Höchsttempo vom Wind abhängig

ochem Ottersbach auf Tour mit
ochem Ottersbach auf Tour mit
Foto: WP

Arnsberg..  Die Mitglieder der Kleinschnittger-Euro-Interessengemeinschaft trafen sich dieses Jahr in Arnsberg auf dem Parkplatz der Sauerländer Spanplatte, wo damals die Fabrikationsstätte stand, in der Anfang der 50er Jahre die Autos zusammengebaut wurden.

Auch bei diesem Treffen ist Otto Kilpert mit seinen 83 Jahren wieder dabei, einst Testfahrer für den Arnsberger Autobauer Paul Kleinschnittger. „Ich habe sie alle 15 Kilometer auf dem Werksgelände gefahren und kleinere Mängel behoben, bevor sie an die Kunden übergeben wurden“, erinnert sich Kilpert, „es waren genau 1998 Stück.“

Rolf Wrede ist aus seinem Heimatort in der Nähe von Bremen „auf eigener Achse“ in seinem knallroten Kleinschnittger F 125 angereist. Er bietet eine Probefahrt auf dem Beifahrersitz an. Ungeschickt, weil ungewohnt, hievt man die Beine über die niedrig ausgeschnittene Bordwand des türenlosen „Autochens“ und sitzt recht weich und bequem auf der schmalen Polsterbank des Zweisitzers mit Schulterschluss zum Fahrer.

Dieser, etwas größer gewachsen, hat nicht nur die Hände, sondern auch fast die Knie am zierlichen Dreispeichenlenkrad.

Das nüchterne Armaturenbrett zeigt Tachometer und Zeituhr im Kleinformat. Außerdem zwei Kon­trolllämpchen, einen nach rechts und links umlegbaren Kippschalter für die Blinker zur Richtungsanzeige und das Schloss für den Zündschlüssel. Der „Anlasser“ befindet sich in Form eines Seilzugs mit solidem Griff links unter dem Armaturenbrett. Rolf Wrede zieht kräftig wie bei einem Rasenmäher daran – und der Zweitaktzylinder des ILO-Motörchens mit knapp 125 Kubikzentimetern Hubraum erweckt unter Knattern und ­Blubbern seine sechs PS spontan zum Leben. Beim Gasgeben kommt dann ein kräftiges, schon fast aggressives Brummen hinzu, dessen Vibrationen sich merklich auf die Insassen übertragen. Das Wägelchen setzt sich dabei flott in Bewegung.

Rückwärtsgang ist Muskelkraft

Mit deutlich vernehmbarem Knacken werden die drei Gänge an einem Hebelchen an der Lenksäule geschaltet. Der serienmäßig fehlende Rückwärtsgang muss durch Muskelkraft ersetzt werden, um die 150 Kilogramm Fahrzeug­gewicht in andere Richtungen zu bewegen. Nimmt der Fahrer das Gas weg,schaltet sich ein Freilauf ein, und das Wägelchen rollt ­antriebslos blubbernd weiter. Das kleine Gefährt ordnet sich zügig in den Verkehr auf der B229 ein. Nahe über dem Asphalt schwebend, den Arm lässig auf der niedrigen Bordkante lehnend, lässt die Sicht aus einer gewissen Froschperspektive die modernen Autos ungewohnt groß erscheinen. Auf die Frage nach der Höchstgeschwindigkeit antwortet Wrede: „Das hängt vom Wind ab.“ Bei Rückenwind wirke die überdimensioniert anmutende Windschutzscheibe wie ein Segel, das den Wagen mühelos auf 70 Km/h treibe: „Da fliegt er fast.“ Wind von vorne habe jedoch bremsende Wirkung.

Mechanik zum Anfassen

Rolf Wrede ist leidenschaftlicher Kleinschnittger-Fahrer, der den Wagen oft zu Feierabendfahrten, aber auch zu längeren Touren durch reizvolle Gegenden nutzt. Diese ursprüngliche, gemächliche und luftige Fortbewegungsart, getrieben von der urwüchsigen, anfassbaren Mechanik, erlaube ein ganz spezielles Erleben von Landschaften und Natur, frei von Hektik. Nach der Probefahrt kann man sich diesen Spaß gut vorstellen.