zu Ende geht. „Das ist schon besser so, denn dieses Gewerbe lässt wenig Zeit für die Familie.“ Zumal die große Ära der Kneipenkultur vorbei ist. „Die Leute, die früher in die Lokale gingen, sind alle älter geworden, die jüngeren Generationen haben ein völlig anders Freizeitverhalten.“

Dennoch sieht er seinen Heimatort in Sachen Gastronomie gut aufgestellt. „Hier ist die Vielfalt im Gegensatz zu anderen Städten noch groß,“ so der Experte. „Das erkennt man zum Beispiel daran, dass viele Gäste aus Neheim und Hüsten eigens nach Arnsberg kommen.“

Und nun, was geht ab im verdienten Ruhestand? „Ich werde wohl viel reisen, denn seit über 20 Jahren bin ich hier nicht mehr weggekommen. Und vielleicht turne ich in der August-Schlicker-Riege mit. Man muss ja was für die Fitness tun.“

Aber nach dem Sport Nikolaschka trinken mit der Schlicker-Riege muss er dann in einem anderen Lokal. Denn „Edelbroichs Tante“ wird es dann nicht mehr geben.

Lokal wird Wohhnung

Das Lokal „Zur Tante“ wird von der Familie in eine Wohnung umgebaut und so einer neuen Verwendung zugeführt.