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Das Handy als Hilfslehrer an Schulen in Südwestfalen

02.06.2015 | 13:00 Uhr
Das Handy als Hilfslehrer an Schulen in Südwestfalen
Mit Tablet und Handy wird der Mathematik-Unterricht für die Schüler des Franz-Stock-Gymnasiums in Arnsberg anschaulicher.Foto: Volker Hartmann/Funke Foto Services

Arnsberg.   Im internationalen Vergleich sind die digitalen Kompetenzen deutscher Schüler mittelmäßig. Bund und Land wollen Nachhilfe geben. Arnsberg ist Vorbild.

Ein paar falsche Vokabeln. Darüber hätte sich die Englischlehrerin wohl kaum gewundert. Aber ein ganzer Text, der zwar mit geschliffenen Redewendungen gespickt war, jedoch überhaupt keinen Sinn ergab? Es dauerte eine kleine Weile bis Jenny Radzimski-Coltzau dem Schüler auf die Schliche kam: Er hatte die Facharbeit zunächst auf Deutsch verfasst – und dann durch die Google-Übersetzungsmaschine geschickt.

Ein Beispiel, das zwar schon einige Jahre alt ist, aber wohl immer noch gut erklärt, warum man sich in Berlin derzeit Gedanken macht, wie man den Unterricht und damit die Schüler fit machen kann für die Digitalisierung. Noch vor der Sommerpause wollen CDU und SPD einen gemeinsamen Antrag im Parlament verabschieden. Demzufolge soll der Bund bei den Ländern darauf drängen, dass sie die notwendige technische Ausrüstung zur Verfügung stellen, Lehrer für den Unterricht mit digitalen Medien aus- und fortbilden sowie die digitale Medienkompetenz in den Lehrplänen verankern.

Schüler wissen nicht, wie sie gezielt Informationen sammeln können

Denn im internationalen Vergleich sind Schüler hierzulande mittelmäßig, wenn es um digitale Kompetenzen geht. So das Ergebnis der bereits im vergangenen Herbst veröffentlichten Studie „International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS).

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Das mag überraschen, weil die Jugendlichen im Alltag kaum von ihren Smartphones und Tablets zu trennen scheinen. „Sie wissen zwar genau, wie man die Geräte bedient, aber nicht, wie man gezielt Informationen sammelt, also wie man beispielsweise passende Schlagwörter in Suchmaschinen eingibt. Sie haben leider auch zu einem nicht unerheblichen Anteil nur geringe Kompetenzen, wenn es um das Filtern, Interpretieren und Bewerten von digitalen Informationen geht”, sagt Birgit Eickelmann. Die Professorin an der Uni Paderborn hat die internationale Studie gemeinsam mit Professor Wilfried Bos von der Uni Dortmund in Deutschland koordiniert.

Missglückte Nutzung von Übersetzungsmaschine

„Der unreflektierte Umgang hat uns vor Jahren große Sorgen gemacht“, bestätigt Lehrerin Jenny Radzimski-Coltzau – und führt als Beispiel die missglückte Nutzung der Übersetzungsmaschine an. Heute ist ihre Schule, das Franz-Stock-Gymnasium (FSG) in Arnsberg, vorbildlich beim Einsatz von Smartphones und Tablets im Unterricht.

Ein Beispiel, das zeigt, dass es ohne Millioneninvestitionen in die technische Ausstattung der Schulen geht. „Man kann morgen damit starten“, so die Botschaft von Schulleiter Andreas Pallack.

Mathe mit John Travolta

Auf dem Schulhof in den Pausen sind die Smartphones, die nahezu alle Schüler besitzen, zwar verboten, im Unterricht aber erwünscht. Zum Beispiel beim Funktionentanz: rechter Arm schräg nach unten, linker diagonal in die Höhe, wie einst John Travolta in „Saturday Night Fever“. So stellen die Zehntklässlerinnen in Mathe kichernd die Funktion f(x) dar. Das ganze mit dem Smartphone gefilmt und mit Musik unterlegt.

„Das werden auch mathemüde Jugendliche nie mehr vergessen, erklärt FSG-Direktor Dr. Andreas Pallack das Ziel. Ebenso wenig die Experimente im Chemieunterricht. Mit dem Tablet dürfen die Siebtklässler die Versuche filmen. Um dann in der Deutschstunde die Bilder zu betrachten – und eine anschauliche und präzise Beschreibung darüber zu verfassen. Von Hand, mit Stift und auf Papier, wie Lehrerin Radzimski-Coltzau betont.

Kommentar

Zeus-Reporterin Hanna Saffrich macht sich Gedanken über die Ausmaße des Smartphone-Gebrauchs unter Jugendlichen.

Die Methoden haben sich die Lehrer am Franz-Stock-Gymnasium autodidaktisch angeeignet. Denn in der Lehrerausbildung ist der Umgang mit den digitalen Medien tatsächlich noch nicht verankert, wie man auch an der Universität Siegen bedauert. Zwar hat die Uni längst ein elektronisches Schulbuch entwickelt, setzt selbst interaktive Lernsoftware in der Ausbildung ein. „Doch das sind nur erste Schritte, wir würden uns viel mehr wünschen“, so Manuel Froitzheim vom Zentrum für ökonomische Bildung.

Lehrerausbildung vor der Reform

Das NRW-Schulministerium hat bereits eine Reform angekündigt: Medienkompetenz und die Anwendung digitaler Medien sollen künftig in der Lehrerausbildung obligatorisch werden.

Geändert werden müssten allerdings auch die Lehrpläne an den Schulen, fordert Birgit Eickelmann. Vor allem, so Andreas Pallack, sollte das Gelernte in zentralen Prüfungen abgefragt werden wie Mathematik, Deutsch und Englisch auch. Ohne Übersetzungsmaschine.

Nina Grunsky

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Das Handy als Hilfslehrer an Schulen in Südwestfalen
Das Handy als Hilfslehrer an Schulen in Südwestfalen
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2015-06-02 13:00
Arnsberg