Gipfelwerk der Tonkunst in Hüsten

Die Matthäuspassion in St. Petri Hüsten
Die Matthäuspassion in St. Petri Hüsten
Foto: Werner Hümmeke
Die Matthäus-Passion wurde erstmalig in der St. Petri-Kirche in Hüsten aufgeführt. Das Gipfelwerk der abendländischen Tonkunst begeisterte die Zuhörer und den Maestro Peter Volbracht.

Hüsten..  „In dieser Woche habe ich dreimal die Matthäuspassion des göttlichen Bach gehört, jedes Mal mit dem Gefühl der unermesslichen Bewunderung. Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium“, schrieb der große Gottesleugner Friedrich Nitzsche 1870 an einen Freund. Am vergangenen Palmsonntag kam es in der altehrwürdigen Hüstener Petrikirche erstmals zu einer Aufführung dieses Gipfelwerks der abendländischen Tonkunst. Tief bewegt und dankbar verließ nach dreieinhalb Stunden das zahlreich erschienene Publikum das Gotteshaus.

Projektchor aus Hüsten

Nach ermutigenden Erfolgen mit oratorischen Aufführungen seiner Chöre an St. Petri - Puccini „Missa di gloria“, Gounod „Cäcilienmesse“, Mozart „Requiem“ - wagte sich Kantor Peter Volbracht an Bachs „Große Passion“. Um die gewaltige doppelchörige Anlage der Passion angemessen in Szene setzen zu können, konnte er zusätzlich zum Projektchor Schola Canticorum Hüsten, in dem auch Mitglieder des Kirchenchores singen, die passionserfahrene Mendener Kantorei zur Mitwirkung gewinnen.

Dessen Leiter, Johannes Krutmann, erwies sich als ein versierter Begleiter am Orgelpositiv. Nach dem ruhigschwingenden, sich immer mehr steigernden Eingangschor „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“, konnte man sicher sein: Das Wagnis würde gelingen. Das Barockorchester Münster mit seinem Konzertmeister Andreas Klingel spielte sehr engagiert. Dabei lieferten die historischen Instrumente ein besonders authentisches Kolorit. Präzise kamen die Einwürfe „Wohin“ des zweiten Chores zu den Klagen. Den hellen, klaren Sopranstimmen des Jugendchores St. Petri glaubte man die Choraleinschübe „O Lamm Gottes unschuldig“.

Zwischen Jesus und Judas

Ein riesiges Pensum bewältigte Nils Giebelhausen als Evangelist. Stimmlich immer präsent, war sein Vortrag lebendig und packend. Thomas Iwe verlieh seinen Arien tenoralen Glanz, wunderschön z.B. in der Arie „Geduld“. Der Bassist Thilo Dahlmann musste gleich in mehrere Rollen schlüpfen. Dabei kamen ihm Volumen und Gestaltungskraft entgegen: Der Jesus-Partie verlieh er warmen Klang zu samtenen Streicherklängen, den Judas sang er mit hämisch-fisteliger Tongebung. Wie Dahlmann war auch die junge Altistin Franziska Orendi geradezu die Entdeckung des Abends. Auch sie besitzt einen großen, in den Lagen ausgeglichenen Tonumfang. Gleich bei ihrer ersten Arie„Du, lieber Heiland du“, war es ein Genuss, ihrer schönen und ausdrucksvollen Stimme im Duett mit den Holzquerflöten zu lauschen. Nur Sopranistin Ina Siedlaczek war indisponiert und so konnte sich ihr eigentlich schöner, lyrischer Sopran wegen unpassender Atmung und undeutlicher Artikulation nicht voll entfalten.

Großes Pensum vom Maestro

Das größte Pensum hatte an diesem Abend Dirigent Peter Volbracht zu leisten, galt es doch, über drei Stunden in jedem Moment präsent zu sein und den großen Apparat zusammen zu halten, was dann auch vorzüglich gelang. Mit den Chören hatte er gute Vorarbeit geleistet und konnte nun die Früchte ernten: Der Chorklang war homogen, ausgewogen auch zwischen Frauen- und Männerstimmen. Durch dynamische Schattierungen klangen die Chöre zudem sehr lebendig bei guter Textverständlichkeit. Mit großer Anteilnahme wurde „O Haupt voll Blut und Wunden“ gesungen und das ungemein eindrucksvolle Glaubensbekenntnis „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“. Auch bei den gefürchteten raschen Einwürfen des Volkes mussten die Choristen singen wie Maestro Volbracht mit gebietender Zeichengebung forderte. Besonders feurig gelangten dann auch „Sind Blitze, sind Donner“ oder „Barrabam“.

Mit großer Empfindung wurde der unvergleichliche Schlusschor gesungen „Wir setzen uns mit Tränen nieder“. Nach Stille und dem Läuten der Petriglocke entlud sich die Spannung in einem riesigen Applaus für diese erste wunderbare Aufführung der Matthäuspassion in der Petrikirche Hüsten. Auch der Maestro Peter Volbracht war nachher ganz begeistert. „Ich bin glücklich“, lobte er alle an der Passion beteiligten Musiker, „ihr habt das alle wunderbar gemacht“.

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