Jugendliche terrorisierten Schulzentrum

Eine Jugend-Gang bedrohte Schüler und zockte Geld und Handys ab
Eine Jugend-Gang bedrohte Schüler und zockte Geld und Handys ab
Foto: imago stock&people

Sundern/Arnsberg.. Sie verbreiteten Angst und Schrecken unter den Schülern. Sie zockten Handys, Geld und Zigaretten ab und drohten ihren Opfern Schläge an. Sechs Monate lang terrorisierte eine Bande von Halbwüchsigen das Sunderner Schulzentrum.

Kaum ein Opfer traute sich, die Erpresser anzuzeigen. Ein außergewöhnlicher Fall von Jugendkriminalität, der in Sundern wie in Arnsberg, wo einzelne der Jugendlichen jetzt zur Schule gehen, viele Fragen aufwirft.

Dreiteilige Serie

Gut drei Monate ermittelte die Polizei gegen die vier jugendlichen Erpresser, sammelte Zeugenaussagen und vernahm die mutmaßlichen Täter. Jetzt wurde Anklage wegen räuberischer Erpressung erhoben.

Anklage wegen räuberischer Erpressung

Von April bis September 2010, so die Erkenntnisse der Beamten, knöpften sich die Jugendlichen nahezu täglich Schüler vor. Schüchterten sie massiv ein und zwangen sie, symbolisches Schutzgeld zu zahlen. „Mal zwei Euro, mal ein paar Zigaretten“, schildert Wolfgang Tittmann, Kommissariatsleiter der Kripo Meschede. „Es ging ihnen nicht vordringlich ums Geld – es ging ihnen um die Macht.“

Wer kein Geld dabei hatte, keine Zigaretten abgeben konnte, dem nahmen Orhan U. (Name geändert) und seine Gefolgsleute Pfand ab. Besonders beliebt: Handys. Die gab’s erst am nächsten Tag zurück, wenn die Schüler zahlten. Um den Forderungen der Bande nachzukommen, rückten Schüler ihr Taschengeld raus, manche bestahlen ihre Eltern. Viele Kinder versuchten, durch große Umwege auf dem Weg zur Schule eine Begegnung mit der Gruppe zu vermeiden. Andere meldeten sich krank, wenn sie wussten, dass sie am nächsten Tag einer Konfrontation nicht aus dem Weg gehen konnten. „Von einem Schüler wissen wir, dass er sich die ganze Nacht erbrach, weil ihm die Angst so auf den Magen geschlagen war“, schildert Kriminalpolizist Tittmann. Andere gingen morgens mit bangem Gefühl zur Schule und waren erst dann erleichtert, wenn es diesmal nicht sie, sondern einen anderen getroffen hatte, erfuhr die Kripo aus Gesprächen mit Opfern.

Wie die Erpressung funktionierte

Die Gruppe: Das sind nach Ermittlungen der Kripo vier Jugendliche aus Sundern mit Migrationshintergrund. Der jüngste Orhan U., ist gerade mal 14 Jahre alt. Der älteste ist 17. „Alle sind uns bekannt“, sagt die Polizei. Verurteilt hingegen sind sie bisher noch nicht. Erst ab 14 wird man strafmündig, und dieses Alter haben die meisten gerade erst überschritten. Mal waren sie in Schlägereien verwickelt, mal fielen sie bei Ladendiebstählen auf. Im April dann begannen sie als Gruppe im Schulzentrum aufzutreten, die andere Schüler bedrohte.

Was ist das: Abzocken?

„Einer aus der Gruppe forderte von einem der Schüler etwas, während die anderen ihm den Rücken freihielten“, schildert Polizeihauptkommissar Tittmann aus den Vernehmungen der Opfer. Weigerte sich der Schüler, rückten die anderen bedrohlich nahe. Schläge wurden angedroht. „Sie machten durchaus einen sehr einschüchternden Eindruck“, erfuhr die Polizei. Allerdings: Ihnen eilte der Ruf voraus, Schläger zu sein – doch die meisten Opfer wurden „nur“ geschubst und bedrängt. „Es war reines Machtgehabe“, betont Wolfgang Tittmann.

Nur selten kamen andere Schüler den Opfern zur Hilfe. Hin und wieder waren es vereinzelt ältere Schüler, die den vier Haupttätern das gerade erpresste Geld oder das Handy wieder abnahmen. „Aber das war die Ausnahme“, schildert Wolfgang Tittmann. „Ich kann nicht verstehen, warum solch eine große Gruppe von Schülern Angst vor diesen vier Jugendlichen hatte. Das ist für mich ganz schwer nachzuvollziehen.“

Vermutlich 60 bis 90 Opfer

Und genauso unverständlich ist für die Polizei, dass von vermutlich 60 bis 90 Opfern nur elf auch tatsächlich eine Anzeige erstatteten. Die meisten haben offenbar Angst – ohne Grund, meint die Polizei. Nach ihren Erfahrungen kommt es nur absolut selten dazu, dass Zeugen von Beschuldigten bedrängt werden, dass diese „Rache“ üben wollen. „Da ist unser Strafgesetz sehr klar – das ist dann der Straftatbestand der Verdunkelung. Und dafür geht der Beschuldigte sofort in U-Haft“, sagt Wolfgang Tittmann.