"Man muss immer wachsam sein"
20.05.2009 | 16:52 Uhr 2009-05-20T16:52:00+0200
Arnsberg. Als er zehn Jahr alt ist, wird im Januar 1933 Hitler Reichskanzler - die Nazi-Diktatur beginnt. Er wird - wie Millionen andere in Deutschland - Hitlerjunge, Reichsarbeitsdienstler und Soldat und kehrt nach Kriegsende lebend, aber desillusioniert nach Arnsberg zurück.
Deutschland liegt am Boden, seine Jugend irgendwo auf den Schlachtfeldern. Jetzt, zwischen 1000-jährigem Reich und Gründung der Bundesrepublik, beginnt für Karl Großmann ein neuer „Kampf”: der Weg zurück in die kaum erfahrene Normalität.
1933 war der Messdiener Karl Großmann ein ganz normaler Knirps, der für seine Mutter zum Einkaufen ging, gerne Sport trieb und von aufregenden Abenteuern träumte. Hatte man in seinem katholischen Elternhaus geplant, ihn zum Mitglied der kath. Jugendorganisation Quickborn zu machen, kam dann mit der so genannten Machtergreifung alles anders: „Ich ging gemeinsam mit vielen anderen Spielkameraden ins Jungvolk.”
Hier erfuhr der Schüler Großmann an zwei bis drei Diensttagen in der Woche strenge Disziplin und tatsächlich Abenteuer - in Form von Kriegsspielen. „Natürlich hatten wir dabei viel Spaß. Doch heute muss ich sagen, dass wir damals schon als Kinder auf einen Krieg vorbereitet wurden”. Augen zu und durch. Ohne nach der eigenen Meinung gefragt zu werden. „Aber trotzdem war unsere frühe Jugend schön,” erinnert sich der 85-Jährige.
Doch was Demokratie überhaupt bedeutet, war für den Jugendlichen Karl Großmann nicht fassbar. „In der Weimarer Republik war ich zu jung, um zu verstehen. Und danach gab es keine Kontakte mehr zur Außenwelt. Wir lebten allein in unserer Welt und hatten so überhaupt keine Vergleichsmöglichkeiten.” Die Presse ist gleichgeschaltet, die Nachrichten sind gefiltert. Göbbels lässt grüßen.
Typische Jugend
So durchlief der Arnsberger die „typischen” Stationen jener Zeit: Jungvolk, Hitlerjugend parallel zu Schule und Lehre (Papiermacher bei der Feldmühle), Reichsarbeitsdienst und ab Oktober 1942 Wehrdienst in feldgrauer Uniform. Das Kriegsende am 8. Mai 1945 erlebt Karl Großmann als Verwundeter in einem Lazarett in Lübeck. Sein erster Gedanke: „Gut, dass diese Scheiße vorbei ist.”
Das Verarbeiten jener 12 Jahre NS-Diktatur, sagt Großmann, kommt erst später. „Nach Arnsberg zurückgekehrt, ging es bis etwa 1948 zunächst einmal ums nackte Überleben: Essen, Trinken und Arbeit finden, das war mir wie vielen anderen Menschen wichtig. Politik war für mich gerade 22-jährigen Heimkehrer erst einmal ohne Bedeutung. Außerdem wollten wir auch einen Teil unserer verlorenen Jugend nachholen.”
Meinungen respektieren
Was sich dann aber mit der Währungsreform 1948 - die Deutsche Mark löst die alte Reichsmark ab, die Schaufenster sind plötzlich voll - ändert. Jetzt gilt es für Großmann, längst wieder in Brot und Lohn „auf” der Feldmühle, sich in der Vielfalt der für ihn teils völlig unbekannten Parteien zu orientieren. Er verfolgt das sehr bewegte politischen Geschehen und „für mich war dann relativ schnell klar: es muss eine christlich orientierte Partei sein”.
Dabei ist Karl Großmann jedoch nicht verbohrt und starrsinnig. Anders - als noch in den Jahren von Weimar und der NS-Zeit - „wurde ein politisch Andersdenkender nun nicht mehr verteufelt. Es galt allein der Respekt vor dem Menschen und dessen Meinung”. Schließlich waren es auch die teils unsinnigen Grabenkämpfe zwischen den Parteien der ersten deutschen Republik, die deren Sterben eingeleitet und der NSDAP zur Macht verholfen haben.
Was die aktive Teilhabe an der Arnsberger Kommunalpolitik betrifft, ist Karl Großmann Späteinsteiger. „1969 sprach mich Hans Rupp an, für die CDU in meinem Wohngebiet bzw. Wahlbezirk gegen den seit 1949 amtierenden stellv. Bürgermeister Caspar Franke (SPD) anzutreten.” Großmann wird nominiert - und der Neuling holt das Mandat.
Seit dieser Zeit hat der Arnsberger die Kommnalpolitik für sich entdeckt und macht das, was er in jungen Jahren nicht konnte: mitgestalten. Nach seinem altersbedingten Rückzug legt er aber nicht die Hände in den Schoß, sondern wird erneut aktiv - in der Seniorenpolitik.
Aber noch immer holen ihn nachts die Kriegserlebnisse ein und es treibt ihn die Frage um: „Wie konnte dieses Schreckliche überhaupt geschehen?” Und damit dies nicht noch einmal passiert, rät er allen jungen Menschen, die Demokratie so zu leben, wie es ihr gebührt: „Mit Respekt, Rücksichtnahme und großer Wachsamkeit vor Ideen, die sie zu gefährden drohen. Dafür lohnt es sich zu kämpfen und in der Politik zu engagieren.”
Nächste Folge: Ein Kind der Bundesrepublik

14:49
Soviel Grips sollte man doch haben, um zu merken, das mit er Herr Karl Großmann gemeint ist....
09:48
Arnsberg. Als er zehn Jahr alt ist, wird im Januar 1933 Hitler Reichskanzler - die Nazi-Diktatur beginnt.
Soweit ich mich erinnere, war Hitler älter als 10 Jahre als er Reichskanzler wurde.