Historische Kirchenglocke nach Stockum gebracht

Die Holter Glocke wurde in einer Prozession von Dörnholthausen nach Stockum getragen
Die Holter Glocke wurde in einer Prozession von Dörnholthausen nach Stockum getragen
Was wir bereits wissen
Fast 900 Jahre ist sie alt, die Holter Glocke. Warum genau der Klangkörper aus der Mitte des 12. Jahrhunderts einst von Stockum in die Martinuskapelle nach Dörnholthausen, ist unklar. 1984 so gerade vor dem Schrotthändler gerettet, wurde die Glocke am Sonntag zurück an ihren Ursprungsort gebracht.

Stockum..  Ein überglücklicher Schützenkönig hat ihr fast den Todesstoß versetzt. Gerettet wurde sie von einem aufmerksamen Bürger. Nun wird sie nach vielen Jahren wieder mit ihren „Schwestern im Klang“ vereint: Die Glocke, deren Geläut in Dörnholthausen bis zu ihrem Absturz im Jahr 1984 die Tage einteilte, wurde behutsam restauriert und gestern in der großen Pfarr-Prozession nach Stockum gebracht, wo sie nach Jahrzehnten endlich wieder mit den beiden anderen Glocken aus dem gleichen Guss von 1150 gemeinsam erklingen darf.

Dorflegende um eine Glocke

Dass die drei romanischen Glocken überhaupt „aus einem Guss“ sind, hat erst der Glockenbeauftragte des Erzbistums Paderborn herausgefunden. Dechant Dr. Gerhard Best, damals noch Student, kam im November 1984 zu dem Urteil: „Es handelt sich um eine romanische Glocke in der sogenannten Zuckerhutsform, die durch einen deutlichen Schlagring – hier mit drei wulstartigen Stegen versehen - und eine fast gleichmäßig steil ansteigende Wandung ohne Krümmung der Flanke ausgezeichnet ist.“

Das Gutachten wurde kurz nach dem „Absturz“ der Glocke verfasst. Vor lauter Freude über den goldenen Treffer hatten der damalige Schützenkönig und sein Gefolge mit zu viel Energie den Sieg eingeläutet. Mit dem eigenen Hausschlüssel, der zufällig auch ins Kapellenschloss passte, kam der König ins Heilige Haus und streckte im Übermut die Glocke nieder. Fast wäre das kaputte Geläut Beute eines Lumpensammlers geworden, wenn sich nicht der damalige Dorfvorsteher Johannes Willecke für ihren Erhalt eingesetzt hätte. Willecke, wird erzählt, brachte die Glocke in seinem Schlafzimmer in Sicherheit.

Dass sie in Dörnholthausen nicht mehr den Ton angeben würde, war schnell klar. Eine neue Glocke war in Auftrag gegeben worden, innerhalb kürzester Zeit hatten die Holter eine hohe Summe für den Ersatz rechtzeitig zum Martinusfest gesammelt. Dass sich eine Restauration der „alten“ Glocke lohnte, hatte schon das Gutachten des damaligen Studenten Dr. Best nahe gelegt.

Die Arbeit lohnte sich: „Die Glocke ist in ihrer Klangfähigkeit vollkommen wiederhergestellt und in ihrem Volumen wesentlich schöner und origineller als viele moderne Glocken“, befand der Fachmann im Abnahme-Gutachten von 1989. Doch im Glockenturm von Dörnholthausen war es zu eng, als dass die alte Dame ihren Klang neu entfalten konnte. Außerdem war sie nicht an die neue elektrische Zeitschaltung angeschlossen und wurde nur noch von Hand bei der heiligen Wandlung zum Klingen gebracht.

Klar wurde durch die Arbeit von Dr. Best, dass die alte Glocke der Dörnholthausener kein Einzelstück war: Sie weist die gleiche Gestalt auf wie die beiden romanischen Glocken in der Pankratiuskirche in Stockum, die im Gutachten als „ältester erhaltener Glockenrest in Westfalen“ herausgestellt werden.

Um 1150 müssen die Glocken gemeinsam gegossen worden sein. Wie eine von ihnen den Umweg nach Dörnholthausen machte, ist noch unklar. Vermutet wird, dass die Glocke ein Geschenk der Muttergemeinde Stockum für die barocke Martinuskapelle war, die 1611 erstmals erwähnt ist. Letztlich ist es auch der Einsatz von Monsignore Konrad Schmidt, dem gebürtigen Stockumer, zu verdanken, dass die Schwestern nun zusammen erklingen dürfen.

Vertraglich zugesichertes Solo

Vier junge Männer aus dem Dorf brachten das 60 Kilo schwere Bronzestück gestern mit der Prozession nach Stockum. Dort wird er nach Jahrzehnten endlich wieder zu hören sein, der „romanische Dreiklang“. Bis zum Martinstag im November sollen die drei romanischen Schwestern auf jeden Fall wieder zusammen im Turm hängen.

Ein Soloauftritt bleibt der Holter Glocke aber vertraglich zugesichert. Am Martinusfest soll sie laut Übergabevertrag zunächst zwei Minuten allein erklingen, bevor die Geschwister einstimmen. Fast ein wenig wehmütig winkte der Glocke gestern der Vorsitzende der Dorfgemeinschaft, Egbert Schulte, hinterher: „Mach es gut, Holter Glocke!“